Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1869)
- Date
- 1869-07-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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570 Pr. „Will Ihrem Gewissen keinen Zwang cmthun, bedecken Sie sich!" Michael setzte seinen Dreispitz aus -und spricht D-n -wib nmo \r\:v “ina. Pr.: „Wollen Sie dies auf Deutsch erklären?!" „Gelobt seiest Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du von Deiner Herrlichkeit auch Menschen mttgetheilt hast." Pr.: zum Adjutanten. „Eine erhabene Idee!" Darauf sprach der Erzherzog einige Worte in einer fremden Sprache zu einem Diener. Dieser entfernte sich schnell. Dann zeigte der Prinz auf einige Stühle, sprach: „Setzen wir uns" und ließ sich auf einen Feldstuhl nieder; die Andern folgten seinem Beispiel. — Darauf fuhr der Erzherzog zu reden fort. „Wie eS scheint, bietet Ihnen die Religion bei jeder Gelegenheit Pflichten zu üben dar." „Ja, Kaiserliche Hoheit! bei Freud und Leid, bei jedem Genuß und jeder seltenen Erscheinung sollen wir dem Schöpfer danken, der dieses alles erschaffen, gegeben und verhängt hat." — Unterdessen trat ein Mann ein, halb civil, halb militärisch gekleidet, mit einer großen Mappe unter dem Arm, machte eine Verbeugung, spräche einige Worte in fremder Sprache und setzte sich der Gruppe gegenüber; öffnete dann seine Mappe, nahm eine Tafel und einen Stift heraus, warf einen scharfen Blick auf Michael und fing an zu zeichnen. Wolf, als Weltmann, merkte sogleich die Absicht des Prinzen und suchte seinen Vater, so viel wie möglich in Lebhaftigkeit zu erhalten. Der Prinz erkundigte sich nach der Anzahl der jüdischen Familien des Ortes, nach der Einwohnerzahl, nach den bürgerlichen Verhältnissen, Nahrungszweigen u. d. g. So spann sich das Gespräch fort bis nach fünf Uhr. Jetzt zeigte sich bei Michael einige Verlegenheit; er raunte Wolf zu n:w Dieser erhob sich: „Kaiser!. Hoheit wollen gnädigst erlauben: es ist heute Freitag, Abends sechs Uhr geht der Sabbat an. Mein Vater, als Vorsteher, ist gewöhnt einer der ersten bei dem Gottesdienst zu erscheinen. K. H. wollen uns gnädigst erlauben, uns zu verabschieden." Der Prinz wendet sich zum Maler „pouvez-vous acheyer?“ „encore quelques rayons“ Pr. zieht die Uhr. „Ist erst fünf, wollen noch einige Minuten verziehen." Zu M. „Ich lasse Ihr ehrwürdiges Gesicht copiren, ist bald geschehen." M. ward hierüber etwas verlegen. „Ew. K. H.!" „Seien Sie unbesorgt, so sehr auch Sie einem Heiligen ähnlich sind, so soll doch Ihr Bild eine solche Devotion nicht erfahren. Ich will es nur zum Andenken mitnehmen. Nun erlaube ich Ihnen, sich zu entfernen. Beten Sie auch für uns. —" Sabbat Mittag, als Michael mit seiner Familie und acht Armen am Tische saß und bereits mit dem Esten fertig war, trat der Prinz mit seinem Adjutanten in das Zimmer. Alles «hob sich und entblößte das Haupt. D« Prinz, mit ein« leichten Handbewegung: „Bin nicht gekommen, zu stören! Setze sich jed« wied« auf seinen Ort". Der Prinz und sein Adjutant ließen sich auf die angebotenen Stühle nieder- „Nun, Großvater! fidlen Sie mir Ihre Familie vor." „Zu dimen, Kais. Hoheit! dieses ist meine Hausfrau; jen« mein jüngster Sohn, d« «st geheirathet hat„ dieses seine Frau u. s. w." „Ab« ich sehe dort acht P«sonen, die nach ihrem Aeuß«lichen nicht Ihr« Familie angehören können." „„Diese sind heimathlose Arme, auf das Mitleidihr« Mitmenschen angewiesen. Bereits in allen Inden-Orten ist die Einrichtung getroffen, daß diese bedauernswürdigen Armen Speise und Herberge erhalten."" „Ab« so viele fremde P«sonen zu speisen, welche die Zahl Ihrer Familienangehörigen übersteigen!" „Ich weiß nicht, esse ich mit ihnen, oder sie mit mir. Es heißt in der heiligen Schrift: „Gott gibt Speise allem Fleisch, denn ewig währet seine Gnade." Pf. 136, 25. Ich bin nur der Vollzieher seiner Anordnung." Der Prinz warf seinem Adjutanten einen bedeutsamen Blick zu. „Woher kommt aber dieses" sagte er, „und wie wäre ihm abzuhelfen?" — Michael mit einer verlegenen Miene: „Sind Juden nicht alle heimathlos! Müssen wir uns nicht alle mit schwerem Gelde unfern Aufenthalt erkaufen und zu erhalten suchen! Würde man diesen Leuten eine Heimath geben, sie zur nützlicher Beschäftigung, veranlassen, so würde man sich ein großes Verdienst um die Menschheit erwerben!" Adjutant: „Aber die Einsassen werden sich für einen Zuwachs bedanken." Michael: „Wenn man Eigennutz, Vorurtheil und Engherzigkeit um Rath stagen würde, könnte nie etwas Gutes zu Stande gebracht werden." — Prinz: „Solche edle Gesinnungen sind des Andenkens würdig." Zieht sein Portefeuille heraus und schreibt etwas hinein. Diese Reden blieben nicht unfruchtbar, denn gleich nach dem Frieden kam in ganz Deutschland die Verordnung, daß alle vagabundirende Juden als heimathberechtigt dahin gewiesen wurden, wo sie geboren worden, oder sich verehelicht hatten. Diese nannte man Einleger; und wirklich sind die meisten ihrer Nachkommen thätige Gewerbsleute; ja es gibt sogar Chefs großer Geschäftshäuser, die von ihnen abftammen. Am Sonntag nach unserer Erzählung vollendete der Maler -das Portrait unseres Michael Dreifuß. Der Prinz ließ darunter setzen: Michael Dreifuß, die Religion in Person. Das Bild soll sich noch heute in Wien in der Kaiserlichen Bild«gallerie vorfinden.