Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1869)
- Date
- 1869-07-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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566 Juden vorüber, ohne ihm Gelegenheit zu einem Gewinne zu bieten. Diese Änderung in den Verhältnissen trifft zwar den Handwerkerstand, der sehr zahlreich in Polen vertreten ist', sogar in Bezug auf solche Gewerbe, denen sich bei uns der Jude selten widmet wie z. B. Maurer und Zimmermann, nicht unmittelbar, aber mittelbar leidet er darunter, denn eine große Zahl früherer Kunden und Arbeitgeber ist nun verarmt, selbst zum Bettler geworden. Ohnedies mag es mit der Tüchtigkeit dieses Handwerkerstandes nicht besonders gut bestellt sein, auf der Höhe der Zeit befindet sich derselbe sicherlich nicht. Wie das chinesische Reich gegen Auswärts abgeschlossen, haben diese Handwerker nichts verlernt, aber sicherlich auch nichts dazu gelernt, ihnen sind alle Fortschritte und Erfindungen des übrigen Europas völlig unbekannt; während alles vorwärts ging, sind sie stehen resp. zurückgeblieben. Dem wirklichen, mit den nöthigen Kenntnissen versehenen Kaufmannstande gehört eine so verschwindend kleine Minderheit an, daß solche hier nicht weiter in Betracht kömmt. Die Hauptmasse der Bevölkerung besteht demnach aus einem wenig befähigten Handwerkstande und zum größten Theil aus herabgekommenen, nie an Arbeit gewöhnten uud daher auch dazu wenig geeigneten Leuten, und diese sollten in großen Massen mit Weib und Kind nach Amerika geworfen werden, einem Lande, wo mit Hochdruck gearbeitet werden muß, wo nur die besten Arbeitskräfte vorwärts kommen und wo ohnedies Abneigung und Mißtrauen gegen Polen herrscht? Unter Maffenauswanderern wären sicherlich viele völlig unbrauchbar und dem größten Elend, der größten Noth ausgesetzt, so daß sie noch Gott danken müssen, wenn die Amerikaner die Barmherzigkeit haben, sie zurücktransportiren zu lassen. Der Vergleich mit dem irischen Trunkenbolde ist nicht zutreffend, da dieser im nüchternen Zustande der beste Arbeiter ist. Nun zu Freund T. in Stettin. Nach dem Schnorrer könne man nicht eine ganze Bevölkerung beurtheilen; sehr wahr, denn ein solcher Maßstab angelegt, würde ein sehr ungünstiges Resultat ergeben. Wäre aber in Westrußland ein solcher Uebersiuß an wichtigen und billigen Arbeitskräften, so müßten solche schon längst, zum mächtigen Strome angeschwollen, die User überschritten und die angrenzenden Länder überschwemmt haben. Würde nicht, wenn es gilt, Brod für Frau und Kind zu schaffen, selbst der gebildete, deutsche Mann zu Hacke und Spaten gegriffen und die fehlende Uebung durch Eifer uud Ausdauer ersetzt haben? Diese Ueberfluthung müßte sich aus immer weitere Kreise ausdehnen und schon längst mindestens ein Bortrab auch im Süden eingetroffen sein. Nichts davon war aber noch zu bemerken, bis zur Stunde hat noch keiner der polnischen Hilfesuchenden Arbeit verlangt. Ist dieser gänzliche Mangel an Arbeitssuchern nicht ein genügender und vollgiltiger Beweis, daß die Arbeitskraft- und lust zu Hause nicht im Uebermaße vorhanden? Sie sagen zwar, verehrter Herr T., daß feit niyiar 160 Personen, Männer, Frauen und Kinder dort durchgekommen zum Theil mit schwieligen Händen, denen man wohl glauben durfte, daß sie arbeiten wollten, und nach Berlin weiter befördert wurden. Warum hat man ihnen aber nicht an Ort und Stelle Arbeit verschafft? Stettin ist eine Seestadt, die ein ganzes Heer von Arbeitern beschäftigt, sollte sich dort kein Plätzchen für jüdische Arbeiter stnden? Sicherlich würde dies wohl zu ermöglichen sein, wenn man nur dort an die Arbeitsfähigkeit dieser Leute glaubte; man traut ihr aber auch dort nicht ganz und schaffte diese zweifelhaften Arbeitssucher so schnell wie möglich vom Halse. Dem Beispiele Stettins folgt Berlin, Hamburg, ganz Deutschland. Wir Deutsche wagen also den Versuch mit polnischen Arbeitern nicht, deßhalb nach Amerika mit ihnen, je weiter je besser; ja wohl, wenn nur das Wiederkommen nicht wäre. Viel vernünftiger erscheint es mir, den Versuch immerhin gleich bei ihrem Eintritt in Deutschland zu wagen, um so mehr als, wie Sie sagen, schon einzelne polnische Handwerker dort bestehen, riskirt ist überhaupt nicht viel dabei, gehts nicht, so können sie immer noch weiter geschafft werden. Sollte sich aber das einmal nicht wegzuleugnende, allgemeine Mißtrauen nicht rechtfertigen, sollte es gelingen, ehe die Reise sie verdorben und die Wanderlust den letzten Thätigkeitstrieb erstickt hat, sie zu brauchbaren Arbeitern heranzubilden, dann wäre ungemein viel erreicht, dann wäre etwas Großes geleistet. Bei uns ist die Möglichkeit des Erfolges wenigstens vorhanden, bis sie aber nach Amerika kommen, hat die lange Unthatigkeit der Reise sie vollends zur Arbeit unfähig gemacht. Die auch von der verehrlichen Redactton dieser Blätter befürwortete und von Herrn vr. Rülf bereits | ins Werk gesetzte Auswanderung nach Rußland erscheint mir trotz der von unserem verehrtenFreunde, Herrn T. wenn auch nur «pona angedeuteten Bedenken j als empfehlenswerth und ausführbar; allerdings gelangen sie dann noch nicht in das gelobte Land der Freiheit, ihr materielles Wohl ist aber verbessert und das ist vorerst die Hauptsache. Bei alldem würde man sich einer argen Täuschung hingeben, wollte glauben, daß durch diese Maßregel allein, selbst wenn sie von der Regierung unterstützt wird, dem Uebe^ abgeholsen werden könne; dasselbe ist so umfangreich und so ausgedehnt, daß es verschiedener Heilmittel bedarf, wenn ihm ernst zu Leibe gegangen werden j soll. Die allgemeinen Sammlungen genügen ebenfalls! nicht wenn; auch die Gaben reichlich fließe» und em Z-de non fehle fonn arch« voll. gewi svnd> die! 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