Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1869)
- Date
- 1869-07-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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X. Jahrgang. Erste Beilage zu Rr. 29 des Israelit. Leitender Artikel. Zur Hktrurrg -es Notdstan-rs in Wrstinßlllnv. i. Mainz, 16. Juli. Herr Albert Cohn aus Paris hatzu seinem Ruhmrskranze eine neue herrliche Blume gefügt. Durch seine Vermittelung haben die Frau Baronin James und deren Söhne Alphonse, Gustav und Eduard von Rothschild dem Unterstützungscomite zu Memel 24,000 Frs. überwiesen, als Anfang zur Ausführung des Planes, die Einwanderung der Nvthleidenden in Westrußland nach dem Innern Rußlands zu bewerkstelligen. Heil den Edlen, die so Großes thun, Heil ihnen, daß sie solche Rathgeber wie Herrn Albert Cohn haben. Wir haben uns sofort brieflich an ein hochverehrtes Mitglied des Freiherrlich Rothschild'schen Hauses zu Frankfurt a. M. und ein solches desselben Hauses zu London gewandt, um diese ebenfalls durch ihre Wohlthätigkeit hervorragenden Häuser zu veranlassen, daß sie dem in Paris gegebenen glanzvollen Beispiele Folge leisten mögen. Gebe der Allgütige Gelingen! — II. Frankfurt, 5. Juli 1869. In Nr. 25 dieser Blätter kömmt Herr T. in Stettin auf seinen Vorschlag, die Emigration der polnischen Juden nach Amerika zu befördern, zurück; ohne die menschenfreundlichen Absichten dieses Herrn zu verkennen, glaube ich dennoch diesen Vorschlag als unausführbar und unpractisch wiederholt bekämpfen zu müssen. Um ein richtiges Verständniß für die polnischen! Verhältnisse zu erlangen, müssen wir zunächst die Ursachen der jetzigen, fast beispiellosen Noth aufsuchen. Solche bestehen nicht in Mißwachs und Theuermtg; denn weder das eine noch das andere hat in den lletzten Jahren stattgefunden, sondern nur in Erwerbsunfähigkeit und Nahrungslosigkeit des größeren »Theils unserer polnischen Brüder, Üebel, nicht tempo- I rarer Natur, welche zu chronischen Leiden geworden und Idie erst beseitigt werden müssen, wenn wieder Kessere und normale Zustände herbeigesührt werden Dollen. I Mit dem Ruine des polnischen Adels und der lAüfhebung der Leibeigenschaft war auch der polnische iJude ein ruinirter Mann. Bei der Prunk- und Verschwendungssucht dieses Adels, bei dessen Leichtsinn und immerwährender Geldverlegenheit war er ganz in den Händen des polnischen Juden. Dieser war es, der die manigfachen Verbrauchsgegenstände herbeischaffte, der den Verkauf aller GutSertrüge besorgte. Bei der Mannigfaltigkeit dieser Kaufs- und VerkaufSobjecte genügte nicht ein Lieferant, sondern fast ein ganzer Ort lebte von einem Edelmanne: Jeder bemühte sich irgend einen, wenn auch noch so unbedeutenden Artikel ausfindig zu machen, den er liefern oder vermakeln konnte, und bei der Genügsamkeit des Juden genügte der kleine Gewinn für seine geringen Bedürfnisse und fehlte demnach jede zwingende Veranlassuung, eine erfolgreichere aber auch anstrengendere Thätigkeit zu ergreifen. Nun aber haben sich die Verhältnisse total geändert, der polnische Adel ist total vernichtet, viele seiner Glieder schmachten in Sibirien, viele irren in der Verbannung umher und der noch im Lande gebliebene Theil ist entweder verarmt oder doch gezwungen, eine sehr einfache Lebensweise zu führen. An die Stelle des polnischen Adels sind znm Theil andere Gutsbesitzer getreten, die bei der Feindseligkeit der vorhandenen Elemente für die eigne Existenz zu kämpfen haben und die, um nicht die ganze Wuth dieser Elemente hervorzurusen, Einfachheit mit Sparsamkeit verbinden z zum Theil aber suchen die ehemaligen Leibeignen sich zu Herren des Bodens zn machen. An diesen Letzteren auch nur einen Kopeken zu verdienen, scheitert selbst die ausgezeichnete Raffinerie eine? polnischen Juden. Lumpen, zum Theil selbst gearbeitete Stoffe bedecken seinen Leib, er ißt nur, was er selbst auf dem von ihm bebauten Boden producirt, Verweichlichung und Luxus sind ihm gänzlich unbekannte Begriffe. Was er für feine Bodcnerzeugnisse und seine Händearbeit erlöst, hält er schass zusammen, um sich dadurch allmählich in den selbstständigen Besitz des Bodens zu setzen, den er bebaut. Ihm ist der Jude zinspflichtig ohne Gelegenheit zur Revanche zu finden. Auch die Eröffnung der Eisenbahnen, die fast überall Handel und Verkehr beleben, hat dem Juden nicht allein keinen Nutzen, vielmehr wesentlichen Nachtheil gebracht, da er nicht den großen, sondern großentheils den Kleinverkehr vermittelt. Die Heerstraße zwischen Rußland und Deutschland führt durch Polen, Alles was nicht den Wasserweg wählte, mußte sie passiren und dem stets auf der Lauer stehenden, zu jeder Arbeit und Dienstleistung bereiten Juden Verdienst und Nahrung zuführen. Dies hat nun aufgehört, durch die Eisenbahn geht der Verkehr an unserem