Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1869)
- Date
- 1869-07-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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yuwjpjRiwaRRK1 X. Jahrgang. Beilage zu Nr. 28 des Israelit. Leitender Artikel. ZUM neunten Ab! Nur noch wenige Tage, und wir begehen die traurige Gedenkfeier des neunten Ab, jenes unheilvollen TageS, oh dem der erste und der zweite Tempel durch Feindeshand zerstört, und durch die in sie geschleuderte Brandfackel dieser zu Schutt und Asche umgewandelt worden. Wie jeder Mann bekannt, sind es die Klagelieder Jeremia's, die wir am Eingang dieses bedeutungsschweren Tages an heiligster Stätte recitiren, Klagelieder, die jedem aufmerksamen Leser derselben sofort die Ueberzeugung verschaffen, daß der Schmerz des Propheten ein die tiefsten Tiefen feiner Seele und feines Herzens durchdringender gewesen, und darum auch seinem Ausdrucke in Worten, die er dem Falle Jerusalems und des jüdischen Reiches geliehen, an hinreißender und ergreifender Gewalt nichts Gleiches an die Seite gestellt werden kann. Der Midrasch begleitet fast jeden einzelnen Satz dieser Klagelieder mit seinen äußerst sinnreichen Bemerkungen, von denen ich nur einen einzigen den Lesern des „Israelit" hier vorführen und nach Kräften erläutern will. Derselbe lautet: „Rabbi Simeon sprach sich darüber aus: Alles, was an Israel von seinen Gottesmännern, den Propheten, als sünd- und lasterhaft schwer gerügt worden, wird im entgegengesetzten Sinne von Rachab als hohes Lob von der heiligen Schrift hervorgehoben. Bei Rachab heißt es in ihrer Ansprache an die Kundschafter Jerichos: „So schwöret mir bei dem Ewigen, da ich so liebevoll an euch gehandelt!" (Jos. 2. 12.) von Israel hingegen heißt es: „Wenn sie selbst: So wahr der Ewige lebt!" sprechen, so schwören sie dennoch falsch!" (Jer. 5, 2.) — Bei Rachab heißt es: „Und lasset am Leben meinen Vater und meine Mutter..." (Jos. 2,13.), von Israel hingegen klagt Ezechiel, der Prophet: „Vater und Mutter mißachteten sie in Dir" (Ez. 22, 7.) — Bei Rachab heißt es ferner: „Sie verbarg sie (die Kundschafter) unter die Flachsstengel" (Jos. 2. 6.), von Israel aber heißt es: Sie sprechen zym Holze: Mein Vater bis Du!" (Jer. 2. 27.) — Bei Rachab wird gesagt: daß sie „die Flachsstengel aus dem Dache zurechtgelegt hatte" (Jos. 2, 6.), von Israel hingegen heißt es: „daß sie sich auf den! Dächern zu des Himmels Heer bücken, dem Ewigen! zwar zugeschworen seien, aber beim Götzen! Malkdm schwörend" (Zeph. 1, 5.) — Bei Rachab! heißt es ferner, daß sie den Abgesandten Josua's gerathen: „Nach dem Gebirge geht, daß die Verfolger nicht auf euch stoßen" (Jos. 2, 16.) von Israel aber sagt Hosea aus: „Auf den Gipfeln der Berge opfern sie, und auf den Hügeln räuchern sie" (Hos. 4, 13.) — Rachab sagte zu den mehrerwähnten Kundschaftern: „Und gebet mir ein Zeichen der Wahrheit!" (Jos. 2, 12.), von Israel hingegen sagt Jeremia (9, 4) bedauernd aus: „Ein Jeder täuscht seinen Freund, und Wahrheit reden sie nicht; sie lehren ihre Zunge Lügen reden, mühen sich ab, Schlechtes zu thun." (Jal. Echa, Z. Der Eindruck, den das erstmalige Lesen der Worte Rabbi Simeon's hervorbringt, ist ein so seltsamer, daß man ihn kaum in Worten wiederzugeben vermag. Denn selbst derjenige, der in den Aussprüchen der Midraschlehrer mehr als geistvolle Spielereien zu erblicken gewohnt ist, bleibt beim Lesm der angeführten Worten einen Augenblick lang staunend mit der Frage stehen: Hat das eigenthümliche und ausfällige Gegenüberstellen der Rachab dem Gesammtkörper Israels, eine noch so entfernte Begründung, und in Folge dessen — Berechtigung? Aber auch nur einen Augenblick lang; dann taucht im Hintergründe unserer alten Lehrer zugleich das mehr oder weniger tiefe Verständniß ihrer oft merkwürdig klingenden Beispiele und Vergleiche in uns auf. — Was uns Rabbi Simeon sagen will, ist im Grunde genommen sehr naheliegender Natur. Er erinnert uns stüchtig an das Handeln der Rachab, an einige Worte, die sie unter vielen anderen zu d?n bei ihr eine gastliche Aufnahme gesuchten und gefundenen Kundschaftern geredet, die ein helles und wohlthuendes Schlaglicht auf ihre ganze Denk- und Empfindungsweise zu werfen geeignet sind, und eine um so gewaltigere und erschütterndere Wirkung auf unS Hervorbringen, wenn wir uns als Gegenstück die Denk- und Empfindungsweise . Israelis aus viel späterer Zeit, vor Augen halten. Ich sage nicht ohne Absicht: aus viel späterer Zeit, weil dadurch die erschreckende und unausfüllbare Kluft zwischen dem religiösen Thun und Lassen des heidnischen Weibes Rachab, das erst nicht lange vorher von den Wunderthaten Gottes für Israel gehört hatte, und dem lasterhaften und gottlosen Treiben derjenigen, die sich bereits mehr als ein Jahrtausend im Besitze der geoffenbarten Lehren von Sinai befanden, um so deutlicher hervortritt. — Der in ihrem heidnischen Glauben erzogenen Rachab gilt der Eid, bei dem Namen des Höchsten geschworen, als das Heiligste und Unverbrüchlichste auf Erden; Israel