Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1869)
- Date
- 1869-07-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447395-2447422--07383-2462981- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
, Und er fetzte seine Unterschrift unter dos Uriheil, Lessen Vollziehung nunmehr unwiderruflich beschlossen war. XII. Im Kerker. Rabbi Gerschom saß im Kerker, Verzweiflung im Herzen. „Du, o Gott, bist gerecht," sprach er, „und ich habe gesündigt, habe stlbst mein Geheimniß verraihen? O, daß ich so schwach war und mein Herz hing an dieses elende Weib, in dessen schönem Körper eine so falsche Seele wohnt! Deborah, Dich tadelte ich, ob Deines Argwohns, und wie war dieser so begründet! Und doch, was ist mein Vergehen, daß man mich lödten will? Ach, dieses Kunstwerk, das ich aus eitler Ruhmsucht gebaut, um dessentwillen ich Monate lang unterlassen habe, in der Gotteslehre zu forschen .— «ö hat mir Verderben gebracht! O, groß ist meine Sünde; vergessen hatte ich die Lehre Gottes, meines Schöpfers, einen Thron habe ich gebaut für diesen Kaiser, auf dem zu sitzen nur einem gottessürchtigen Herrscher ziemte! Nun tritt man mich unter die Füße; gefesselt sind meine Hände und bald soll ich eines schimpflichen Todes sterben! O, Gott, mein Gott, Du hast schon so oft mein Gebet erhört, erhöre mich jetzt! Zn Deiner Hand sind die Herzen der Könige; lenke Du das Herz des Kaisers Basil, daß ihn die Schandthat reue, die an mir jetzt vollbracht werden soll!" Kaum hatte der Rabbi sein Gebet beendet, so trat der Kerkermerster ein, um die Fesseln von Gerschoms Händen zu nehmen. Staatsgefangene durften nicht gefesselt werden. Schon glaubte der Rabbi, man käme, um ihn zu befreien; allein er täuschte sich. Der Kerkermeister verkündete nur die Abänderung der Todesart. Zu damaliger Zeit wurden Staatsverbrecher zum Hungertods verurtheilt; man brachte sie in einen alleinstehenden Thurm, gab ihnen Speise und Trank und verschloß dann den Thurm, um ihn nicht wieder zu öffnen bis nach dem muthmaßlich eingetretenen Tode des Gefangenen. Dann wurde der Leiche ein anständiges Begräbniß zu Theil. Rabbi Gerschom bat den Kerkermeister, zum Kaiser zu gehen und ihm zu sagen, daß der gnadeverheißende Ring dem Gefangenen entwendet worden sei. Allein der Kerkermeister blieb unerbittlich; er fürchtete zu sehr den Eunuchen Johann. Um Mitternacht öffneten sich wiederum die Kerlkerthüren. Der Patriarch trat ein und weckte den schlummernden Rabbi. „Meister," sprach er. „Ihr schlaft den Schlaf des Gerechten; ich weiß, daß Ihr kein Unrecht begangen; ich kenne die Ränke des Eunuchen." „0," bat der Rabbi, „so rettet mich, so geht zum Kaiser nnd enthüllt ihm Alles!" „„Und wer,"" sprach der Patriarch, „„wird mich dann vor der Rache des Eunuchen schützen?" " Doch, ich will Euch nicht allein retten, ich will Euch befördern und erheben; jedoch unter einer Bedingung!"" „Und die ist?" „..Seht, ich schätze und achte Euch; ich verehre Eure hohe Weisheit. Ihr könntet, wenn Ihr wolltet, zum Mitregenten des Kaisers emporsteigen. Ich biete Euch Leben, Freiheit, Macht, Ehre, Reichthum, wenn Ihr Euch taufen lassen, wenn Ihr Christ werden wollt!"" „So ziehe ich den Tod vor!" „„Seid nicht so halsstarrig! Der Eunuch Johann ist verhaßt im ganzen Kaiserreiche. Versprecht Ihr, mir darin zu Willen zu sein, so gehe ich gleich zum Kaiser, verkünde ihm Euren Entschluß, enthülle die unedlen Ränke des Eunuchen und Ihr schreitet, wie einst Joseph, aus dem Gefängnisse zum Throne, während der schlimme Eunuch statt Eurer sterben soll!"" „O, laßt mich, Herr, laßt mich lieber sterben. Besser hier elendiglich zu Grunde gehen als Gottes Gnade zu verlieren für die Ewigkeit." „„Und Euer Gott, läßt er nicht Euch, den Schuldlosen, gleich einem Verbrecher sterben? " „Sein heiliger Wille geschehe! Vielleicht will Er mich hier büßen lassen, was ich etwa Unrechtes gethan, damit Er mir vollkommen gebe die Seligkeit, die Er Seinen Frommen verheißen. Ach, ich möchte gern noch leben, noch nützen der Mitwelt und der Nachwelt durch die Kenntnisse, die ich mir erworben. Niemals aber werde ich mir Leben und Freiheit durch ein Verbrechen erkaufen!" „„Und nennt Ihr meinen Vorschlag ein Verbrechen?"" „O, es gibt kein größeres als abtrünnig zu werden dem Gotte der Väter und Seiner heiligen Lehre." „„So kann ich Euch nicht retten; so müsset Ihr denn sterben!"" „So Gott mich reiten will, so werde ich nicht sterben. Hat er aber meinen Tod beschlossen, so könntet auch Ihr mir nickt helfen." „„Ich hätte Euch gern geholfen — allein Ihr selbst wollt es nicht!"" „'Nein, ich will es nicht um den Preis, welchen Ihr fordert." „„So bereitet Euch zum Tode vor!"" „Ich bin bereit!" (Fortsetzung folgt.) Hier;« eine Beilage. Verantwortliche Redaction: I>r. Lehmann. — Verlag der Le 3»oux'schen Hofduchhandlung. — Dampf -SchneÜprefsendruck von Z. Gottsteben in Mainz.