Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1869)
- Date
- 1869-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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531 fett. Noch an demselben Tage wurde er vor Gericht gestellt. Der Eunuch Johann führte den Vorsitz; die übrigen Richter waren willfährige Ereaturen desselben. „Du bist angeklagt, Gerschom," redete Johann den Rabbi an, „Deinen Kaiser bestohlen und drei und einen halben Centner des Dir zur Herstellung des Thrones anvertrauten Silbers entwendet zu haben. Schon dadurch, daß'Du Dich weigertest, anzugeben, wie man den Thron wägen kann, daß Du frech Deinem Kaiser inö Angesicht gelogen und behauptet hast, Du wüßtest es nicht, schon dadurch hast Du Deine Schuld so gut wie eingestanden." „Und was berechtigt Euch," entgegnete Gerschom, „zu sagen, baß ich ein Verfahren, das Gewicht des Thrones zu bestimmen, kenne?" „„Weil wir nach Deinen eigenen Angaben den Thron gewogen haben. Wir haben ein Schiff ins Meer gelassen und genau bezeichnet, wie tief es ins Wasser gesunken; dann haben wir den Thron dahin gebracht und gesehen, um nie viel mehr durch deffen Gewicht das Schiff ins Wasser gedrückt ist worden; nachdem wir den Thron aus dem Schiffe entfernt, haben wir das letztere so lange mit Steinen beladen, bis diese das Schiff gerade so ins Wasser drückten, wie vorher der Thron. Dann haben wir die Steine gewogen und gefunden, daß ihr Gewicht, also auch das deö Thrones, um drei und einen halben Centner weniger beträgt als das des Dir überlieferten Silbers. Sprich, haben wir nicht gerade so verfahren, wie Du es Deinem Weibe anvertraut hast? '" Rabbi Gerschom erblaßte; also Melitta, seine geliebte Melitta hatte ihn verrathen! Er suhlte seine Kraft schwinden, seine Kniee schlotterten, und ein unnennbares Wehe durchzog sein Herz; er wollte sprechen, aber die stimme versagte ihm. Nur ein tiefes Aechzen, ein markerschütternder Klagelaut löste sich aus seiner beklemmten Brust. „Du schweigst," fuhr Johann zu reden fort, „Du bekennst also Deine Schuld?" „„Nein,"" rief der Nabbi da, mühsam nach Fassung ringend, „„nein, ich bin unschuldig. Doch ehe ich mich vertheidige, sagt mir, was habt Ihr mit meinem Weibe gemacht, daß sie Euch mein Geheimniß verrathen?"" Da trat Michael, der Paphlagonier, auf den Rabbi zu und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich will Dir Etwas anvertrauen, Jude, woran Du ersticken magst: Dein Weib ist mein Weib; ich kannte sie schon, eh'Du sie freitest! seit vierzehn Tatzen ist sie meine Geliebte!"" „„Du lügst!"" rief Gerschom entsetzt. „Ha, ha," lachte Michael, „und wo ist des Kaisers Ring, der Dich vor dem Tode schützen sollte? Se hat ihn genommen, als Du ihn ablegtest, um Dir die Hände zu waschen! Die süße Melitta hat ihn mir geschenkt als Pfand ihrer Liebe und Treues Ha ha!" Michael entfernte sich; der Rabbi sah ihm wie im Traume nach. Dann fiel er ohnmächtig zu Boden. Man bespritzte ihn mit Wasser, und er erholte sich wieder. Ein teuflicher Triumph leuchtete aus dem Gesichte des Eunuchen, als dieser zu fragen fortfuhr: „Du bist also Deines Verbrechens geständig?" „„Ich habe,"" sprach der Rabbi tonlos, „„kein Verbrechen begangen; schon vor dem Beginne der Arbeit habe ich dem Kaiser gesagt, daß ich bei einem so großen Werke die Gehilfen nicht genügend beaufsichtigen könne; auch mußte durch die Läuterung und durch die Aussonderung der Schlacken das Silber an Gewicht verlieren."" „Wenn dem so ist," entgegnete Johann, „warum weigertest Du Dich, dem Kaiser zu sagen, wie man das Kunstwerk wägen könne?" „„Weil ich den Haß meiner Feinde und Neider fürchtete."" „Elende, thörichte Ausflüchte. Ich hatte das Verbrechen für erwiesen. Der Angeklagte verdient den Tod durch Henkershand." „Ich theile die Ansicht Eurer Gnaden," sprach der zweite Richter. „Auch ich, auch ich!" riefen die Richter der Reihe nach. „So fälle ich das Urtheil: Gerschom, der Sohn des Jehudah, der Franke, soll durch den Strick des Henkers vom Leben zum Tode gebracht werden; sein Leichnam soll am Galgen verbleiben, bis die Vögel des Himmels sein Fleisch verzehrt haben. Dann soll er eingescharrt werden in unheilige Erde. Man führe den Gefangenen ab." Rabbi Gerschom wurde gefeffelt und in den Kerker zurückgeführt. Als der Eunuch Johann das Todesurtheil dem Kaiser zur Bestätigung vorlegte, änderte dieser es dahin ab, daß der Rabbi nicht den Tod gemeiner Verbrecher durch Henkershand sondern den der Staatsverbrecher sterben solle, denn so konnte er ihn bei Vorzeigung des Ringes leichter begnadigen. Auch schob er deßhalb die Unterzeichnung des Urtheils noch auf. Vergebens harrte der Kaiser, daß man ihm den Ring vorzeigen sollte; er sprach darüber gegen den Minister seine Verwunderung aus. „Der habsüchtige Jude," sagte Johann, „wird den kostbaren Ring verkauft haben. Möge mein kaiserlicher Herr sich dessen freuen! Wie leicht hätte dieser Jude etwa für den deutschen Kaiser oder für den Kalifen noch einen solchen Thron verfertigen können! Sein Tod befreit Euch von dieser Furcht." „„Daran habe ich auch schon gedacht,"" entgegnete der Kaiser. „„So mag er denn sterben!""