Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1869)
- Date
- 1869-07-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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527 Lrr auch om Rabbinerseminar französische Literatur lehrt. — Die sogenannte Reform vertritt „la Presse Israelite“, deren Redacteur ein aus Deutschland stammender Herr Schwab ist. Es cxistiren hier zwei große Synagogen und circa 30 kleine. Die eine Hauptsynagoge in der me de IST. D. de Naz. ist sehr lang, aber ziemlich schmal; sie besuchen die beiden Oberrabbinen. Die andere Hauptsynagoge ist die sephardische, in der am Sabbat die Orgel spielt. Wir haben sie nicht besucht. Zwei neue große Synagogen sind im Bau begriffen. Unter den Musäen des Louvre befindet sich auch eine Abtheilung für jüdische Antiquitäten, die aber bis jetzt noch nichts als Sarkophagfragmente aus Jerusalem und einen Sculpturrest aus dem heiligen Lande enthält. Im Garten des Musäum von Cluny find zwei jüdische Mazeboth aufgestellt, die ein Alter von etwas über 600 Jahre haben. Von den wunderbar schönen Bauwerken der großen französischen Hauptstadt erwähnen wir das noch nicht vollendete große Opernhaus, welches alle derartigen Gebäude der Welt übertrkffen wird. Wir erwähnen eö deßhalb, weil unter den die Fronte zierenden Statuen großer Tondichter sich diejenigen zweier Juden vorfinden: Meyerbeer und Halevy. Richard Wagner ist nicht dabei; wäre er darum gefragt worden, er hätte diests Arrangement sicherlich nicht gutg.heißen. Ueber das jüdisch-religiöse Leben der großen französischen Hauptstadt nach einem kurzen Ausenhalte von zehn Tagen ein Urthcil fällen zu wollen, wäre anmaßend. Aber eins ist, das leider nur zu sebr in die Augen fällt: das ist die öffentliche Cntweibung des Sabbats. Von circa 2000 jüdischen Geschäften, Fabriken, Comptoiren sind kaum hundert am Sabbat geschloffen. Noch schlimmer ist, daß, wie man uns er^ zählt, die Rabbinen hierfür kein strafendes Wort haben; wohl würde ein solches schwerlich von Erfolg sein, aber diese Wahrscheinlichkeit entschuldigt das Schweigen nicht. Ohne Sabbat kein Judenthum. O, möchten doch die geistigen Häupter der Pariser Synagogen wie Posaunenton ihre Stimme erheben und mahnen früh und spät! Und würden auch nur Wenige, ja nur Einer folgen und sein Geschäft am Sabbat schließen oder nur in einem jungen Manne dadurch der Entschluß gereist werden, die Entweihung des Sabbats zu unterlassen, so wäre euch das ein nicht zu unterschätzender Erfolg. Aber selbst, wenn Gottbehüte, die Mahnung ganz zwecklos sein sollte, so würden doch die zu Hütern des Gesetzes bestellten Rabbinen ihrer Pflicht genügen. Allein wir versprechen uns viel, viel mehr von Worten, die von Herzen kommen und zu Herzen gehen. Das jüdische Herz ist gar sehr empfänglich für alles Gute und Wahre; aber gepflegt und bearbeitet muß der Weinberg des Gottes Zebaoth toerben. — Literarischer Gericht. In einer Zeit so tieferregten Meinungsstreites, so hochwogender Parteileidenschaft im Gebiete der Religion wie die unsrige, liegt die größte Gefahr für jede Partei darin, daß sich die Mitglieder derselben über ihre Ziele und Wege, über sich selbst unklar sind, und eö muß die erste Maxime für die Führer der Parteien, für die „Rufer im Streite" sein, die Klärung der Meinungen und die Richtung der sich gegenüberstehenden Principien in ihren Kreisen anzubahnen. Eine in diesem Sinne unbedingt wirksame Kundgebung, zwar nicht eine durchaus freudige aber doch hoffnungsreiche hat unsre, die Partei des gesetzestreuen Judenthums, heute zu verzeichnen. Vor uns liegt der „ausführliche Rechenschaftsbericht von 35 Mitgliedern des ungarischen israelitischen Congresses, herausgegeben von Dr. I. Hildesheimer." Wenn der Name des Herausgebers, als des Mannes, zu dem das orthodoxe Judenthum vertrauend und freudig aufblickt, unsere Erwartungen sehr hoch zu spannen geeignet ist, so ist der Inhalt der Broschüre nicht minder unseren Erwartungen entsprechend und muß das Vertrauen und die Hoffnungen unserer Partei nicht nur, sondern auch das Interesse aller Unparteiischen in hohem Maaße erregen. Es ist von keinem Belang, daß hier speciell ungarische Verhältnisse vorliegen; wo und wie für unsere heilige Sache gekämpft wird, da sind wir mit allen unseren Interessen betheiligt; es sind überall dieselben Principien und Streitsragen, um die der Kampf geführt w rd. Die vorliegende Broschüre, die ziemlich umfangreich ist, (sie ist 13 Bogen stark) bildet doch nur den ersten Theil der Veröffentlichungen, die voraussichtlich noch einen ziemlich starken Band ausmachen werden, dessen Erscheinen Wohl von der Vollendung des noch nicht ganz ausgegebenen stenographischen Berichtes abhängig ist. Wir erhalten durch den Bericht die genauesten Details über die Taktik und die Entschließungen der Mitglieder dieser Fraktion innerhalb und außerhalb des Congresses. Die Namen der 35 Mitglieder dieser Fraction sind auf S. 2 alle aufgeführt und sind besonders die größeren von den Parteimitgliedern gehaltenen Reden vollständig abgedruckt. Wer die Verhandlungen des im verflossenen Winter in Pesth tagenden ungarisch-jüdischen Congresses verfolgte, wird es als am meisten störend empfunden haben, daß die Parteistellung, die Streitfragen, die Resultate so verworren und unklar erschienen. Man muß bekennen, daß die neologe Majorität in dieser Beziehung einigen Vortheil über die orthodoxe Partei hatte, wie denn natürlich für negirende Tendenzen, welche die Majorität vertrat, leichter ein Einigungspunkt gefunden ist.