Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1869-06-30 · Heft 26 (30.6.1869) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 26 (30.6.1869)
Date
1869-06-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447395-2447421--07366-2462963
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

516 „„WaS thue ich mit dem Flitter, wenn das Herz MemeS Mannes mir nicht voll und ganz gehört? «imm sie wieder zurück die Edelsteinen, den Sammet und die Seide — was soll das Alles mir, wenn mein Herz bekümmert ist? O, wäre ich doch gestorben, läge ich doch im Grabe bei meinen Eltern!"" „ Melitta, wie kannst Du so reden? Was nützt «L Dir, zu wissen, wie man den Thron des Kaisers wägt?" „„Gar nichts würde es mir nutzen, als daß ich die Gewißheit hätte, daß mem Gatte mich liebt und mir vertraut. Aber Du liebst mich nicht! So laß mich fortziehen aus Deinem Hause, erspare mir künftig den Kummer, mit der Feindin, die mich haßt, unter einem Dache leben zu müssen!"" . Melitta, HerzenSweib, wie könnte ich leben ohne Dich! Beruhige Dich, ich will es Dir sagen. Doch nein, ich kann es nicht, ich darf eS nicht!" „„Du kannst, Du darfst eS nicht? Wer hindert Dich daran?"" „Höre mir zu Melitta, ich will Dir eine Geschichte rrzählen, die ich einst in einem alten Buche gelesen habe. Salomo, der weise König, verstand die Sprache der Thiere und Vögel. Einst wollte er einen Diener, Elimelech hieß er, reich belohnen, da sprach dieser: „Großer König, willst Du mich belohnen, so gib mir Mcht Geld und nicht Geldeswerth, denn ich bin reich ^genug; aber lehre mich, die Sprache der Thiere und Vögel verstehen." — „ „Ich will Deine Bitte gewähren,"" sprach der König, „„aber wisse, an dem Tage, da Du diese Kunst einen Andern lehrst, sei es Mann oder Weib, mußt Du sterben."" Elimelech versprach, das Geheimniß zu bewahren, und Salomo lehrte ihn die Laute deuten, welche uns als unzusammenhängende Töne erscheinen, in der That aber eine Sprache hüben, in der Thiere und Vögel sich einander verständlich machen. Hochbeglückt kehrte Elimelech nach seinem Landgute zurück, das er bewirthschaftete. Er nahm ein Weib und lebte froh und glücklich. Eines Tages stand er neben seiner Frau am Fenster und schaute in den Garten. Dort war ein großer Teich, an dessen Ufer ein junger Storch und eine junge Störchin aus- undabspazierten. Der Storch warb um die Störchin, und diese benahm sich dabei so possierlich, daß Elimelech laut auflachen mußte. „Warum lachst Du, mein Freund?" fragte ihn sein Weib. „Siehe," sagte er noch immer lachend, „den Storch und die Störchin — sie führen ein Liebesgespräch!" — „„ Und wie so weißt Du daö?"" fragte erstaunt die Frau. — „Mich lehrte Salomo," entgegnete Elimelech, „die Kunst, die Sprache der Vögel und Thiere zu verstehen!" — „„Wie?"" fragte das Weib, „„Du verstehst diese göttliche Kunst und hast mir noch nicht davon erzählt? O, lehre sie mich!"" — „Ich kann nicht," erwiderte: Elimelech, „denn am Tage, da ich diese Kunst weiterlehre, muß ich sterben " — „„Du wirst nicht sterben!"" sprach die Frau, „„ich werde Dich nicht verrathen,"" — „ Aber Salomo's dienstbare Geister," entgegnete Elimelech, „werden sofort mich tödten!" — Allein sein Bitten und Flehen half nichts; die Frau quälte ihn solange, bis er nachgab; doch bedung er sich eine kurze Frist, um seine letztwilligen Verfügungen zu Papier zu bringen. Trauer herrschte nun im ganzen Hause, während Elimelech sich zum Tode vorbereitete; er saß am Fenster, das in den Hof ging, und schrieb seinen letzten Willen nieder. Da hörte er lärmende, zankende Stimmen und schaute hinaus. Was sah er da? Den Hofhund im eifrigen Gespräche mit dem Haushahn. Der Hofhund hatte betrübt, ob des zu erwartenden Todes seines guten Herrn, vor seiner Hütte gelegen. Da war der Haushahn mit seinem Gefolge in den Hof getreten und hatte ein lustiges Kikereki erschallen lassen. „Hahn, Hahn," sprach der Hofhund da, „hast Du denn gar kein Herz? Unser guter Herr wird bald sterben, und Du bist fröhlich und guter Dinge?" — „„Und wie sollte ich,"" entgegnete der Hahn, „„mich um den Thoren betrüben, der sterben will, um das Gelüste seines Weibes zu befriedigen? Siehe Dich um, ich habe 20 Frauen, gelbe und braune und weiße und schwarze Hennen — es sollte eine wagen mir zu widerstreben! Und unser thörichter/ Herr kann das eine Weib nicht beherrschen, will sterj( ben um ihrer Laune willen? Der Schwächling-verdient kein Mitleid!"" — Und mit lautem, lustigem Kikereki eilte der Hahn von dannen, während seine Frauen ihm gehorsam folgten. — Als Elimelech das vernommen hatte, zerriß er das Testament, das er aufgesetzt, und als seine Frau wieder anstng, ihn zu quälen, da trat er ihr entschieden, als ein Mann, entgegen. So lebte er glücklich noch viele Jahre und nahm sein Geheimniß mit sich ins Grab." „„Dein Gleichniß paßt nicht,"" sprach Melitta, als Rabbi Gerschom schwieg. „„Ich verlange nicht Deinen Tod, ich verlange nur Dein Vertrauen; Du aber fürchtest, ich würde Dich verrathen. Wenn Du mich wirklich liebtest, so könntest Du solcher Furcht nicht Raum geben."" Lange noch weigerte sich Rabbi Gerschom; aber am Ende erging es ihm wie dem starken Schimschon, den Delilah mit Bitten so bedrängte, daß er sich lieber den Tod wünschte als solche Qual; auch Rabbi Gerschom offenbarte seinem falschen, ungetreuen Weibe sein Geheimniß. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnsllprefiendruck von I. Gottsleben in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.