Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1869-06-30 · Heft 26 (30.6.1869) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 26 (30.6.1869)
Date
1869-06-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447395-2447421--07365-2462962
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

515 des Tages Arbeit schon niedergelegt; Melitta aber war noch aufgeblieben; sie trat jetzt herein und setzte flch neben den Rabbi. Dieser hatte ihren Eintritt nicht bemerkt, denn er war in sein Studium vertieft. Erft als Melitta laut seufzte, erhob er den Blick zu ihr. „Du hier, Melitta," fragte er, „und warum hast Du Dein Lager noch nicht aufgesucht und warum seufzest Du?" „Ach," rief Melitta in Thränen ausbrechend, „ich bin sehr unglücklich!" Rabbi Gerschom schloß daaufgeschlagene Buch und sah sein Weib an mit erstauntem, fragendem Blicke. „ Du erschreckst mich, Geliebte," sagte er, „o sprich, was fehlt Dir?" „„ Was mir fehlt? ich stehe ganz allein in der Welt. Mir leben nicht Vater, nicht Mutter, nicht Brüder, nicht Schwestern, mich zu schützen!"" „Und ich. Dein Gatte?" „„Ach, bei Dir bin ich verleumdet, Deborah haßt mich, beneidet mich, lauert allen meinen Schritten auf?"" „Bekümmere Dich darum nicht, mein Kind! Du weißt, wie ich Dich liebe und achte, und wie ich Dir vertraue!" „„Auch Du vertraust mir nicht!"" „Wie kannst Du so reden? Habe ich das jemals bewiesen?" „„ Wohl hast Du das bewiesen! Du hast Mir noch nie einen Beweis Deines Vertrauens gegeben."" „Fordere einen solchen Beweis, und ich will ihn gern geben!" „„Ja, was soll ich gerade jetzt von Dir fordern? Nun, wohlan gib Deborah, die mich beleidigt hat, die mir mein Leben vergällt, den Scheidebrief. Rabbi Gerschom erhob sich, im höchsten Grade Lekiimmert. „Nicht doch, Geliebte," sagte er betrübt, „verlange das nicht, nur das nicht l Deborah ist bas Weib meiner Jugend, die Tochter meines geliebten, hochverehrten Lehrers. Sie ist ein braves, biederes Weib, und wenn sie auch gegen Dich gefehlt hat, so hat sie es nur aus übergroßer Liebe zu mir gethank Lieber wollte ich sterben, als die gute Deborah so tief verwunden!" „„Die gute Deborah! Und ich, ich bin Dir gar Nichts! Mein Leben darf in Deinem Hause in Kummer und Trübsal verfließen, mich mag das Weib Deiner Jugend verwunden und quälen, wenn nur die gute Deborah nicht verletzt wird!"" „„Dringe nicht weiter in mich, Melitta! Die Erfüllung Deines Wunsches wäre DeborahS Tod. O, verlange von mir, was Du willst, nur das, nur das nicht!"" „„Ich will nicht weiter in Dich dringen! Aber was sollte ich sonst von Dir fordern? Ich will Dir glauben, daß Du mich liebst und mir vertraust!"" Melitta schwieg und blickte ihren Gatten zärtlich an. Sie war ein schönes Weib, und wenn sie so schmachtend aufsah, ganz unwiderstehlich. War sie doch einst die schönste Jungfrau Konstantinopels gewesen, und in dm zwei Jahren seit ihrer Verheirathung war sie nur noch schöner geworden. Rabbi Gerschom liebte sie über Alles und konnte ihr nichtabfchlagen, wenn ihr Auge freundlich blickte. Nach einer Pause sprach Melitta: „„Hast Du schon vernommen, daß der Athenienser BasilikoS erklärt hat, er könne die Wage nicht zu Stande bringen? So mögen alle Die zu Schanden werden, die Dir schaden wollen!"" „Athen," entgegnete der Rabbi, „war einst der Sitz der bedeutendsten Künstler und Gelehrten; aber den entarteten Nachkommen ist das Wissen und Können ihrer Vorfahren abhanden gekommen." „„Wäre es denn möglich, eine solche Wage zu erbauen?"" „Das wäre gar nicht nöthig; man könnte auch ohnedies den Thron wägen." ,,„O, sage mir: wie?"" rief Melitta hastig und blickte dabei so lauernd, daß Rabbi Gerschom stutzig wurde. „Ja," sagte er bedächtig, „das weiß ich nicht!" „„Gerschom, Geliebter,"" bat Melitta, „„Du weißt es! ich bitte Dich, sage es mir! Du hast eben selbst angedeutet, daß Du es weißt; Du willst eS mir nicht sagen. Sieh, selbst in solchm Kleinigkeiten mißtraust Du mir!" Sie sing bitterlich an zu weinen. „Weine nicht, Geliebte," sagte Rabbi Gerschom, „warum sollte ich es Dir nicht sagen, wenn ich eS wüßte!" „„Aber Du weißt eS; Du weißt sonst Alles, und dies weißt Du ganz gewiß; Du hättest sonst nicht so geringschätzig von dem Athenienser gesprochen! Sage mir wenigstens, daß Du es weißt."" „Nun ja, ich weiß es; aber ich werde es keinem Menschen anvertrauen, denn mein Leben hängt daran. Ich bitte Dich, Melitta, verlange eS nicht zu wissen. Das Geheimniß könnte Dich nur beschweren. Wie leicht könnten meine Feinde darauf verfallen, meine Frauen auSforschen zu wollen!" „„Und glaubst Du, daß ich Dich verrathen würde?"" „Nein, das glaube ich nicht; doch schwach ist des Menschen Herz!" „O," rief Melitta, „ich wußte es längst, daß Du mich nicht liebst, daß Du kein Vertrauen zu mir hast! Du verweigerst mir Alles, um was ich Dich bitte!"" „Habe ich Dir je etwas verweigert, sei es kostbarer Schmuck oder prächtige Kleidung, habe ich Dir nicht stets Alles gegeben, was Dein Herz begehrt hat?".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.