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Der Israelit · 1869-06-30 · Heft 26 (30.6.1869) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 26 (30.6.1869)
Date
1869-06-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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512 delssohn ein Seitenstück zu einer der Synagoge unlängst von einem Vorsteher derselben, dem Herrn Joachim Bendix, bei Gelegenheit der Bar Mizwah-Feier seines ältesten Sohnes geschenkten Sepher, von demselben Kalligraphen anfertigen lassen. Die einzuweihende Gesetzesrolle, geschmückt mit einer prachtvollen Blumenkrone, befand sich in dem der Synagoge gegenüberliegenden Hause meines verehrten Schwiegervaters, des gotterfüllten Predigers Herrn Salomon Plessner, woselbst sich auch das Rabbinat wie der Synagogenvorstand versammelt hatte. Von hier aus wurde vom gedachten Prchiger die n"o durch die sehr belebte, sogenannte Judenstraße nach dem Vorhofe des Gotteshauses bis an den äußersten Eingang desselben gebracht. Hier an dem Portale des Tempels angelangt, begrüßte der Vorsänger, der durch seine ausgebreitete, tief in die Schachten des Gotteswortes eindringende Talmudkenntniß ebenso wie durch seine Kunstfertigkeit im Gesänge berühmte allbeliebtc Cantor, Herr Hirsch Levy, die Gotteslehre mit einigen von Herrn Plessner eigends zu diesem Behufe verfaßten Versen. Nach Beendigung dieses Gesanges bewegte sich der Zug nach dem Innern des Gotteshauses, während besten derselbe Vorsänger eine Erscheinung des Gesetzes feiernde Hymne vortrug. Aus der Tribüne (Almemar) angekommen, wurden von demselben noch die Psalmverse, Ps. 118, 26—29, recitirt. Alsdann hielt der Nestor der Beredtsamkeit mit gewohnter Meisterschaft unter Zugrundelegung eines Textes aus dem Wochenabschnitte nieo (4. Mos. 17,10) raren rojrj n« d wjh anp’i einen herrlichen Dortrag und zwar 1) über den Werth einer n''o, 2) der unseren insbesondere, und endlich über die damit verbundenen Pflichten einer Gesetzrolle. Nach Beendigung desselben sang vor dem Hineinstellen der n"D in die Lade der Cantor noch *iox» inuai und zum Schluß Ps. 150, dann ra» ntap, womit die ganze Feierlichkeit beendigt war. Aber wie? Ist es nicht ein Unsinn in unserer erleuchteten Zeit, in welcher ein Theil unserer hochgepriesenen Rabbinen und Prediger sich alle Mühe gibt, die Nngöttlichkeit des Gesetzes zu beweisen, oder wenigstens zu constatiren, daß nur ein Theil als wirklich von Gott geoffenbart, das Uebrige aber als Interpolation zu halten sei, mithin als unnöthiger Ballast über Bord geworfen werden müsse, noch Gesetzesrollen schreiben und feierlich einweihen zu lassen? Ist es nickt absurd zu nennen, noch hent zu Tage, in so naher Aussicht aus die bald zu tagende Synode, die uns ein neues Licht aufgehen zu lassen verspricht, einer Religionölehre, die von den Tonangebern der Zeit als veraltet, überlebt und unserem socialen wie eigentlichem Leben widerstrebend verschrieen ist, noch unsere besondere Aufmerksamkeit und Theilnahme zuzirrvenden? Früher hieß es wohl: ‘n naii nun p»ro n D'^rvo. Doch tempora mutantur und jetzt kann wohl mit Fug und Recht gesagt werden, daß von Cassel und Leipzig eine neue Lehre ausgehen wird, die unserem güllzen Ritus und Kultus eine veredeltere und unserem ästhetischen Geschmacke mehr zusagende Form und Modification geben wird. Hinweg also mit den alten, beschränkenden Speisegesetzen; hinweg mit den einer abgestorbenen Vergangenheit angehörenden Institutionen des ehelichen Lebens; hinweg endlich mit allem specisisch Jüdischen in Betreff der Glaubens--, Unsterblichkeits- und Erlösungslehre! Wir werden nun hoffentlich unsere Tafeln mit leckeren, aber auch dem Körper und Geist gesünderen Bisten besetzen und unserer Ehe durch die neuen, in Aussicht stehenden Einrichtungen eine größere Weihe und Herzensinnigkeit geben können! — Doch nein! so arg wollen wir es doch nicht werden lasten! Wir leben hier Gottlob in einer Gemeinde, die, wenn auch wie überall, aus allen Schattirungen der Glaubensanschauung zusammengesetzt und die entgegengesetzten Parteien wie die heterogensten Elemente als ihre Vertreter zählt, doch wenigstens soviel gesunden Sinn noch bekundet, daß sie weder von Cassel noch von Leipzig ihre religiösen Lebenssäfte restauriren lasten will. Wir kennen hier Gottlob noch keine Reform. Unser öffentlicher Got- , tesdienst huldigt noch ganz dem alten Styl und Her-/ kommen. Wir tragen noch immer Rechnung der innigen Gottesverehrung, die in Israel stets heimisch war. Selbst die hiesige „Brüdergemeinde", die in ihrem Cultus schon eine sogenannte Reform eingeführt, und sich demnach von der orthodoxen Partei, dem Anscheine nach, gewissermaßen abgelöst hat, hat noch keinen des Judenthums eigentlichen Lebensnerv zerschneidenden oder auch nur ihm entgeocnstrebenden Gebrauch eingeführt; sie basirt noch immer auf rein geschichtlich-jüdischem Boden, ohne daß sie fremdartige Dinge ausgenommen hat, die dem Wesen unserer göttlich geoffenbarten Religion nachtheilig werden können. Aber trotzdem können wir uns doch nicht einer gewissen ängstlichen Bangigkeit erwehren, wenn wir in Betreff des Fortbestandes unseres religiösen Lebens in die Zukunft blicken. Denn das Einzige, was dem Judenthume seine ewig blühende Sicherstellung, seine sich immer von Neuem in frischer Lebensfähigkeit reproducirende Unvergänglichkeit feststellt, die Kenntni ß des Gesetzes nämlich, nimmt leider auch hier mit jedem Tage immer mehr ab. Während alle Welt nach profaner Bildung und Wissenschaft strebt und sich überall ein löblicher Eifer in der allgemeinen Ausbildung der Jugend kundgibt, wird der Religionsunterricht nur sehr spärlich zugemessen, während ein großer Theil unserer Jugend nicht nur ohne jede Religionökenntniß aufwächst, sondern sogar in den höheren Schulen oft noch antijüdischen Lehren ihre Ohren

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