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Der Israelit · 1869-06-23 · Heft 25 (23.6.1869) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 25 (23.6.1869)
Date
1869-06-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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X. Jahrgang. Beilage za Nr. 25 des Israelit. Leitender Artikel. Jüdische Literaluriirirfr. Von Dr. Gust. Karpeles. "mT Auch heute, lieber Freund, bin ich in der erfreulichen Lage, über ein Buch Ihnen referiren zu können, das sowohl seines Inhalts wie seines AutvrS wegen nicht verfehlen sollte, in jüdischen Kreisen Aussehen zu erregen, wenn nicht leider der Gifthauch des IndifferentismuS jede Tbeilnahme für die Bestrebungen der jüdischen Literatur längst im Keime erstickt hätte. Jüdische Literatur ist bei den jüdischen Reichen großentheils — tabula rasa; alle Kenntniß, die sie von dieser Literatur erlangen, vermitteln etwa die wenigen armen Literaten, die mit ihres Geistes Erzeugnissen von Haus zu Haus wandern, und an das Mitleid ihrer reichen Glaubensgenossen appelliren, sei eS irgend eines wohlthätigen Zweckes halber, sei es . . . Doch wozu Ihnen ein Bild auszumalen, das keiner mehr vor Augen hat, als Sie, der Sie, „an der Heeresstraße des Lebens" wohnend, die so! äisaut jüdische Literatur ja täglich vorüberwandern sehen! Am allertraurigsten steht es aber mit der Literaturkenntniß bei unseren jüdischen Frauen, die sonst über Alles und Jegliches, über Schiller und Göthe, über das deutsche Theater und über die altrömische Schauspielkunst, die schönsten Phrasen zum Besten geben, während ihre Kenntniß von der jüdischen Literatur auf Null sich reducirt. Ist Ihnen nicht bekannt, mein Bester, wie Heinrich Heine, ebenso schön als treffend, unsere jüdischen Blaustrümpfe characterisirt: Alte Mumien, ausgestopfte Pharaonen von Aegypten, Merovinger, Schattenkön'ge, Ungepuderte Perücken, Auch die Zopfmonarchen China's, Porzellanpagodenkaiser — Alle lernen sie auswendig. Kluge Mädchen, aber Himmel — Fragt man sie nach großen Namen Aus dem großen Goldzeitalter Der arabisch-althispanisch Jüdischen Poetenschule, Fragt man nach dem Dreigestirn, Nach Jehuda ben Halevy, Nach dem Salomon Gabirol» Und dem Moses Iben Zsra — Fragt man nach dergleichen Namen, Dann mit großen Augen schauen Uns die Kleinen an — alsdann Steh'n am Berge die Ochsinnen. Ncch dieser Einleitung kann ich wohl zu dem Buche übergehen, das mich eben zu diesen Tiraden veranlaßt hat. Es führt den unscheinbaren Titel: Sabbat- und Festreden, zum Theil gehalten in der Londoner Mädchen - Freischule von einer Vorsteherin. II. Band. Frankfurt a. M. 1868. Sabbatreden von einer Frau, von einer jüdischen Frau, werden die geschätzten Leserinnen des „Israelit" staunend ausrufen, und auch Sie, werther Freund, sehe ich im Geiste sich über den Titel dieses Buches verwundern. Allein Sie wissen ja, „daß eben der Wunder größtes ist, daß die wahren Wunder so alltäglich werden". Ja, Ihr Staunen und Ihre Verwunderung wird noch steigen, wenn ich den Namen der hochgeehrten Verfasserin dieses Buches Ihnen nennen werde. Es ist dies keine andere — als die Frau Baronin Lionel v. Rothschild in London! Sie sehen, mein Bester, daß die Zeit der Wunder also noch nicht vorüber! Eine Dame, die, aus der Sonnenhöhe des Glückes stehend, als Verteidigerin ihres Volkes begeistert auftritt, die es nicht verschmäht, allsabbatlich, während ihre zahlreichen Schwestern in aller Herren Länder großentheils mit ihren Putztändeleien und Modegestunker auf's Eifrigste beschäftigt sind, hinabzusteigen in die Tiefen der Armuth, um in einer Schule, wo erbarmungsvolle Menschen der Armuth eine Freistätte errichtet haben, in einer Londoner jüdischen Freischule ihren zarten Glaubensschwesterchen vom Geiste der echtjüdischen Wahrheit und Glaubenstreue durchwehte Vorträge über alle Bedingungen und Pflichten des sittlich-religiösen Lebens zu Hallen, eine solche Dame gehört in unserer glaubensarmen Zeit allerdings — zu den Wundern! — Ich möchte Ihne gerne, lieber Freund, aus den zahlreichen, auch stylistisch prachtvollen, in elegantester Diction gehaltenen Vorträgen einige besonders kräftige, wahrhaft jüdische Stellen hier anführen, die mich im wahren Sinne des Wortes erbaut haben. Allein ich fürchte, dadurch den wahrhaft wohlthuenden harmonischen Gesammteindruck, den dies Buch auf Sie machen wird, zu zerstören, und darum unterlasse ich dies lieber, umsomehr, da ja das Lesen dieser vortrefflichen Reden jedem, auch dem ärmsten Israeliten, freisteht, indem selbstverständlich von buchhändlerischer Speculation hier nicht die Rede sein kann, und die hochherzige Verfasserin zur Verbreitung des Buches, dasselbe durch den Buchhändler, Herrn I. Kauffmann in Frankfurt a. M., unentgelich oder gegen eine freiwillige Gabe für den Frankfurter jüdischen Frauenverein verabfolgen läßt. Jedoch ist es mir wohl verstattet, Sie und alle

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