Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1869)
- Date
- 1869-06-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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496 „ Nichts leichter als das. Wir Juden waschen «nS die Hände, ehe wir zu Tische gehen; vorher ziehen wir die Ringe von unfern Fingern ab. Bei d:eser Gelegenheit kann ich ihn an mich nehmen." „„ O, thue das und gib ihn mir! Statt dieses Ringes werde ich Dir den Trauring an den Finger stecken, wenn unö der Jude nicht mehr hinderlich sein wird."" Als am folgenden Tage Nabbi Gerschom zu Mittag essen wollte, legte er seine Ringe ab, um sich die Hände au waschen. Melitta war allein bci ihm, denn Deborah war mit der Bereitung des Mahles beschäftigt. Nabbi Gerschom, der seit der StaatSrathSsitzung sich stets in sehr trüber Stimmung befand, war sehr zerstreut, und vergoß, seine Ringe wiederanzuftecken. Melitta nahm unbemerkt die Ringe an sich. Das Mittagsmahl ward stillschweigend eingenommen, denn auch die unterdeß hereingekommene Deborah war sehr betrübt. Ihre Gedanken waren von noch etwas Anderem in Anspruch genommen; die geheimen, sich täglich wiederholenden Ausgänge Melitta'- waren ihr ausgefallen; doch schwieg sie, wie sie bisher geschwiegen hatte. Nach Tische ging Rabbi Gerschom aus, um seine Krankenbesuche zu machen, denn er war wieder als Arzt thärig. Noch immer erinnerte er sich seiner Ringe nicht. Erst, als er am Abend nach Hause zu« rückkehrte, vermisste er sie. Er suchte sie im Speisezimmer; sie waren nicht da; weder Deborah noch Melitta wollten die Ringe gesehen haben. Rabbi Gerschoms Schrecken war groß; er kannte die Umtriebe seiner Feinde, wußte, welche Mühe sie sich gaben, ihn zu verderben, hatte gehört, daß der Künstler Basilikos, der Athenienser, sich anheischig gemacht hatte, eine Wage zur Abwägung des Thrones zu erbau.u. Der Ring des Kaisers schützte vor der äußersten Gefahr, und nun war dieser verschwunden! Der Nabbi dura-suchte jeden Winkel, und Deborah half ihm dabei; auch Melitta stellte sich, wie wenn sie eifrig suchte. Ach, die Falsche hatte die Ringe längst ihrem Liebhaber cuSgeliefert, und dieser hatte sie schon dem Eunuch Johann übergeben, der sie mit großer Freude entgegengencmmen hatte; natürlich waren die Ringe in Rabbi Gerschoms Hanse nicht' zu finden. Als man lange vergeblich gesucht hatte, sagte der Rabbi: „ES ist nicht anders möglich: die Ringe müssen gestohlen sein." Es war aber kern Fremder in das HauS gekommen. Die alte, treue Magd weinte, weil sie fürchtete, man würde sie in Verdacht haben. Rabbi Gerschom wollte sie trösten; allein Melitta bestand darauf, ihre Sachen zu durchsuchen-; man fand natürlich nichts. Jetzt faßte Deborah den Mnth, das zur Sprache zu bringen, was schon lange ihr Herz beschwerte. „Melitta," sprach sie, „verzeihe, wenn ich Dich in des Rabbi Gegenwart frage: wohin lenkest Du an jedem Tage Deine Schritte?" „Was soll diese Frage," entgegnete Melitta keck, „bin ich Dir Rechenschaft schuldig?" „Nicht mir," sagte Deborah, „aber Deinem Gatten." „„Mißtraust Du mir, Gerschom?"" fragte Melitta. „Da sei Gott vor!" entgegnete der Rabbi. „Run wohl," sprach Melitta dann, „so will ich Dir sagen, wohin ich gehe. Ich besuche meine Jugendfreundin Zippora, das Weib des Seidenhändlers Ephraim." „„DaS kann doch wohl nicht wahr sein,"" entgegnete Deborah, „„denn gestern traf ich Zippora ans dem Markte, als ich Gemüse einkaufte; sie fragte nach Dir und sagte, daß sie Dich seit langer Zeit nicht gesehen habe."" „Wie", rief Melitta erzürnt, „Du spürst meinen Gängen nach! Es ist wahr, ich irrte mich; ich habe der Freundinnen noch mehr, die ich besuche. Du aber, was willst Du von mir? Was kümmerts Dich, wohin ich gehe? O, ick wuß es, Du gönnst mir die Liebe meines Gattin nicht!" Und Melitta fing an, heftig zu weinen. „Deborah," sprach da der Rabbi verweisend, „hältst Du so Dein Versprechen, das Du mir gegeben, als Du in mich drängest, noch, ein Weib zu nehmen? Habe ich nicht genug ves Kummers, daß Du auch noch mein Haus verwandeln willst in eine Stätte des Zaukes und des Streites?" Deborah schwieg; in ibr war ein furchtbarer Verbackt aufgcstiegm. Sie beschloß, von nun an doppelt wachsam zu sein und Melitta sorgfältig zu beobachten. „O," sprach sie vor sich hin, als sie später allein war „meines Mannes Vorwürfe sind nur zu gerecht. Ich habe ihn veranlaßt, noch ein Weib zu nehmen: ich habe ihm dieses Weib ausgesucht. Ach, ich habe nicht gewählt wie Elieser, der Knecht Abrahams, als er die Niwkah für den Sohn seines Herrn erkor. Ich habe mich bestechen lassen durch äußern Schein! Wenn meinen Gatten nun Schmack und Unglück trifft, so habe ich es verschuldet; dock ich will über ihn wachen, will seines Hauses Ehre schützen!" Arme Deborah, Du bist viel zn schwach! Du vermagst das hereinbrechende Verhängniß nicht abzuwenden' (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortlrche Nedaction: Or. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Dampf-Schrrel-pressendruck von I. Gottsleben in Mainz.