Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1869)
- Date
- 1869-06-09
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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da es ja in der Schrift heißt: der Priester soll auf ihn (den Nasir) sühnen, wegen der Sünde, die er begangen. Dazu bemerkt Abaja: Simeon der Gerechte, R. Simeon und R. Eleasar Hakappor sind alle der Meinung, daß der Nasir ein Sünder sei, weil er sich deS Weines enthalten hat u. s. w. So wird auch Jeder, welcher unnöthiger Weise fastet, ein Sünder genannt. So äußert sich der Babylonier Abaja, so der Talmud Babli. Gleicht das dem, was Herr G. dem „späteren Talmudismus" imputirt? Ja, gerade das Umgekehrte von dem, was G. behauptet, ist auS der Vergleichung der beiden Talmuds zu schließen. Nach dem jerusalem. T. nennt Simeon d. Ger. nur den Nasir einen Sünder, dessen Nasträat durch Unreinheit unterbrochen worden ist, während nach dem Babli kein Unterschied zwischen mno ttj und k&d tu gemacht wird. *) Es wird dieses Beispiel genügend beweisen, wie flüchtig jener Kritiker verfahren, und wie man sich wohl hüten muß, das, was er schreibt, für baare Münze zu nehmen. S. 32 fährt nun G. fort, daß Simons Ansicht über das Nasträat „mit dem in der ältesten Quelle ihm zugeschriebenen Wahlspruche wohl übereinstimmt. Auf drei Dingen, soll er nämlich gesagt haben, bestehe die Welt: auf der Lehre, dem Priesterdienste und auf der Uebung der Liebespflichten (Aboth I. 2). Ihm, dem priesterlichen Patrizier, galt also nicht das Priesterthum Alles; die ganze Thora und die gute That mußte sich damit vereinigen. Das war es auch, was ihn in der später» Tradition, wo das Priesterthum zwar nicht seinen Werth einbüßte, aber doch dessen Träger als verdächtig erschienen, allein aus der Fluth der Vergessenheit rettete". Es ließe sich aber gerade das Entgegengesetzte ' aus diesem von G. angeführten Satze folgern, wenn wir die Uebersetzung, die G. dem Worte mny „Priesterdienst" gibt, als die richtige annehmen wollten. Man könnte gerade darauf Hinweisen, daß dieser durch den Beinamen pna vor allen Andern ausgezeichnete Simeon, der Priester, den Priesterdienst, d. i. die Darbringung der Opfer als eine der „drei Säulen, auf denen die Welt steht," ansteht, und daß er, wenn er anch die Opfer erst in Verbindung mit Thora und Liebespflichten so hoch hinstellt, er doch den Worten vieler Propheten entgegenzusein scheint, die ja so oft darauf hingewiesen, daß die Opfer nicht das Wesentlichste des jüdischen Gesetzes seien, daß der Bestand des Judenthums nicht von dem der Opfer abhänge, wie viel weniger also der Bestand der ganzen Welt. Doch dies Alles läßt sich nur sagen, wenn *) Wir konnten uns hier nur darauf beschränken, den Jdeengang R.'s mitzutheilen, mußten aber von einer Wiedergabe der eingehenden Discussion absehen, da halachische Discussionen sich nicht auch nur zu einer annähernden Uebertragung in's Deutsche eignen. . S. wir.TW mit G. als „ Priefterdien^" erklären würden; es ist dies jedoch nicht richtig. Das Wort."HD? wird erst im späteren talmudischen Sprachgebrauch für das Darbringen der Opfer im Tempel angewendet» in früherer Zeit hingegen, zur Zeit des Schimevn. Hazaddik, hatte dieses Wort noch die rein biblische Bedeutung der thätlichen Befolgung der göttlichen Gesetze, der Ausführung der Gebote, zu welcher ganz Israel verpflichtet ist; wie z. B.: „Und jetzt, was fordert Gott, dein Herr, von dir, als zu fürchten ... und Gott, deinem Herrn, zu dienen mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele!" (Deuter. 10, 12) oder: „Ihm zu dienen mit eurem ganzen Herzen und eurer ganzen Seele!" (das. 11, 13). Unbeschadet der herrlichen Deutung unserer Weisen, daß unter dem „Gottesdienst im Herzen" das Gebet zu verstehen sei, dürfen wir behaupten, daß das biblische map das Halten der Gebote begreife, denn finden wir ja oft, daß der Ausspruch, Gott zu dienen, auch ohne mit dem Worte jb in Verbindung zu stehen vorkommt. Das Wort nuay, kann man ferner annehmen, hat in der Mischnah die Bedeutung von Handlung (rwyö), wie auch im Aramäischen lay das hebr. rwy ist. Demnach sagte jener Fromme: Auf drei Dingen steht die Welt: auf Thora, d. i. das Erlernen desjenigen, was der Mensch zu thun habe, — auf Aboda» d. i. die That, mit der man Gott dient, wie man eS durch die Thora gelernt — und auf Gemiluth Cheßed, d. i. mehr zu thun im Guten, als der Buchstabe des Gesetzes eS verlangt; denn die Erfüllung der vorgeschriebenen Pflicht allein reicht nicht aus, die menschliche Gesellschaft in Einigkeit zusammen zu erhallen, und den Bestand der Welt zu sichern. **) **) Man kann, ohne der Wahrheit etwas zu vergeben, mit den meisten Erklärer» der Pirke Aboth das Wort in der engeren Bedeutung „Gottesdienst* (nicht „Priesterdienst") aussassen, denn es wird wohl doch nur als eine noch nicht mit Bestimmtheit begründete und bewiesene Vermuthung hinzunehmen sein, daß dieses Wort erst in späterer Zeit m der Bedeutung des Opferdienstes gebraucht wurde. Also Aboda Gottesdienst» wie er zu den verschiedenen Zeiten und nach den verschiedenen Zeitverhältnissen verschiedenartig austrat: zur Zeit des Tempels als Opferdienst, nach der Zerstörung des Tempels als Gebet, das an die Stelle des Opserdienstes getreten ist In dem Wort Aboda ist also das Verhältniß des Menschen zu Gott gezeichnet. Die jüdische Religion begnügt sich aber nicht mit dem einseitigen Standpunkte, daß der Mensch sich nur Gott gegenüber pflichtgetren sei, nur gegen Ihn nicht sündige, seinen Nebenmenschen gegenüber sich aber aller Pflichten ledig betrachte — auch das Äerhältniß deS Menschen zum Menschen: die Menschenliebe, sie ist «ine ebenso starke Säule, auf welcher das Wettgebäude ruht» wie die Liebe «t Gott; der Sinn des angef. Spruches ist also: Auf drei Dingen steht die Welt: auf Thora, denn sie ist der Wegweiser des Menschm für das Leben, sie lehrt ihm seine Pflicht, und diese ist die treue Hingabe an Gott, die Anerkennung seiner Herrschaft — | Aboda^ und die treue Hingabe an die Menschen, die allunflas-! smde Menschenliebe — Gemiluth Cheßed. S.