Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1869)
- Date
- 1869-06-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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445 von der Butte! die Polizei erlaubt so etwas nicht. Der jüdische Bürger darf nur auf dem von der Oberkirchenbchörde vorgeschriebenen Wege selig werden. 3) Auf oberflächliches Lesen des Entwurfes wird man vielleicht geneigt sein, eine erhebliche Abschwächung des kirchlichen Zwanges an den vorgeschlagenen Einrichtungen der Gemeindeversammlungen des sogenannten weiteren Rathes der Oberkirchenbehörde zu finden. Allein ein nur einigermaßen scharfes Auge erkennt, daß diese Einrichtungen keineswegs geeignet sind, die Gewissensfreiheit zu retten. Was zunächst die Gemeindeversammlungen anlangt, so sind dieselbe zwar ganz demokratisch organisirt, allein ihr Wirkungskreis ist ein rein ökonomischer. In den religiösen Dingen, und das ist doch wohl die Hauptsache, haben sie lediglich nichts zu sagen. Der weitere Rath der Oberkirchenbehörde aber ist schon in seiner Zusammensetzung eine ganz verkümmerte Erscheinung. Den sechs, sage sechs Delegirten, die überdem nur durch die Kirchenvorsteherämter, also indirect gewählt werden, und welche vorher in keinem Zusammenhang unter sich gestanden sind, stehen die 7 Mitglieder des engeren Raths, die ein woblorganisirtes Collegium bilden, nebst den zwei Rabbinern in geschlossener Phalanx gegenüber. Der eigentliche Zweck der Delegirten dürfte im Wesentlichen derselbe sein, welcher dem in neuester Zeit geschaffenen weiteren . Rathe des geheimen Rathes zu Grunde liegt, nämlich: z eine bisher sehr unvolksthümliche Einrichtung mit dem! Glanz des VolkttzümMen zu umgeben. Es mag uns! erlassen bleiben, Vteft Behauptung durch einzelne DetailbsstlnimuniM VNEkkkwurfeS noch näher zu begründen, denn'^die Frage der Zusammensetzung der Centralbehörde ist-Äne nebensächliche. Wäre diese Behörde ebenso demokratisch orgtnifirt, als sie nach dem Entwürfe es nicht ist, so würden wir in gleicher Weise Front gegen sie machen. In religiösen Dingen wollen wir von Niemandem uns regieren lassen, auch nicht von Vertretern der wirklichen Mehrheit unserer Glaubensgenossen. Wir find der Ansicht, daß der vorliegende Entwurf mit den Bedürfnissen der Religion in schroffem Widerspruch steht, und daß er gleichzeitig die heutzutage allgemein anerkannten Grundsätze über die Stellung des Staates zur Religion unberücksichtigt läßt. Wenn wir daher bereitwillig zugeben, daß der Entwurf in manchen Nebensachen den gegenwärtigen Zustand erheblich verbessert, so sprechen wir uns doch mit aller Entschiedenheit für die Verwerfung desselben aus und wünschen, daß sich unter den Inden des Landes eine recht lebhafte Agitation in diesem Sinn erhebe. L. Merlin. Unter den im norddeutschen Reichstag eingereichten Petitionen ist auch eine von Herrn Rabbiner I)r. Rahmer in Magdeburg um Aufhebung des besonderen Eides der jüdischen Soldaten im preußischen Heere. Berlin. Der in San Franzisco erscheinende „Hebrew Observer" bringt in seiner Nummer vom 23. April aus den „Israelit" der Nekrolog des verstorbenen Rabbiners Rosenftein in Berlin, sowie den Bericht über dessen Leichenbegängnis. In dem Berichte stand unter anderm, wie die geehrten Leser sich noch erinnern werden, daß die Stelle in der von Dr. Aub bei dieser Gelegenheit gehaltenen Rede, in welcher er davon sprach, daß man dem Verstorbenen nachsage, „er sei nicht wohlthätig gegen die Armen gewesen" allgemeines Aergerniß erregt hat. Anknüpfend an diese Stelle, fügt der Redacteur des oben genannten Blattes, Herr L)r. Ekmann hinzu: Ich kann grade das Gegentheil beweisen. Zur Zeit als ich in Berlin studirte, wurde ich zweimal nacheinander von einer bedrängten Familie um eine Unterstützung angesprochen. Meine Geldmittel waren damals gar zu beschränkt, ich lebte sozusagen „von Hand zu Mund", ' indem ich mit meinen Unterhalt durch Privatunterricht erwarb, und konnte deßhalb der Bitte der Familie nicht willfahren. Da wandte ich mich an Herrn Rabbiner Rosenstein, und obgleich ich vorher mit demselben in keinerlei Verbindung stand, übergab er mir in beiden Fällen die verlangte Unterstützung, sogar als ich ihn zum drittenmale um eine Gabe für eine arme Familie ansprach und er gerade kein Geld bei sich hatte, wollte er mir seine silberne Schnupftabaksdose geben, um von dem Erlös aus derselben der Familie zu helfen. Ich nahm jedoch die Dose nicht an. Breslau, den 24. Mai „Das ist ein Schalk — der's wohl versteht — Er lügt sich ein — so lang' es geht — Ich weiß schon — was dahinter steckt" — Diese köstlichen Verse fielen mir sofort ein, als ich in der jüngsten Nummer der „Allgemeinen Zeitung deö Iudenthums" den verdächtigenden Art kel des Exp rieste rs zu Bonn gegen den Historiker Di. Gr ätz zu Gesichte bekam. Herr Philippson sucht das Nichterscheinen des 11. Bandes der Grätz'schen Geschichte vor den Abonnenten des „Instituts zur Förderung der jüdischen Literatur" dadurch zu rechtfertigen, daß er den die Herren Philippson und Leibliteraten bei weitem überragenden vr. Graetz zn verdächtigen in moralischer und wissenschaftlicher Beziehung als „kranken Mann" darzustellen sich erdreistet. Ja, der zukünftige Präsident der Leipziger Synode wagt es gar zu behaupten, daß er und sein Freund Dr. Iellinek in Wien es gewesen waren, die dem Grätz'schen Gesckichtewerk sozusagen auf die Beine geholfen nnd daß?bn? ihre Vermittelung Herr Dt. Grätz ein Unternehmen nicht hätte zu Ende führen können!!! Diesen hämischen Verdächtigungen und Ner-