Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1869)
- Date
- 1869-05-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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403 tage, resp. die Wahl jener Männer statt, welche am 20. d. die Abgeordneten zu wählen haben. Ich iheile Ihnen mit, daß sich unter diesen Wahlmännern viele Israeliten befinden, ja eS ist Aussicht vorhanden, daß dießmal wieder ein Israelit in die Kammer kommt. Daß es jedoch auch an Beleidigungen unserer Glaubensgenossen nicht gefehlt, mögen Sie aus Folgendem entnehmen: Der Lokalkaplan Frank von Löhrieth, (Bezirk Schweinfurth) vergaß sich in einer Wahlrede so sehr, daß er auch die Worte gebrauchte: „Den Juden rufe er zu, daß Zeiten kommen können, daß das Volk endlich seine Geduld verliere, wenn die J.iden zu übermüthig würd.en." (weil sie ohne Ausnahme liberal gewählt!!) — Auf dieß aber wies ihn der Kgl Bezirksamtmann Traut zur Ordnung. Es ist jedoch dem Vernehmen nach, wegen noch weiterer, maßloser Ausfälle gegen unsere Glaubensgenossen, eine Untersuchung eingeleitet worden. — Mannheim- Ein Zufall führte mich den jüngsten Samstag ('nzn -jtd 's nsp) nach Mannheim, an welchem, wie alljährlich am Sabbat vor dem Schabuoth-Fest, die sogenannte „Confirmanden-Prüfung" stattfand. Ich hatte einer solchen seit Jahren bereits nicht beigewohnt, und ging daher, der drängenden Einladung eines Freundes nachgebend, mit einiger Neugierde (denn mehr als solche war es natürlich nicht), nach vollendetem Gottesdienste in einer anderen Synagoge, in die Hauptsynagoge, hoffend, daß mir auf eine oder die andere Weise ro^n zu Theil werden wird. Ich wurde aber in dieser Hinsicht schwer enttäuscht. Herr Rabbiner Dr. Friebmann hatte bei meinem Eintritt in die Synagoge seinen Platz vor der heiligen Lade bereits eingenommen, um mit wenigen Worten die schön und sämmtlich gleichmäßig geputzten Knaben und Mädchen auf den großen und bedeutsamen Act — des Aufsagens einiger angelernter Fragen — vorzubereiten, fast könnte man sagen: zu stimmen (in dem Sinne, wie man eine Tongabel anschlägt). Herr vr. F. „konnte seine Sache gut," die Kinder ebenfalls. Wovon aber war in dem Abgefragten die Rede? Von verschiedenen Artikeln: „Tugend", worunter das vermeiden von „Thierquäler ei" mit eingerechnet, mit durchgenommen und mit abgefragt worden. (Für was die armen Rabbiner neuesten Stils nicht Alles Sorgen zu tragen haben!) Der zweite Artikel hieß „Gewissen." Aus den Antworten der Kinder auf die in diesem Zweige der „Confirmanden-Prüfung" an sie gerichtete Fragen war deutlich zu ersehen, daß dieser Artikel sehr dehnbarer Natur sei, denn von einem jüdischen Gewissen kam nichts darin vor. — Weiter war von „Unsterblichkeit" die Rede, zuletzt auch von „Messias und die messtanische Zeit." In diesem letzten Artikel anticipirte Herr vr. F. noch vor dem Zusammentreten der „Synode" den in der Casseler Rabbinerversammlung projectirten Standpunkt. Damit ich eS nicht vergesse, will ich gleich hinzufügen: es wurden noch zu Anfang und Ende des weihevollen Acts .zwei gut einstudirte Gebete von einem Knaben und einem Mädchen gesprochen. Das war Alles? — Das war Alles! Eine Menge Frauen, und noch mehr Mädchen waren im Parquet — ich wollte sagen: im Zuschauerraum der Männer — anwesend. Ich warf fast unwillkürlich einen Blick um und hinter mich, und sah, daß die Synagoge ziemlich leerwar, und der allergrößte Theil der Mitglieder, die noch Samstags die Syna? goge besuchen, diese — wer kann wissen aus welchem „aufgeklärten" Motive? — bald nach Beginn der „Confirmanden-Prüfung" verlassen hatten. Von der Zurückgebliebenen aber — warum gingen Jene, und warum blieben Diese? — saßen Viele so strahlenden Angesichts und mit so offenem Munde da, daß sie in letzterem eine ganz eigenthümliche Empfindung verspürt hätten, wenn es im Freien gewesen wäre und plötzlich zu regnen angefangen hätte! Wer und was eigentlich von diesem Getreuen (einige derselben kannte ich, und kann ihnen gewissenhaft das Zeugniß ausstellen, daß es große B'pm dhd in jeder Hinsicht waren —) angestaunt wurde, konnte mir nicht klar werden. Während ich aber, als schwachen Ausdruck der Gedanken, die mir darüber durch den Kopf gingen, zu einem Nachbar wie träumend die Worte sagte: muiitii8-vu.lt decipi, klopfte mir ein Bekannter, der mich wahrnahm, von hinten auf die Schulter. Glauben Sie, daß einer von all' den Jungen dort „oren" kann?" so lautete seine eigentümlich klingende Frage. „Wie sollte ich daran zweifeln!" lautete meine naive Antwort darauf. „Dann thut es mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß Sie viel zu optimistische Anschauungen von der Beschaffenheit unserer Religionsschulen hegen. Bei keinem einzigen von ihnen ist Solches der Fall (!!); die meisten von ihnen werden, sobald sie von der Synagoge nach Hause kommen, in's Comptoir zum „Papa" laufen, oder ihre schriftlichen Arbeiten verrichten, ja, wenn es ihnen sonst schon gestattet ist, oder wenn sie es sonst schon geheim thun, sich ihre Cigarre dazu anzünden, nw D’Dip id^Ü! Als die letzte Frage beantwortet war, erhoben sich die Kinder wiederum sämmtlich, wie von einem elektrischen Strom berührt, mit einem Male vyn ihren Sitzen. Darauf „leitete Herr vr. F. den Act mit einigen Worten aus", die damit begannen: ES jubeln unsere Herzen (!!), daß Ihr diese größte Stunde Eures bisherigen Lebens zu Eurer eigenen Freude, zur Freude Eurer Eltern und Angehörigen, und über Alles, zur Freude Gottes (??) in befried!? gender Weife zurückgelegt habet. Ihr seid jetzt aus dem Kindesalter herauögetreten, Ihr habet bewiesen.