Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1869-05-19 · Heft 20 (19.5.1869) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 20 (19.5.1869)
Date
1869-05-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447395-2447415--07229-2462820
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

391 Feuilleton. Das «Licht der Diaspora. iv. Prinzessin Theodora. Während die Juden in der größten Angst und Verzweiflung zum Herrn des Weltalls beteten, wachte der Allgütige über sie und bahnte bereits die Wege, auf denen ihnen Hilfe kommen sollte. Im kaiserlichen Palaste zu Konstantinopel herrschte große Bestürzung. Prinzessin Theodora, die jüngste Tochter Kaiser Konstantins VIII., war der Liebling des ganzen Hofes und namentlich ihres OheimS des Kaisers Basil II. Sie zeichnete sich durch Schönheit, Sanftmuth und Gutmüthigkeit aus; dabei war sie stets munteren Sinnes, so daß sie häufig die schweren Regierungssorgen des Kaisers Basil hinwegzuscherzen vermochte. Jetzt hatte sie plötzlich ein tiefer, unauslöschlicher Trübsinn befallen. Die Prinzessin war in sich gekehrt und stille geworden. Sie gab keine Antwort, auf Alles, was man sie fragte; sie blieb theilnahmlos bei Allem, was man unternahm, sie zu zerstreuen. Endlich weigerte sie sich auch, zu essen und zu trinken, so daß sie dem sichern Tode entgegenzugehen schien. Die bedeutendsten Aerzte wurden herbeigerufen; die verschiedensten Versuche wurden gemacht, allein nichts batte den gewünschten Erfolg. Mit gewaltigen Anstrengungen nur gelang eS, der sich Weigernden ein wenig Speise und Trank einzuflößen; in Folge dessen wurde die Prinzessin immer schwächer, so daß sie nach Verlauf weniger Wochen ihr Lager nicht mehr verlassen konnte. Unterdeß hatte die Juden in Kvnstantinopel begonnen, Vorbereitungen zn ihrem Abzüge zu treffen. Sie hatten zuvor alle Mitttel versucht, das böse Verhängniß abzuwenden. Sie hatten eine Deputation zu Kaiser Basil gesandt; diese war gar nicht vorgelaffen worden. «L-ie hatten dem Eunuchen Johann große Summen für seine Verwendung zu ihren Gunsten geboten — er hatte sie höhnisch abgewiesen. — Für Rabbi Gerschom war die Ausweisung von keinem Belang; er konnte nach Metz zurückkehren, in seine Heimath, oder nach Mainz, in die Heimath seiner Gattin Deborah; in beiden Städten hätte man den Hochgelehrten, Vielerfahreren mit offenen Armen ausgenommen; seine große Kunstfertigkeit hätte ihm überall seinen Unterhalt mit Leichtigkeit erworben; aber er hatte Mitleid mit seinen unglücklichen Glaubensgenossen und sann Tag und Nacht aus Rettung für dieselben. Da erfuhr cr von der Krankheit der Prinzessin uud er beschloß, sie zu heilen; der Preis dafür sollte die Zurücknahme des VerbannungsdecretS sein. In Konstantinopel lebte damals ein angesehener Patricier Namens Roman ArgyropoluS; für ihn hatte Rabbi Gerschom einst einen prachtvollen Becher gearbeitet. Roman sollte dem Rabbi Zutritt bei Hofe verschaffen. Als R. Gerschom zu Roman kam, erschrak dieser sehr. „Mein theurer Rabbi," rief er, „Ihr wollt gewiß meine Verwendung für die Juden ansprechen k Sparet Eure Mühe, da kann ich nicht helfen!" „„Ihr täuscht Euch, gnädiger Herr,"" entgegnete der Rabbi, „„ich weiß, daß Ihr dem mächtigen Einflüsse des Eunuchen Johann nicht entgegentreten könnt. Um etwas Anderes wollte ich Euch bitten. Wißt Ihr, daß ich nicht mehr als Goldschmied arbeite?"" „Ich hake davon gehört; Ihr seid ein Arzt geworden; Ihr habt vielen an der Pest Erkrankten daS Leben gerettet! O, Ihr könnt Alles, was Ihr wollt! Ihr seid ein so geschickter Mann wie kein Zweiter auf Erden!" „„Ihr habt ein zu gütiges Urtheil über mich! Ich vermag sehr wenig; allein Gott hat mir geholfen, meine geringen Kenntnisse nützlich anzuwenden. Und so hoffe ich auch unter göttlichem Beistände die Prinzessin Theodora zu heilen, wenn Ihr mir Zutritt zu Kaiser Basil verschaffen wollt."" „Wie, Ihr getrautet Euch, die dem Tode verfallene Prinzessin zu heilen? Wißt Ihr aber auch, daß man beschlossen hat, sie nicht mehr zu quälen und keinen Arzt mehr zu ihr zu lassen, da aller Aerzte Kunst sich alS vergeblich erwiesen?" „„Ich habe es vernommen, und dennoch hoffe ich, wenn man die Kranke mir anvertraut, sie wiederherzuftellen."" „Und wenn es Euch mißlingt, Rabbi? Dann seid Ihr oer Rache des Eunuchen Johann verfallen, der alle Juden tödtlich haßt." „„Mag es darum sein! Wenn es mir aber gelingt, die Kaisertochter wieder gesund zu machen, so hoffe ich Gnade für meinen unglückliche, unschuldig verfolgten Glaubensgenossen zu erlangen. Dieser Preis ist'S wohl werth, daß ich mein Leben wage."" „Nun denn, so bleibet hier und wartet meine Rückkehr ab; ich eile zu Kaiser Basil, um ihm Euren Vorschlag mitzutheilen." Bekümmert saß Kaiser Basil II. in seinem Privatcabinette; ihm, dem Unvermählten, Kinderlosen, waren des Bruders Töchter so theuer, wie, wenn sie seine Kinder gewesen; namentlich war es Theodora, die er so zärtlich liebte, wie nur ein Vater sein Kind lieben kann. Vor ihm stand der Eunuch Johann. „Vielleicht," sprach der Kaiser, „ist die Krankheit Theodora's eine Strafe des Himmels ob des Verbannungsedictes gegen die Juden " „„Verzeiht, mein Herr und Kaiser,"" mtgegnete der Eunuch, «„wenn ich Euch zu widersprechen wage. Jenes' Edict kann uns Allen, nur die. Gnade und den Segen des Himmels erwerben. Hat doch der Patriarch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.