Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1869)
- Date
- 1869-05-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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387 Besagter Hr. Kirchenrath berichtete, in einem Gutachten an das kgl. IustizministeriutN, was folgt: „Diese (die Tephillin) sind bekanntlich ein Erinnerungszeichen an das Gebot der Liebe gegen Gott. Die Rabbiner verstanden nämlich 5 Mos. 6. 8. 9. wo eS heißt: „Du sollst sie (die Liebe zu Gott) zum Leichen binden, auf deine Hand, und sie soll zur Vorder hauptbinde dienen, zwischen deinen Augen „ im buchstäblichen Sinne und verordneten, diese und noch einige andere Stellen, der heiligen Schrift auf Pergamentstreifen zu schreiben, diese in lederne Copseln einzunähen, welche, an Riemen befestigt, von den Juden während des täglichen Gebets um Kopf und Hand gewunden werden. Heute zu Tage gibt es aber sehr viele rechtschaffene Israeliten, welche solcher starken Erweckungsmitttel für ein Religion gebot nicht mehr zu bedürfen glauben. Diesen sind die Tephillin lederne Riemen, weiter nichts. In den Städten bilden die Israeliten von dieser Denkungsart bereits die Mehrzahl, und von dem Heranwachsenden Geschlechts kann man mit Gewißheit annehmen, daß wenigstens die Hälfte nicht mehr an die Heiligkeit der Tephillin glauben wird, denn je allgemeiner durch den verbesserten Religionsunterricht, ein Gottesdienst im Geiste und in der Wahrheit wird, desto mehr müffen Cöremonien und Symbole von ihrer Heiligkeit verlieren, zc. rc." Hat je es Jemand gewagt durch so unwissende und verdrehte Auslegnng die heilige Schrift zu entweihen, wie hier geschehen. Abgesehen davon, daß diese Auslegung gegen die Sprache selbst verstößt, wie dieses in dem Werke „Was wollen wv" schlagend nachgewiesen wird, so verstößt sie gegen allen gesunden Menschenverstand. Bindet man denn Liebe zu Gott, selbst in der Bildersprache, auf seine Hand, oder zur Vorderhauptbinde, zwischen den Augen oder ist dem Herrn Kirchenrath sein Herz, auf seiner Hand oder zwischen seinen Augen. - Ihr sehet, liebe Glaubensbrüder, wie man mit den heiligsten Geboten, bei der Oberkirchenbehörde umgeht, und waö der verbesserte Religionsunterricht eigentlich bezwecken soll, und einer solchen Behörde soll, die Befugniß zur Auslegung und Anwendung von Religionsvorschriften eingeräumt werden? Heißt das nicht sich selbst und seine Religion aufgeben? Geliebte Glaubensbrüder, Euere Kgl. Regierung ist von dem besten Geiste beseelt, und will diesen Entwurf, vorerst an hierzu zu wählenden Deligirte zur Prüfung vorlegen. Wem es daher ernst ist, um seine Religion, der stehe für dieselbe ein mit Gut und Blut. Es ist jetzt die Zeit zum Handeln und, wenn Ihr ernsthaft zusammenstehet, und mit Energie und Eifer für unsere von Gott überkommene Religion eknstehek, so wird der himmlische Segen nicht fehlen, und die! Wahrhaft wird Iriumphiren. Wenn gleichwohl Euer! Herb Kirchenrath zweifach einen Orden erhielt, so I möge Euch dieses nicht einschüchtern, denn als Staats-! beamter mag er noch so viele Auszeichnungen verdienen, dieses stempelt ihn aber noch keineswegs zum; Juden. Mögen diese Bemerkungen Euch veranlassen, den Entwurf genau zu prüfen und alles Anstößige genau daraus zu entfernen; möge auch diesmal das bjotf” pbN Nb sich so glänzend , wie das erste Mal bewähren, möget Ihr Euch in gewissen Sachen nicht majorisiren lassen, denn hierin gibt es keine Majorität, sondern nur eine Autorität und diese ist und bleibt der — E. R. Rosen bäum. Jüdische Literaturdriesr. Von Dr. Gustav Karpeles. II. Indem ich daran gehe, werther Freund, Ihnen meine zweite Epistel in U8um tirooum zugehen zu lassen, fällt mir plötzlich die veränderte Situation ein, unter deren Auspicieu dies geschieht. Als ich Ihnen das erste Mal schrieb, bedeckte noch eisiger Schnee unsere Triften und Thäler, eisig und kalt, ja angefrösielt vom Eishanche des Judenhasses war auch das Buch, das wir zusammen durchsprachen; heute ist eS anders! Die Natur hat schnell ihr Kleid gewechselt und prangt jetzt schon, wenigstens hier in meinem ländlichen Sommeridyll, im herrlichsten Blüthenschmucke „Die Zeit der Blumen und der Lieder ist wieder da!" Ob nicht auch dieser herrlichen Frühlingszeit das Buch gleicht, das gegenwärtig vor mir aufgeschlagen liegt — — die Bibel von Samson Raphael Hirsch? Gewiß ist, mein Bester, dies Buch ein Frühlingsgruß besserer Tage, die erstehen werden, ein Frühlingsbote bewußter jüdischer Wissenschaft, ein Morgengruß glücklicherer Zeiten, die für das Iudenthum anbrechen. . Welch' ein Buch! welch' eine Sprache, welch' ein Geist! Wahrlich, da knospen die Blüthen eines reichen, ursprünglich genialen Geistes, da keimt und blüht und sproßt eö auf allen Blättern, daß es so eine Freude für den aufrichtigen Juden ist. Ich könnte nun, lieber Freund, meinen heutigen Brief schließen; denn eS gibt Genüsse, deren beseeligende Empfindung sich nur im Stillen fühlen läßt, und begeisterte Hymnen im Dithyrambenstyle sind weder der Würde des Verfassers, dieses großen und gelehrten Verlhcidigers des orthodoxen Iudenthums, noch der Würde der heiligen Sache angemeffen.