Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1869)
- Date
- 1869-05-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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X, Jahrgang. Beilage zu Rr. IS des Israelit. Leitender Artikel. Der Don Ouirote -rr seligen Castelrr R«-biner-Versammlung und seine neueste Hetörnthat. „Mich langweilt's, denn!aum ist's abgethan. So fangen sie von vorne wieder an." Das neunzehnte Jahrhundert ist groß durch die sogen, colossalen „Fortschritte", die es auf fast allen Gebieten der Kunst, Industrie und Wissenschaft gemacht, aber es ist zum mindesten eben so groß durch das Raffinement, womit einzelne geistig impotente, aber geriebene Leutchen diese Errungenschaften des menschlichen Geistes für ihre gewinnsüchtigen Zwecke auSzubeuten und sich zu Nutze zu machen verstehen. Noch in keiner Zeit wurde der Schwindel und die Charlatanerie so offen, so ganz saus gene und en gros betrieben, wie gerade in unseren Tagen. Die Lorbeeren deö großen Barnnm lassen Viele nicht schlafen, und es gibt viele kleine Helden deö Humbugs, deren sehnlichster Wunsch es ist, den Großen nachahmen und einen Schwindel en gros etablireu zu können. Inzwischen geht eS diesen Herren ganz vortrefflich; sie sagen mit Mazarin: rnundus vuft decipi — ergo decipiatur! und von diesem Grundsätze ausgehend, machen sie glänzende Geschäfte, beziehen große Revenüen, bekleiden hohe und einflußreiche Aemter; heißen geheime Hofräthe, Professoren, Doctoren und -- Neformrabbiner. Gewissen und Religion gehören natürlich bei diesen „berühmten", „fortgeschrittenen" und „aufgeklärten" Männern zu den „überwundenen Standpunkten". Die besten Geschäfte aber in diesem gerne machen unsere heutigen Neformrabbiner. Was diese eigenthümliche Species des literarisch-!: und religiösen Industrreritterthums vorzugsweise auszeichnet, ist vor Allem eine ungeheure Selbstüberschätzung, verbunden mit einer tüchtigen Dosis von Arroganz, worunter sich übrigens die größte Unwissenheit, besonders hinsichtlich dessen, was auf dasIudenthum und unsere heilige Religion Bezug hat, ungeschickt genug verbirgt. Man lese nur die Schriften unserer modernen Luther — und auf jeder Seite wird man nichts finden, als eben den seichtesten und langweiligsten Rationalismus und verschämt ausgedrückten Atheismus, die bodenloseste Frechheit und eine Selbstvergvtterung, die jeden vernünftig Denkenden anwidern muß. Jeder Reformrabbiuer ist ein geborner Iunghegelianer, d. i. -in Selbstgrtt: ein Individuum, dem das Indenthum und das göttliche Gesetz bloß der Deckmantel seines Egoismus ist und bei dem >'ich das ganze Universum einzig und allein um sein winziges, unverschämtes Ich dreht. Diese und ähnliche Betrachtungen stiegen in mir aus, als ich von befreundeter Sftte das Opus des Dr. A. Wiener, Rabbinen der Gemeinde zu Oppeln, das die ungeschickt? und laugathmige Aufschrift führt: „Die Opfer- und Akedagebete. Ein Beitrag zurOrientiruug in der Cultusfrage. Im Anschluß an die gl. Broschüre deö Herrn Dr. Joel und die betreffenden Artikel in der Zeitung deö IndenthumS d. I." (Breslau, -L>chleiter'sche Buchhandlung, H. Skutsch, 1869) zugeschickt bekam. Ab, rief ich angenehm berührt aus, das ist doch der famose Wiener, der sich in der Casseler Rabbinerversammlung, lächerlichen Angedenkens, durch seine rührende Sympathie für Hasen- und Schweinefleisch hervorgcthan und sich hierdurch auf dem Felde der jetzigen jüdischen Reformation unsterbliche Lorbeeren errungen! Wie einst Lord Biron, konnte auch der hochwürdige Herr I)r. Wiener, Rabbiner der Gemeinde zu Oppeln, von sich sagen, daß er über Nacht berühmt geworden; denn durch das geistreich-blödsinnige Plaidoyer, das er für die Abschaffung der jüdischen Speisegesetze in der berüchtigten rny zu Cassel ewlegttp erscholl der Name Wiener weit und breit in ganz Israel, soweit nur „die jüdische Zunge reicht". Freilich war diese herosträtische Berühmtheit nicht sehr beneidenswerth; denn dieser Herr hatte leider eine frappante und verhängnißvolle Ähnlichkeit mit dem berümten Junker aus La Mancha, mit dem heldenhaften, doch leider ein wenig hirnverbrannten Don (Inixote, den der geniale Cervantes vor länger als drei Jahrhunderten, zu Nutz und Frommen aller aufgeblasenen Genies und eingebildeten Gecknr und Narren, unsterblich gemacht hat! Auf's Tiefste durchdrungen von der Bedeutung uiib der hervorragenden Persönlichkeit des Herrn Dr. Wiener, Rabbiner der Gemeinde zu Oppeln, ging ich — wie sich die geehrten Leser des „I-Sraelit" denket können — mit den gespanntesten Erwartungen an daS vlwn genannte Opus des genialen Mannes. Aber sobald ich die ersten Seiten des als Leitartikel für die „Allgemeine Zeitung des Iudenthums" bestimmten Schriftchcns las, verließ mich jeglicher Respect vor dem bochwürdigen Herrn zu Oppeln; denn ich fand anstatt des großen Aufklärers nichts als „— — Ein Thier ans dürrer Heide, Von einem bösen Geist im Kreis berumgeführt. Und rings umher liegt s ch ö n e, g r ü n e W e i d e."-