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Der Israelit · 1869-05-12 · Heft 19 (12.5.1869) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 19 (12.5.1869)
Date
1869-05-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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367 freien wollen, — wir wollen sie auch frei machen! Wohin also? daß wir aber wirklich erst über Alles Vs-sv sein müssen! Wenn man sonst in Deutschland von „Auswandern" spricht, so ist das gleich bedeutend mit „nach Amerika ziehen," von Hunderten, die ihr Vaterland verlassen, gehen 95 nach den Ver. St. und wir reden, als ob wir das Äuswandern erst ersinden müßten! Nach Amerika mit ihnen! Was sie dort beginnen sollen, davon am Schlüsse. Sie werden dort prosperiren und werden dem Iudenthume nützen. Denn es sind dort dem letzter» alle Bedingungen des herrlichsten Gedeihens gegeben, und wir sehen, Gottlob, bereits die schönsten Blüthen und Früchte. Eins aber fehlt der dortigen Judenheit, und zwar dasBeste und Nöthigste: Thorakenntniß! Nicht ein Dutzend aus Deutschland importirter Rabbiner kann helfen — in einem demokratischen Lande vermögen Einzelne nichts — wohl aber zehntausend an der Mutterbrust der Thora erzogene, mit ihrer Milch vollgenährte Juden. Wir wollen diesen Gedanken nicht weiter ausführen, oder vielmehr ausmalen; wir können irren, aber unsere Ueberzeugung ist es: Man wird in Jahrhunderten von dem „polnischen Exodus" reden. Und wenn dann die amerikanische Judenheil von diesem Exodus die Periode datirm wird, in der auch unter ihr die Kenntniß und das Studium der Thora heimisch geworden, (wie einst in Spanien durch die dahin verschlagenen Gelehrten) — und wenn den russischen Juden" Luft geworden und die Civilisation (Dy min) bei ihnen Eingang gefunden haben wird, wenn dann jüdisch geistiges Leben und Streben, gleich einem elektrischen Strom an geschlossener Kette, durch Aus- und Einwanderung, Familienverbindung und Literatur, von dm Thorastätten Wilna's rc. nach dem fernen Westen gehen wird, dann wird man sprechen: „auch das ist von dem Herrn ausgegangen" uud wird das Elend segnen, welches die Vorfahren zur Auswanderung getrieben. Der Jude trennt sich in Masse ungern von der Grabstätte seiner Ahnen; traurig, daß es der Hunger sein soll, der ste scheucht — aber „ was den Vätern widerfahren, widerfährt den Kindern;" auch Abraham, Jsak*) und Jacob wanderten aus, „als Hunger im Lande war." Doch die Zukunft gehört Gott an. Was ist jetzt zu thun, wie schafft man 10,000, 50,000 Juden aus Rußland nach Amerika? Ist es unmöglich?! Warum ist es für Irland in noch viel größerem Maßstabe in kurzer Frist verwirklicht worden? Aber der eigenen Initiative der Unglücklichen dürfen *) Jizckack nicht; er wollte auswandern, aber. Gott ließ es nicht zu. Red. — wir die Auswanderung nicht überlassen! Es gehen schon viele von ihnen, mit und noch mehr ohne Familie, nach Amerika; von Woche zu Woche steigt die Zahl; aber das ist für sie der verkehrteste, für uns der kostspieligste Weg. Für ste — denn was wollen omrpn, diese verkümmerten Juden machen? Vereinzelt, auf eigene Hand, und doch zahlreich anlangend, müssen sie zu Grund gehen! Die Einen wollen als Schächter u. dgl sungiren — mehr cpdittc' als Hühner — die Meisten sind Handwerker; aber selbst der deutsche tüchtige Geselle hat viel zu lernen, bis er in Amerika bestehen kann; ein Schneider, Schuster, Tapezierer aus Szaki oder Teleze neben einem von der Broadway in New-Aork — lächerlich! peddeln; denn betteln gilt drüben nicht. Aber so viele!! Aber wir vergeuden auch unser Geld auf die unverantwortlichste Art bei der bisherigen Methode. Der Verfasser ist, leider, sehr competent, bierüber ein Urtheil abzugeben. „Ick bin der Mann, der das Elend gesehen!" denn 90°/0 aller russischen Juden, welche, von Riga bis zur Narew hinunter, also aus den Gegenden des Hungers, herstammend, sich bettend in Deutschland herumtreiben, ziellos, oder um nach Amerika zu gelangen, sie sind zunächst und meist von Allem entblößt, nach Stettin gekommen, haben ihren Weg durch unsere Gemeinde, ja durch die Stube des Unterzeichneten genommen, denn das gehört ja zu den in keinem Paragraphen eines Rabbinats - Contracts verzeichnten Lasten, also unter die Rubrik nmro itfirtt H3D! Das Geld, welches sie von Hause mit, oder in der Heimath zusammen bringen, reicht gerade zur Bestreitung der Seefahrt aus. Die Dampfer, welche von Riga, Memel, Tilsit und hauptsächlich von Königsberg auf hier lausen, nehmen die Leute für 2—3 Thl?. (viele auch um Gotteswillen) auf Deck mit. Es sind meist die Dampfer unserer Stetiner Linien, welche sie uns bringen; am Hafen werden sie abgesetzt und dann: „wo wohnt der Rabbiner?" - Es ist die große Straße des Ostseehandels, von den russischen und ostpreußischen Häfen nach Stettin, welcher die Leute von selbst folgen; die übrigen 10% gehe« entweder erst nach Copenhagen und kommen dann hierher, wieder mit unserem Dampfer (denn die Postschiffe, welche von Lübeck, Sttalsund rc. laufen, sind zu theuer) oder sie nehmen die Eisenbahnstraße; aber mag es die Route Warschau-Berlin oder Königsberg-Berlin sein, der Weg von Kreuz nach Berlin geht für sie über Stettin. Stettin also bildet, Gott verzeihe das harte Wort, für diese von Monat zu Monat dichter werdenden Schüarm die Einfallpforte nach Deutschland. Einige wohl wenden sich von hier nach Dänemark oder Schweden, die Meisten zerstreuen sich und ziehen auf allen möglichen Umwegen durch Deutschland einher. Die Leute trifft kein Vorwurf, aber

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