Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1869)
- Date
- 1869-05-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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352 Kaisers. Wisse, ick bin Michael, der Paphlagonier, ein Centurio in der Leibwache des Kaisers. Mein Oheim ist der mächtige Minister Johann. Noch heute rede ich mit meinem Oheim. Er liebt mich und erfüllt jeden meiner Wünsche. Willigt er ein, und ich zweifele nickt daran, dann wirst Du Christin und mein Weib." Melittas Herz zitterte, als Michael so sprach. Ihre Eitelkeit war aufs Höchste erregt. Sie, das Weib eines vornehmen Ritters, erscheinend bei den Hoffcsten, geschmückt mit Gold und Diamanten, gekleidet in Seide und Purpur! Sie entwand sich den Armen des Ritters nickt mehr, sie erwiederte seine Liebkosungen; erst als die Tritte der alten Magd vernehmbar wurden, die da kam, um Melitta ins Haus zu rufen, riß diese sich loS und entstoh. Der Ritter sprang wieder über die Mauer, bestieg sein Roß und galoppine davon. Der Eunuch Johann, ein Günstling des Kaisers Basil, hatte seiner Schwester Sobn, den schönen Michael, aus Papblagonien kommen lassen, weil er auf ihn ehrgeizige Pläne baute. Basil war unverheiratet und hatte oft genug erklärt, niemals einen Ehebund schließen zu wollen. Sein Bruder und Erbe, der Kaiser Konstantin VIII. hatte nur zwei Töchter, Zo« und Theodora. Die jüngere, Theodora, war für einen Prinzen des deutschen Kaiserhauses bestimmt, für den späteren Kaiser Otto III, dessen frühzeitiger Tod jedoch diesen Plan nicht zur Ausführung kommen ließ. Damals aber galt Zoe für die einzige Erbin des Kaiserthrones. Diese Prinzessin war von heißem Geblüte, im höchsten Grade leidenschaftlich. Auf sie hatte der listige Johann seine Pläne gebaut. Was galt es ihm, daß die Prinzessin schon einem Gatten bestimmt war? Zn der Geschichte der Byzantinischen Kaiser kam es ja nicht selten vor, daß der Kaiser seine Gemahlin oder die Kaiserin ihren Gatten in ein Kloster sperren ode: gar vergiften ließ, uni einen neuen Ehebund zu schließen, wie es die Leidenschaft eingab? War Zoo erst Kaiserin, so kennte sie ihren Galten verstoßen, und den schönen Michael zu ihrem Herrn erheben; dann aber war der Eunuch Johann der eigentliche Beherrscher des Kaiserreichs. Man kann sick daher leicht vorftellen, daß Johann nicht in den Wunsch seines Neffen, die Tochrer des Juden Menachem heimzuführen, willigte. „Bist Du wahnsinnig, thörichter Junge!" schrie er ihn an, als Michael ihm sein Vorhaben eröffnete, „habe ich Dich deßhalb aus Paphlagonien hierberkommen lasten an den glanzvollen Hof des Kaisers, damit Du der Schwiegersohn eines Juden wirst und Schande bringst über Deine ganze Familie? — Erfahre ick, und ich habe meine Lauscher - überall, daß Du die Judenmaid wieder besuchst, so fürchte meinen Zorn! Ick verbanne Dick vom Hofe und werfe Dich gerade so in Dein Nichts zurück, wie ick Dich erhoben habe." Als Michael zu diesem Zornesausbruch schwieg, wurde Johann milder gestimmt. Er weihte den Neffen in seine ehrgeizigen Plane ein und zeigte ihm als Ziel den glänzenden Kaiserihron. Michael war wie betäubt; er schwur seinem Oheim, seinen Besuck bei der Judenmaid nicht wiederbolen zu wollen. Am folgenden Tage saß Melitta wieder in der Weinlaube des Gartens hinter dem Hanse ihres Varerö, mit hcäklopfendem Herzen den schönen Ritter erwartend; aber sie harrte vergebend; Michael kam weder an diesem noch an einem der folgenden Tage. Melitta wartete und harrte so lange, bis sie des Wartens und Harrens überdrüssig wurde. Um diese Zeit hatte Deborah immer häufiger ihren Gatten gebeten, sich noch ein Weib zu nehmen. Endlich batte Rabbi Gerschom ibren Bitten nackgegeben und sie selbst beauitragt, ein passendes Mädchen für ihn zu suchen. Deborah wellte nun zeigen, wie rein und uneigennützig sie Rabbi Gerschom liebe; das schönste Mädchen Kcnstar.tinoptls sollte die seine werden. Da wurde ihr von Melitta erzählt; sie suchte sie auf und war von ibrer Schönheit entzückt. Sie sprach mit dem Vater. Diesem war der Schwiegersohn, der reiche, fromme und gelehrte Rabbi Gerschom schon recht, und da dessen Weib selbst für ihn warb, so heb ihn das über jedes Bedenken hinweg, das i'n wohl sonst gehindert hätte, seine Tochter einem schon beweibten Manne in die Ehe zu geben. Nach wenigen Monaten führte Rabbi Gerschom sein junges Weib in sein Haus. Er liebte sie iunig und befriedigte mit Freuden ihr Verlangen nach Gold und Seide, nach Edelsteinen und anderem Schmucke. Auch Melitta war glücklich; hatte sie doch, was ihr Herz begehrte, und der schöne Ritter war längst vergessen. Deborah aber war im höchste Grade betrübt; sie sah sich vernachlässigt um eines eitlen Weibes willen; sie erkannte bald die großen Fehler und den furchtbaren Leichtsinn Melitta'S; ihr blieb deren Herz- und Gefühllosigkeit nicht verborgen. Allein, sie schwieg; hatte sie selbst doch Rabbi Gersckom bewogen, eine zweite Gattin zu nehmen, hatte ne selbst doch ihm diese gewählt! Bittere Sorgen beschwerten ihr Herz; aber sie mußte schweigen, zu Allem schweigen, was sie auch Schlimmes von ihrer Nebenbuhlerin ersah. Also hatte sie es ihrem Gatten versprochen; und sie hielt ibr Versprechen, sie schwieg; o, hätte sie lieber geredet! (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hvsbuchhandlurig. — Dampf - Schnellpreffendruck von I. GottSleben in Mainz.