Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1869)
- Date
- 1869-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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351 reicht, und ich soll das letzte Glied dieser Kette sein, soll gleich einem abgehauenen Baumstamme nicht weiter Schößlinge treiben? Auf mir ruht der Geist meiner großen Ahnen; ich erfülle die Aufgabe, die Abraham der Welt gebracht hat, bin ein Diener des Gottes Jakob's, ein Schüler unseres großen Lehrers Moscheh - und ich soll keinen Sohn aufnehmen in den AbrahamSbund, kein Kind erziehen zum Diener meines Gottes, keinen Sohn unterrichten in der Lehre Moscheh's, die da ist ein Erbtheil der Gemeinde Jakob's?" So sprach der Nabbi, und tiefe Wehmuth bemächtigte sich seiner. Er glaubte allein zu sein; aber seine Worte waren belauscht worden. Herein trat Deborah und beugte sich über ihren Gatten. „Geliebter Mann," sprach sie, „es betrübt mich sehr, daß Du Dich so bekümmerst, um so mehr, da ich die Ursache Deiner Leiden bin. Mein Schooß ist unfruchtbar. Wohlan, laß mich dem Beispiele Sarah'S, Rahel'S und Leah's, unserer frommen Mütter, folgen. Laß mich Dir noch ein Weib zuführen*), damit es Dir Kinder gebäre und Dein Haus künftig nicht vereinsamt sei." „Das wolltest Du thun, Geliebte? O, Du edles Weib, Du würdige Tochter unserer erhabenen Stammmütter! Doch nein, ich nehme dieses Dein großes Opfer nickt an; um Deinetwillen nehme ich eö nicht an. Weißt Du nicht, daß Hagar ihre Herrin kränkte, als sie das erlangt hatte, was der Sarah noch versagt geblieben war?" „Sorge nicht um mich, mein Geliebter! Wenn ich ein Opfer bringe, so will ich eS auch ganz bringen. Ich werde Dein Haus, wenn Du noch ein Weib heimsühren willst, nicht zu einer Stätte des Zankes und des Streites macken; ich werde Deine neue Gattin nichtmit Neid und Eifersucht verfolgen; ich werde, wie bisher', nur Dein Glück, Deine Zufriedenheit vor Augen haben und nur dafür leben. Möge die neue Gattin Deine Liebe erlangen, ich werde mich mit Deiner Achtung und Freundschaft begnügen." „„Du bist ein edles Weib! O, daß mir Gott Kinder aus Deinem Schooße bescheeren möchte — sie würden unferm Vater Jizchak gleichen an Frömmigkeit und Edelsinn. Nein, ich nehme Dein Opfer nicht an. Komm, wir wollen zu Gott beten — vielleicht erhört erunser« Herzenswunsch wie er den Jizchak's und Nibkah's gewährt hat."" Und Beide beteten in innigster, heißer HerzenSandacht. Aber Gottes unerforschliche Weisheit gewährte die Bitte nicht; der Allwissende hatte in. SUuer» hohen Nathe eö anders beschlossen. *) Anm.: Zu der Zeit unserer Erzählung war die Polygamie den Israelin« aller Länder noch gestattet und bei ihnen auch nicht ungewöhnlich. Wiederum verstrich ein Jahr; von Tag zu Tag wurde Rabbi Gerschom reicher und angesehener; aber das Lächeln eines Kindes erfreute ihn nicht. Um diese Zeit lebte in Konstantinopel ein Händler, Namens Menachem, der aus dem Lager Rabbi Gcrschom's Silberwaaren entnahm, um sie in der Stadt zu verkaufen. Der Mann war fromm und brav, auch nicht unerfahren im jüdischen Schriftthum; seine Frau war ihm früh gestorben, und hatte ihm eine einzige Tochter von seltener Schöne hinterlassen. Melitta war der Stolz ihres Vaters; in der ganzen, großen Kaiserstadt gab es keine schönere Jungfrau als sie. Aber die schöne Hülle barg keine edle Seele. An äußerem Flitter hing Melitta's Herz; nicht hatte einer Mutter sorgsame Hand ihre Erziehung geleitet; den Vater, der» es schwer wurde, sich zu ernähren, und der den ganzen Tag mit seinen Waaren hausirte, sah sie wenig. So war das Mädchen herangewachsen ohne geistige und sittliche Pflege. Sich zu putzen und zu schmücken, das war der einzige Wunsch ihres eitlen Herzens. Einst saß Melitta in der Weinlaube des Gärtchens, das hinter dem Hofe ihres Vaters lag; da ritt ein junger, schöner Offizier von der Leibgarde des Kaisers vorüber. Der junge Michael, der Paphlagonier, war einer der schönsten Ritter des kaiserlichen HofeS; sein Onkel war der eknllußreiche Eunuch Johann, einer der Wenigen, denen Kaiser Vafii II. gestattete, an der Regierung Theil zu nehmen. Als Michael dajunge Mädchen erblickte, hielt er wie geblendet sein Pferd an. „Holdeste," rief er hinüber, „bist Du ein Engel, aus der andern Welt gesandt, um diese Erde zu verschönen, o so gönne mir noch länger Deinen beglückenden Anblick! Bist Du aber ein Menschenkind, so beschwöre ich Dich, mir Deinen Namen und den Namen Deines Vaters zu nennen, damit ich hintrete vor ihn und um Dich werbe." Melitta wollte fliehen, als der schone Ritter also sprach. Dieser aber war schon vom Pferde gestiegen; schnell band er das Roß an einen Pfahl und schwang sich über die niedere Mauer. Er hielt die Fliehende fest und überhäu'te sie mit den Namen der überschwenglichsten Zärtlichkeit. b Melitta floh nicht mehr; auch sie war von dem Anblick des schönen Jünglings bezaubert. „Wie heißest Du, Götterkind?" fragte sie dieser. „„Melitta, hoher Herr!"" „Welch schöner Name! Melitta, die Biene, bereitet uns Honig — so auch Du, Du süßeste der Frauen! Und Dein Vater?" „„Mein Vater ist Menachem, der Händler."" „Ah, ein Jude! Doch das schadet nichts; ich führe Dich auS Deines Vaters Hütte in den Palast des