Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1869)
- Date
- 1869-04-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Lehrer in Mainz saß, da kam ihm der Gedanke, die Erläuterungen derselben an den Rand des Talmuds zu schreiben und so den künftigen Schülern bas Selbststudium zu ermöglichen. Aber um diese« große Werk auszuführen, mußte er da« Talmudstudium an seiner Quelle aufsuchen, er mußte nach Babylon reisen, um von dem Gaon selbst den ganzen Schatz der mündlichen Lehre in seiner ungetrübten und nie unterbrochenen Tradition zu erlangen und in flch auszunehmen. Nach Babylon waren die größten Lehrer Israels von Nebueadnezar vertrieben (lennn “UDO."»)/ in Babylon war die Gotteslehre auch nach der Rückkehr eines TheileS der Juden nach Palästina immer heimisch geblieben. Als während der hasmvnäifchen Bürgerkriege die Thora in Vergessenheit zu gerathen in Gefahr kam, da zog Hillel der Babylonier «ach Palästina, um sie neu zu begründen; als Rab- Lenu Jehuda, der Hrilge, den Codex der Miscknah sammelte, da kamen Rabbi Chija und seine Söhne von Babel, um diesen zu ergänzen; als aber erst die blutigen Verfolgungen der Römer das Studium der Thora in Palästina fast ganz vernichtet hatte, da war es Babylonien, wo es neu erblühte, bis Rabina und Rab Aschö den Talmud niederschrieben. Hier in den Schulen von Sura und Pumbeditha war der eigentliche Sitz der Lehre. Die Vorsteher dieser Schulen, die Geonim, waren die Lehrer von ganz Israel, bis zu dem Tode Rabbenu Hai's, des letzten Gaon, im Jahre 1038 der gewöhnlichen Zeitrechnung. Zu der Zeit unserer Geschichte war die Schule von Sura schon eingegangen; aber noch blühte die Sihule zu Pumbeditha unter dem großen Gaon ScherlH. Zu ihm reiste Rabi Gerschvm, nachdem er sich vother mit Deborah, der Tochter seines Lehrers Rabbi Lion, verlobt hatte. Mehrere Jahre saß Rabbi Gerschom zu den Füßen seines Lehrers in Pumbeditha; aber nicht nur den Talmud und die Bedeutung eines jeden schwierigen Wortes in demselben lernte er verstehen, sondern auch alle anderen Wissenschaften, welche die damalige Zeit kannte. Rabbi Gerschom, der eine wunderbare Fassungskraft und ein Gedächtmß besaß, das niemals verlor, was in dasselbe war niedergelegt worden — wie ein wohlverpichteü, hermetisch verschlossenes Faß, das keinen Tropfen verlieren, in dem kein Tropfen verdunsten kann — lernte Griechisch und Arabisch, Perfisch und Lateinisch, er lernte alle Pflanzen und Steine kennen und die Geheimnisse der Natur, er lernte die Eigenarten der Thiere und Vögel verstehen und benutzen, er lernte alle Kunstfertigkeiten, er beobachtete dsn Lauf der Gestirne und die Gesetze desselben. Mit besonderem Fleiße widmete er sich der Kunst deS Gold- und SilberarbeitexS; diese Kunst sollte ihn ernähren, während er unabhängig von aller Welt seinen großen Talmud-Cömmentar schreiben wollte. Mitten in all diesen Studien traf Rabbi Gerschom die Trauernachricht, daß sein Vater gestorben; ereilte in die Heimath, um sein Erbe anzutreten. In Konstantinopel mußte er einige Tage des Schiffes harren, das ihn nach Frankreich führen sollte. Da kam ihm die Uebezeugung, daß nur in dieser großen Metropole sein künftiger Wohnsitz sein dürfe. Hier konnte er seine Kunst verwerten wie nirgendwoanderS, hier konnte er im Umgänge mit den großen Künstlern und Gelehrten der Hauptstadt lernen, was ihm etwa an Wissen und Können noch fehlte. Rabbi Gerschvm kam nach Metz und verkaufte dyS HauS und die Neuer feines Vaters; dann eilte er nach Mainz, wo sein theurer Lehrer Rabbi Lion und dessen nunmehr zur holden Jungfrau erblühte Tochter Dtborah seiper in Liebe und Treue harrten. Ungern ließ Rabbi Lion den werthen Schwiegersohn und die geliebte Tochter in die Ferne zichen; allein Rabbi Gerschom beharrte bei seinem Entschlüsse, und da Deborah keinen andern Willen kannte als den ihres Gatten, so mußte auch Rabbi Lion nachgeben. Dreißig Tage nach der Hochzeit nahm man schmerzvollen Abschied. Von Mainz nach Konstantinvpel ist noch heute eine große Reise; wie mühselig und beschwerlich sie aber zu. jener Zeit war, davon hat-der Jetztlebende kaum eine Vorstellung. Nicht, allein daß eS keine Eisenbahnen und Dampfboote gab, es waren nicht einmal Wege gebahnt und vielfach mußte, man mitten durch von uncivilisirten Nationen bewohnte Länder reisen, oft mußte man undurchdringliche WWrr passiren, nicht überall' gab eS Fähren zum UekersHreiten der Flüsse, und Räuber und Wegelagerer machten selbst kleine Reisen gefährlich. Nach unsäglichen Mühseligkeiten und Gefahren kam Rabbi Gerschom mit seiner jungen Gemahlin in Konstantinopel an. H^er miethete sich'der kunstfertige Goldarbeiter eine Werkstatt und begann bei Tage Becher, Ringe und Ketten von seltener Schöne zu verfertigen, während et iei Nacht seinen Studien oblag. Bald. war. der 8*feeh des fränkischen Künstlers berühmt, imd es wurde Mode am kaiserlichen Hofe, nur solche SchmuckgsKnstände zu tragen, die. der kunstreiche Franke angesertigt hatte. Rabbi Gerschom mußte sich nunmehr Gehilfen nehmen, die dann nach seiner Angabe Alles verfertigten. So gelangte er bald zu großem Wohlstände, und nicht« fehlte zu seinem Glücke als "der Kindersegen, denn seine Ehe war unfruchtbar. ’ (Forts, folgt.)- Hierz« drei Beilage«. DerantWrtUche «evaena«: br. LeHmann. — «erlag der Le Ranx'schen tzafbuchhandümg. — Dampf * Echnellpreffendntü Mn A. Gett-leben in Mainz.