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Der Israelit · 1869-04-21 · Heft 16 (21.4.1869) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 16 (21.4.1869)
Date
1869-04-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Louis« fühlte sich durch diesen Entschluß wunderbar gestärkt. Dankend blickte sie empor zu Gott; da hörte sie laute, jubelnde Stimmen; sie blickte sich um und sah Alfred in den Armen eines fremden Mannes; sie eilte auf ihren Sohn zu und blieb wie versteinert stehen. War es eine Täuschung, war rö Wahrheit? Der Vater hielt seinen Sohn, Eduard hielt Alsred umschlungen. Louise schrie laut: „Eduard, ist'- denn möglich!" und brach zusammen. Eduard stürzte herzu und sing sie in seinen Armen auf. „Ja," rief er, „ja, mein Weib, mein Herzensweib, ich brn's, ich lebe, der Todtgeglaubte!" * * Eduard war an demselben Tage in N. angekommen; von dem Bahnhofe aus hatte er sich nach dem Friedhöfe begeben, um zuerst das Grab seines Vaters zu besuchen; hier war ihm sein Söhnchen in die Arme gÄaufen, und jetzt hatte er auch sein Weib wiedergefunden. Louise mußte sich auf den Rasen setzen; lange, lange konnte sie eS gar nicht begreifen, daß Eduard noch lebe, daß er bei ihr sei. Eduard berichtete ihr kurz Alles, was sich ihm zugetragen hatte; auch Louise verhehlte ihm Nichts. Eduard erschrak nickt wenig bei dem Gedanken, daß er Louise als das Weib eines Andern hätte wiederfinden können; allein er hatte noch die letzten Worte ihres Gebetes, die sie in Extase laut gerufen, gehört, und diese halfen den wiedervereinigten Gatten lächt über die Verlegenheit hinweg, in die sie Louisens Verhältniß zu Grunert hätte versetzen können. Dann kam auch Alfred hinzu und hatte den für ihn von den Todten erstandenen Vater soviel zu fragen, daß er Eduard ganz in Anspruch nahm. Dieser machte sich endlich frei von seinem Sohne, um am Grabe des Vaters zu beten. „Louise," sagte Eduard dann, „hier am Grabe meines Vaters höre das Wichtigste, was ich Dir mitzutheilen habe — ich bin ein Anderer geworden; die Leiden haben mich gebessert, haben mich Gott erkennen und Seine heiligen Gebote befolgen gelehrt; ich bin jetzt Jude mit Kopf und Hand, mit Herz und Seele." Als Eduard so sprach, da weinte Louise laut. „Wenn dem so ist, Eduard," entgegnete sie, „dann haben wir nicht vergeblich gelitten." Sie traten den Heimweg an; als sie nach Hause kamen, hielt eine Droschke vor der Thüre, aus welcher der alte Ahrens stieg; er war gekommen, um Louisen zu der Heirath mit Grunert zu überreden. Da sah er Louisen mit Alfred und einem Manne die Straße heraufkommen, und dieser Mann war Eduard. „Aber das ist ja unmöglich!" rief der alte Mann, mehr erschreckt als erfreut; und als nun Eduard auf ihn zus eilte, da streckte er ihm abwehrend beide Arme entgegen: „Unmöglich, unmöglich!" rufend. „Es ist doch so, Vater," rief Louise/ mv, es ist Eduard, es ist wirklich Eduard, der Tvdtgeglaubte!" AhrenS aber sagte nur: „Unmöglich!" — Der alte Mann war wahnsinnig geworden. Das war dirr bitterer WermuthStropfm in den Freudenbecher des Wiedersehens! Der alte Ahrens lebte nur noch kurze Zeit; er wurde neben seinem Freunde, dem alten LindenfelS, begraben. Als Eduard seinen Besitzstand revidirte, fand er auch die Notizen, welche ihm das Räthsel lösten; wieso sein Vater die Insolvenz hatte vermeiden können. Da erinnerte er sich des frevlen Wortes, das er zur Zeit der Handelskrise gesprochen — und siehe, Gott hatte ihm die große Summe gesandt, deren er benöthigte, er aber hatte sie in Folge seiner voreiligen Flucht nicht benutzen können. Er erzählte von dieser wunderbaren Fügung seiner Gattin, und Beide wurden dadurch im Vertrauen auf Gott und in der Zuversicht zu Ihm gestärkt. Eduard und Louise verließen N. und siedelten nach einer europäischen Großstadt über; dort gehört Eduard zu den eifrigsten Förderern aller wahrhaft jüdisKen Interessen. Ein Jahr nach seiner Rückkehr wurde ihm ein Söhnchen geboren, bei dessen Beschneidüng der Rabbiner von B. als Gevatter fungiren mußte. Auch ließ es sich Eduard nicht nehmen, die älteste Tochter des Rabbinen, die unterdeß Braut geworden, auszustatten. Herr Grunert ist noch heute unverheirathet. Oftmals spricht er davon, daß er sich freue, diejenige nicht geheirathet zu haben, die er so gern hätte die Seine nennen wollen — wie viel mehr müsie er sich freuen, nicht eine solche zuheiralhen, für die er keine Neigung empfinde. Nirgendwo machte die Rückkehr Eduards einen größeren Eindruck als in B. Man nannte fürder den Rabbinen nicht mehr einen Fanatiker. Von unjüdischen Neuerungen, sogenannten Reformen, war dort vow da und weiter keine Rede mehr. Und vr. I.? der sagte: „Ja, ja, ich möchte auch so fromm sein, wie der Rabbiner von B., wenn eS nicht gar so — unbequem wäre! Den Schwur, den Eduard Lindenstein in der Gefangenschaft geschworen, hat er sich weder von Dr. I. noch von einem Andern lösen lasten; er hat ihn bis heute getreulich gehalten. — Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dt. Lehmann. — Verlag der tz'e Rbux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - SchneBprefsendruch von I. Gottsleben in Mainz.

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