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Der Israelit · 1869-04-14 · Heft 15 (14.4.1869) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 15 (14.4.1869)
Date
1869-04-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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880 „Wa» soll das mir?" fragte sie. „„Sehen Sie, Frau Lindenstei«; der hier Verfolgte, von dem keine Spur gefunden worben, hieß Elias Liefmann; folglich war seine Wasche mit E. L. gezeichnet; seine Statur ist wie die ihres Gatten beschrieben; auch Liefmann trug das jüdische Bundes- ^etchen an feinem Körper. Bleibt von allen Indicien nichts als der Rock und das Portemonnaie. Nun aber sagen Sie, tragen bei den jetzigen Modeverhältnissen nicht gar viele Leute ganz ähnliche Röcke, kann diese Ähnlichkeit nicht zum Verwechseln werden, noch dazu, wenn ein Rock lange Zeit im Wasser gelegen, werden nicht aus einer Fabrik Tausende von Portemonnaies von gleicher Fa§on versandt, ist nicht ferner auffällig, daß man bei der aufgefundenen Leiche, Uhr und Kette vermißte, wahrend Eduard Beides trug?"" „In der Thal, Herr Rabbiner, Sie haben nicht Unrecht in jedem einzelnen Punkte; allein das Zusammentreffen so vieler Ähnlichkeiten ist doch zu unwahrscheinlich." „„Auch ich stimme darin mit Ihnen überein; allein. Sie sehen doch, daß die Wäsche des Vermißten wie die Lindensteins gezeichnet war, daß also das Unwahrscheinliche dennoch manchmal in Wirklichkeit vorkömmt."" „Und wenn Eduard noch lebte, warum hat er in dm zwei Jahren kein Lebenszeichen von sich gegeben?" „„Das ist allerdings sonderbar; jedoch, wer kann alle Möglichkeiten ermessen? Sonderbarer ist oft die Wirklichkeit als es die kühnste Phantasie eines Dichters auszumalen wagt. Hören Sie mich, Frau Lindenstein! Welches Interesse habe ich dabei, wenn; Ihre Heirath mit Herrn Grunert nicht zu Stande kömmt? Ich habe einst Ihre Verheiratung mit Lindenstein Hintertreiben wollen, und hat der Erfolg glicht meine Anschauung als die richtige erwiesen? Ehe jene. Leiche begraben wurde, habe ich durch sorgfältige Untersuchung nach jüdisch religiösem Gesetze feststellen wollen, ob Ihnen Wiederverheirathung gestattet sein würde — sie wiesen damals jeden Gedanken Daran mit aller Entschiedenheit zurück. Jetzt verlange ich im Namen des jüdischen Religionsgesetzes, daß eine Wiederverheirathung nicht stattfinde. Die Möglichkeit ist doch vorhanden, daß Eduard noch lebt; stellen Sie Sich vor, Sie seien seit Jahren verheirathet, und Eduard kehrte wieder und Sie seien eine Ehebrecherin und Ihre Kinder in Ehebruch erzeugte Bastarde; gedenken Sie des Unglücklicken, der vielleicht nach langen Leiden heimkehrt , um sein braves Weib wiederzufinden, und er findet Sie in den Armen eines Anderen als ein ungetreues, ehebrecherisches Weib!"" Der Rabbiner schwieg erschöpft. Louise hatte ihr Gesicht mit bejdm, Händen bedeckt und weinte laut. „Mein Gott," rief sie, „was soll ich thun?" „„Sie sollen,"", entgegnete der Rabbiner, „„auf die Wiederverheirathung verzichten In diesem Augenblicke war Grunert ins Zimmer getreten; er hatte die letzten Worte gehört. „Und ich," rief er erzürnt, „werde mir die Pfaffm aus dem Hause schaffen. Gehen Sie, mein Herr, oder ich werfe Sie zur Thür hinaus." „Grunert," sprach Louise vorwurfsvoll, „welch eine Sprache. Verzeihen Sie, Herr Rabbiner, dem Aufgeregten!" „„Aber,"" entgegnete Grunert. „Dein Vater ist doch auch ein frommer Mann und hat nicht allein unsere Verbindung vollständig gebilligt, er hat das ihm selbst gesagt! Warum tritt der Mann so hartnäckig unserem Glücke entgegen?" „Herr Grunert," sprach der Rabbiner sanft, „ich verzeihe Ihnen Ihre Ausfälle gegen mich. Lassen Sie Sich von Frau Lindenstein miltheilen, was sich Neues in dieser Angelegenheit ergeben hat. Prüfen Sie und erwägen Sie wohl; Sie möchten sonst zu spät bereuen, was Sie vorschnell zu thun gedenken." Der Rabbiner ging. Louise zeigte Grunert das Zcitungsblatt mit dem Steckbriefe. Der Bräutigam wollte nun allerdings die Möglichkeit, daß Eduard noch lebe, nicht zugeben. Der Mensch glaubt selten das, was ihm zu glauben unangenehm ist. Louise aber bestand darauf, den neuen Incidenzfall ihrem Vater mitzutheilen und ihm das ZeitungSblatt einzusenden. Sie schrieb sogleich und theilte mit, was ihr der Rabbiner von B. gesagt. „Lieber Vater," schloß sie den Brief, „ich bin über die Jahre glühender Leidenschaft hinaus; mein Verhältniß zu Grunert ist ein achtungsvollfreundschaftliches. Wenn nur das geringste Bedenken in Dir aufsteigen sollte, so verhehle es mir nicht, und ich löse dieses Band, das zu schließen ich mich ja so schwer entschlossen habe." Als der alte Ahrens diesen Brief empfing, schäumte er vor Wnth. „Was hat," rief er, „dieser fanatische Rabbiner mit meiner Tochter zu schaffen? Ich werde selbst nach N. fahren und die Bedenken der armen Frau beschwichtigen. Thorheit — Eduard soll noch leben! Diesmal soll mir nur der Fanatiker in den Wurf kommen! Da werde ich ihm den Text lesen und die Lust vertreiben, sich in fremder Leute Angelegenheiten zu mischen! Wenn nun aber doch jene Leiche nicht die Eduards war? Päh, es ist ja ganz unmöglich, daß Eduard noch lebt!" (Schluß folgt.) Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redactton: I>r. Lehmann. — Verlag der Le Voux'schen Hofduchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz. ft

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