Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1869)
- Date
- 1869-04-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447395-2447410--07090-2462676- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
275 Literatur unserer Tage nicht erfüllen. Sowie das jüdische Leben der Gegenwart ist ja auch die Literatur derselben, wie es Ihnen bekannt fein dürste, in zwei Lager gespalten. Wer kann daher von einem auf der Zinne der einen oder der anderen Partei Stehenden strenge Objectivität fordern und verlangen? Mögen immerhin Diejenigen, welche ohne Objectivität keine Kritik anerkennen, diese Blätter ungelesen lassen. Sie werden einzig und allein vom Standpunkte des „Israelit" aus, die hervorragendsten Erscheinungen der Gegenwart über Juden und Juden-- thum von Israeliten und Nichtisraeliten «inv ira et studio darlegen, und ich weiß, daß Sie, auf demselben Standpunkte stehend, meine Ansicht nicht nur nicht verdammen, sondern hoffentlich theilen werden. Doch kann ich, so lieb mir dies auch gewesen wäre, mit einer großartigen literarischen Produktion eines unserer genialsten Rabbiner. die in den vergangenen Wochen mich angenehm beschäftigte, nicht meinen ersten Literaturbries beginnen. Es ist ja in der Peßachwoche, da ich Ihnen schreibe, und da, wissen Sie, ist es Pflicht eines jeden Juden, alles Chomez zu entfernen. Nun denn, es hat sich in den jüngsten Tagen ein nicht unbeträchtliches Convolut von Sauerteig in der Literatur angesetzt; raumen wir daher ein Bischen vor dem Feste! — Die Klagen über die Verjudung der deutschen Presse, ja sogar des. ganzen öffentlichen Lebens, sind nicht neu. Ganz neu und unbekannt ist aber, die Klage, mit der Richard Wagner, der Zukunftöprophete der modernen Musik, in seinem kürzlich erschienenen Büchlein: „Das Judenthum sin der Musik,'*) gegen die Juden der Gegenwart auftritt. Nach ihm ist auch die moderne Musik „verjudet", und zwar einzig und allein aus dem Grunde, weil zufällig zwei Juden, Mendelsohn - Bartholdy und Meyerbeer, in der modernen Musik eine neue Aera bildeten, und darin von vollständig entgegengesetzten Prinzipien ausgingen als Herr Wagner. Es kann nicht meine Aufgabe sein, sehr verehrter Freund, vom musikalischen Standpunkte aus, wo ich vollständig Lake bin, die Absurdität der Behauptungen Wagners darzulegen; nur seine geradezu abscheulichen Verläumdungen, die sich im Munde eines ehemaligen Rothen sehr komisch ausnehmen, will ich Ihnen hier mittheilen und widerlegen. Hätte Richard Wagner ruhig und mit Würde, wie es sich dem Forscher geziemt, seine Ansichten dargelegt und daraus Schlüsse gezogen, wir hätten es ihm unmöglich verübeln können, und hätten ihn schließlich seines Weges laufen lassen müssen. Da aber *) Das Judenthum in der Musik von Richard Wagner, 'ipzig, I. I. Weber 1869. dieser Herr in allen Juden der Gegenwart nur Perfolger seiner Opern sieht,- während an vielen Orten gerade die Juden die Aufführung dieser Machwerke begünstigten, da er alle Christen geradezu auffordert, die Juden der Gegenwart zu hassen und zu verachten, da lohnt es sich doch der Mühe, dieses Libell des verkannten Zukunftsproheten etwas näher zu betrachten. Es ist eine alle Erfahrung, daß der Judenhaß selten das Produkt reiflicher Ueberlegung oder geschichtlicher Erfahrung, vielmehr ererbter und angeborner Vorurtheile und eines niedrigen Egoismus ist. Der letztere Fall tritt auch bei Richard Wagner ein. Seine Opern werden selten aufgeführt , großentheils ausgezischt; seine theoretischen Werke werden nicht gelesen, und finden stets eine geharnischte Kritik? Wen soll da Herr Wagner verantwortlich machen? »Ha, Ihr Juden, wartet nur, Ihr sollt mir's büßen!" Denkt der edle Herr. Und auf einmal ist alles verlüdet (wie Wagner schreibt) die Literatur, die Must*, daS Theater, der Staat, kurz das ganze sociale Leben. Doch womit, werden Sie mich fragen, motivirr Wagner diesen lächerlichen Ausfall? Hören, sehen und staunen Sie! Vor etwa 20 Jahren schrieb Richard Wagner m die „Neue Zeitschrift für Musik" einen längeren Aufsatz: „Das Iudenthum in der Musik," in dem er diese Behauptungen aussprach. Und eben dieser Aufsatz, in einer ganz unbekannten Zeitschrift, noch dazu mir dem Pseudonvm K. Freigedank gezeichnet, soll die Ursache gewesen sein, daß seit jener Zeit die Juden der Musik und der Tagespresse über alle Leistungen Wagners ungünstige und abfällige Urtheile auf den öffentlichen Markt brachten. Noch lächerlicher womöglich sind die Ansichten Wagners über die geistigen Fähigkeiten der Juden! Die Juden können nach Wagner, nicht spreche a, nicht singen und spielen! — Ich brauche wohl Ihnen, mein Bester, hiezu keinen Kommentar zu liefern, indem ich die Warnen der unzähligen Redner, Schriftsteller, Dichter, Schauspieler und länger jüdischer Nation anführe, die alle diese Eigenschaften in so hohem Grade besitzen, daß sie dadurch sich die Anerkennung ver Mitwelt errungen haben. Daß Herr Wagner die abgenützten Lügen vom „jüdischen Nativnalgott," von dem jüdischen Particularismus, von der Unfähigkeit des jüdischen Stammes, von den sogenannten „gebildeten Juden" im Gegensätze zu den „Frommen" anzuführen nicht unterläßt, können Sie sich wohl denken. Interessant für uns als orthodoxe Juden ist eben die Ansicht Wagners über die gebildeten oder Reforwjuden jedenfalls; wir ersehen daraus, daß die Reform sogar bei den Aesthetikern, denen sie doch imponiren sollte, ebenfalls nicht reüssier.