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Der Israelit · 1869-04-07 · Heft 14 (7.4.1869) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 14 (7.4.1869)
Date
1869-04-07
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Ein angesehener, reicher und auch gelehrter Mann hatte eine einzige Tochter, ein schönes, wohlgebildetes, braves und liebes Mädchen. Der Vater wählte für sein Kind, das er wie seinen Augapfel liebte, selbst einen Mann, und die Wahl schien sehr glücklich, denn der junge Mann war begütert gleich ihm; aber ach, gerade an dem Hochzeitstage, als es kaum Nacht geworden, starb plötzlich der junge Mann. — Noch zweimal versuchte es der Vater, seiner Tochter einen entsprechenden Mann zu geben; aber auch diese beiden wurden in der Nacht deS Hochzeitstages von dem Tode hinweggerafft; beide fand man den andern Morgen als Leichen. Da sprach die arme junge Frau: „Ich beuge mich gottergeben unter mein trauriges Geschick. Kein Mensch soll mehr durch mich den Tod finden! Verwittwet, eingeschlossen und verlassen will ich bleiben, bis der gute Gott sich meiner erbarmt!" — Und so lebte die Arme im elterlichen Hause einsam und zurückgezogen. — Nun hatte der reiche Mann einen Bruder, der mit ihm zugleich frühe schon das Vaterhaus verlassen, um gleich ihm in der Fremde das Glück zu suchen; er hatte indessen lange nichts mehr von dem Bruder gehört, und wußte nicht einmal, ob er noch am Leben sei. Der Bruder aber wohnte in einem fernen Lande und war sehr arm; was er auch bisher begonnen, war ihm mißglückt. Dabei hatte er zehn Kinder, deren Erhaltung ihm sehr schwer fiel. Alltäglich ging er mit seinem ältesten Sohne durch den Wald, um Reisig aufzulesen und dasselbe dann in der Stadt zu verkaufen, und von diesem armseligen Verdienst mußte er und Weib und Kinder leben! — Eines Tages hatte er selbst diesen nicht; er fand Keinen, der ihm sein Reisig abnehmen wollte, und Frau und Kinder mußten. so wie er selbst, hungrig zu Bette gehen. Den andern Morgen gingen Vater und Sohn wieder in den Wald. Der arme Mann schwach und matt, war heute mehr als sonst niedergebeugt, und der gute Sohn ging seitwärts Reisig suchend und weinte bittere Thränen über die Noch der Seinen. Er hob den Blick zum Himmel und flehte um Hilfe. Da kam ihm ein lichter Gedanke, und Muth und Vertrauen kehrten in sein Herz zurück. „Vater! Mutter!" sagte er am Abend, „Ihr seht mit welcher Nvth wir zu kämpfen haben, so hört, welchen Gedanken mir heute Gott eingegeben, nachdem ich ihn kindlich um Hilfe gebeten. Laßt, meine guten Eltern, mich Morgen schon hinziehen und den Onkel aufsuchen, der ja, wie wir einmal gehört, ein reicher Mann sein soll, gewiß! er wird sich unser annehmen und unsrer Noth ein Ende machen!" — Die Eltern, die sonst kein Ende ihrer Noth sahen, gaben den Bitten des Sohnes nach, und schon den andern Morgen segneten sie den guten Sohn, und er zog davon. Nach mancher Mühe und Anstrengung und nach manchem Kampf mit Noth und Mangel kam Joseph, so hieß der gute Sohn, wohlbehalten zu dem Onkel. Wie freute Der sich, von seinem Bruder endlich einmal wieder zu hören und deffcn Sohn zu umarmen! Und auch Frau und Tochter freuten sich seiner, und in das bisher fo traurige Haus schien endlich einmal wieder die Freude einkehren zu wollen. Gleich den andern Tag mußte ein treuer, wohlbewährter Diener deS Hauses sich aufmachen, um dem Bruder mit Frau und Kindern Trost und Hilfe zu bringen; denn der Neffe durfte so bald nicht wieder fort. So lebte Joseph einige Zeit ruhig im Hause seines OnkelS; Alles hatte ihn liebgewonnen. Da trat er eines Tages in das stille Gemach seines Onkels und sprach: „Onkel! ich habe eine Bitte an Dich, schlage sie mir nicht ab!" — „Was es auch fei," erwiederte der Onkel, „es sei im Voraus Dir zugesagt." — „ Schwöre mir Onkel," begann Joseph wieder, „daß Du mir meine Bitte erfüllen willst." — „Ich sehe zwar nicht ein," sagte der Onkel, „warum Du meinem Worte nicht trauen willst; indessen weil Du eS wünschest, wohlan, ich schwöre eS Dir heilig zu." — „Onkel," sagte Joseph, „gib mir Hanna zum Weib!" — „Mein Sohn, mein Sohn!" rief der Onkel bestürzt, „was begehrst Du! Weißt Du denn nicht, welcher Fluch aus meinem unglücklichen Kinde ruht!" — „Und dennoch," sagte Joseph ruhig, „beharre ich auf meiner Bitte, die zu erfüllen Du mir ja zugeschworen." — „Joseph," begann der Onkel wieder, „ist es Geld und Gut, was Dich zu dem Schritte verleitet, o laß ab davon, und ich will Dir Silber und Gold in Menge geben. Siehe, Du bist ein wohlgebildeter, verständiger und braver Jüngling, ich liebe Dich, wie mein Kind, o stürze mein Haus nicht aufs Neue in Klage und Jammer!" — „Onkel!" sagte Joseph ruhig und fest „nicht nach Geld und Gut strebt mein Herz, um Hanna habe ich Dich gebeten. Ich vertraue auf den lieben Gott und werde immer Dir den Schwur zurückgeben, den Du mir heilig zugeschworen." — MS der Onkel den Neffen so entschlossen sah, ging er zu Hanna und erzählte ihr, was vorgefallen. Da erbleichte die Arme, zitterte und bebte; dann brach sie in Thränm aus und ging, ohne ein Wort zu sprechen, in ihr Schlafgemach. Dort warf ste sich vor Gott nieder und rief, die Hände emporgehoben: „O Gott! mein Gott! wenn Du ein Opfer willst, laß mich es sein! Mich treffe Deine Hand, nur seiner schone!" — (Fortsetzung folgt.) «erantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Konischen Hofbuchhandlung. — Dampf»Schnellprefsendruck von I. Gottsleden in Mainz.

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