Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 12-13 (24.3.1869)
- Date
- 1869-03-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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■es Leitend«« Artikel. Literarischer Gericht. Heinrich Heine und das Iudenthum. Von G u st a v K a r p e l e s. Breslau, Verlag von Bruno Heidenfeld. 1868. 31 S. Herr G. Karpales, ein den Lesern des „Israelit" durch manche treffliche Arbeit gewiß bekannter junger Autor, versucht es in der uns vorliegenden Broschüre das Verhältniß H. Heine'8 zum Iudenthum Wl^beleuchten und einem richtigen Verständnisse näWR zn bringen. Wir wissen Herrn Karpeles Dank, daß er durch sein Büchlein sein Scherflein zur Würdigung der Frage: Welchen Einfluß das Iudenthum auf die moderne deutsche Literatur ausgeübt, beigetragen hat. Es läßt sich heutzutage nicht mehr in Abrede stellen, daß das Iudenthum in der gesammten modernen Literatur eine hervorragende Rolle spielt. Mag man niit dem „Vaterland", „Volksfreund" und dem Pater Doktor au d Wiesinger drüben in Oesterreich, oder mit dem alten Judenfresser Leo in Halle und den Rittern der „Kreuzzeitung" hüben in Preußen noch so sehr schimpfen gegen die „deutschen Iüdlein", die „fanatischen Söhne Israels" und die „judenzirende Tagespresse": D i e Thatsache läßt sich nicht mehr bestreiten, daß das jüdische Element in dem Entwicklungsprozeß des deutschen Geistes ein hochwichtiges Ferment bildet, das man nicht so ohne Weiteres ignoriren darf, will man nicht für einen Ignoranten gelten. Wie auf der Börse, bilden auch in der deutschen Literatur unserer Tage die getauften und ungetansten Juden, wenn auch nicht immer die Könige, so doch wenigstens die „Duodezsürstlein" des deutschen Parnasses. H. Heine ist nun der getreueste Ausdruck eines solches Schriftstellers, der fast alle hervorstehenden Eigenthümlichkeiten — die guten ebenso wie die schlechten — des Juden in sich vereinigt. In keinem Genius der gesammten Weltliteratur — einen Swift und Voltaire selber nicht ausgenommen — findet sich der sarkastische, hier leider destruktive, jüdische Witz in solche eminenter Weise vertreten, wie in H. Heine. Die Juden sind bekanntlich und waren stets „Ritter des Geistes"; zu allen Zeiten und in allen Jahrhunderten haben unsere großen Dichter und Gelehrten die Geißel der Satyre mit Meisterschaft zu schwingen gewußt. Die mehr oder minder geistreichen, größtentheils frivolen Bonmots und Calemburgs unserer heutigen Börsemänner und die oft irrlichterirenden »", i. Geistesblitze der Gelehrten des „Kladderckdatsch" bilden schon gewissermaßen ein schaales Epigonenthum im Gebiete des j«Lüchen Geistreichthums. , Aber auch der Alles zeriMnmende, tief eindringenhe, talmumudische Scharfsinn ist in Heiners Gedichten und prosaischen Schriften nicht zu verkennen. Die Heine'sche Dialektik ist ein eigenthümliches, wunderliches Produkt Hegels und des Talmuds; und eben dieser grübelnde, Alles aus die Spitze stellende dialektische Prozeß — gepaart mit einem tiefpoetischen, aber von krankhafter Sentimentalität erfüllten Herzen — \ es auch, der die sich „selbstvernichtende Ironie" hervorgebracht hat, deren Großmeister bekanntlich der moderne Aristophanes ist. Diese sich „selbftvernichtende Ironie" ist eigentlich nichts als die äußerste Consequenz des welthistorischen jüdischen Weltschmerzes, der ebenfalls in Heine klassisch vertreten ist. Neben der verblutenden Nachtigall des 18. Jahrhunderts, dem unsterblichen Dichter des „Zionliedes" neben Ichuda ha Levi und dem „europamüden" genialen Verfasser der „hebräischen Melodieen" , neben L o y r o n, nimmt'Heine unstreitig als beredtester NDDeller des tausendjährigen jüdischen Weltschmerzes den hervorragendsten Platz ein. Herr Karpeles hat die hier erörterten Einflüsse des Iudenthums auf H. Heine zwar mit unleugbarem Geschick nachgewiesen; wenn er aber Heine durchaus zum orthodoxen Juden machen will, so scheint uns dieser Versuch durchaus mißlungen zu sein. Welch' überaus geringe Meinung Heine — diese frivole, allen Glauben und alle Religion mit Gift und Galle besudelnde Natur — vom Iudenthum überhaupt hatte, zeigt u. A. eine Stelle in seinen Werken, wo er behauptet, die Juden seien „ein Volk der abgelebten Hostu, die Völkerruine der Gegenwart, das Volk, das zuerst eine positive Religion von Egypten mitbrachte, die Leibgarde Gottes u. s. w.!" Dieser der sich nicht entblödet, über die Juden ein sohMvernicktendes Uriheil abzugeben, sollte sich am Enoe seines Lebens — wie der Herr Verfasser behauptet — zum Iudenthum, und noch dazu zum orthodoxen, bekehrt haben?! Wohl ist es wahr, daß Heine die heiligsten Schriften Israels hochhielt, die Bibel ein Buch nannte „groß und weit wie die Welt, wurzelnd in die Abgründe der Schöpfung und heraustagend in die blauen Geheimnisse des Himmels, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Verheißung und Erfüllung, Geburt und Tod, das ganze Drama der Menschheit" — aber all' diese schönen Phrasen lassen uns nicht die Blasphemien vergessen, die er selbst noch aus seiner Matratzengrust in Paris gegen