Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 12-13 (24.3.1869)
- Date
- 1869-03-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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221 hat er zu Hilfe aufgeruftn; doch es bedurfte dessen kaum, die Israeliten sind ihren christlichen Mitbrüdern wahrlich nicht nachgestanden. Christen! Mitbrüder! Ein noch viel schrecklicherer Nothftand hat die Israeliten in Rußland längs der preußischen Grenze befallen. 90°/0 der dortigen, sehr dicht neben einander liegenden, zahlreichen aber vollkommen verarmten Städtebevölkerung sind bekanntlich Israeliten. Davon sind, wie behauptet wird, vielleicht schon 10°/o dem Hunger und dem Typhus erlegen. Erschütternde Vorkommnisse werden uns von dorther berichtet. Familien sind bis auf das letzte Glied ausgestorben , oder die Eltern, von dem Ungemach hinweggerafft, haben eine hungernde Kinderschaar zurückgelassen, [a es werden Fälle erzählt, wo eines der Eltern gestorben und das Ueberlebende in sinnraubender Verzweiflung die Kinder, ohne sich weiter um sie zu kümmern, verlassen, oder sie zuvor Vermögenderen heimlich in die Häuser niedergesetzt hat. In der Stadt Citowian wohnten nach Art der Armen dieser Gegenden sechs Familien eng zusammengepfercht in einem Hause. Nach und nach waren alle sechs Familien ausgeftorben. Eine Mutter war die Letztüberlebende. Ihren Mann und dreizehn Kinder hatte sie bereits begraben lassen. „Wohl dir!" rief sie, als auch das vierzehnte und letzte sein Leben aushauchte, — „du hast die Todesfurcht überstanden, während wir sie täglich und stündlich vor Augen haben." Brüder! Rettet, helfet, wo Ihr könnt! Veranstaltet allgemeine Sammlungen, Cdncerte, Soireen, Dilettanten- Darstcllungen rc. zu Gunsten der Unglücklichen, wie es in der preußischen Stadt Posen und in der französischen Stadt Havre mit schönstem Erfolge geschehen. Und ihr Männer der Presse, die ihr Euch zur ersten Großmacht der Welt aufgeschwungen, nehmet Euch in edlem Eifer, wie das so Eure Art ist, der Unglücklichen an. Ihr, das allgemeine öffentliche Gewissen könnt es dem Einzelnen am Wirksamsten zu Gewissen ftihren. Und nun ihr Brüder aller Parteien, aller Bekenntnisse, aller Nationalitäten — vor der Solidarität Aller in allen edelen menschlichen Interessen gibts keine Verschiedenheit unter den Menschen, sollte es keine geben — Helfet! und Gott wird Euch helfen! — Memel in Preußen, 5. März 1869. Der Prediger der Synagogen-Gemeinde. I) r. Rü l f, Schriftführer des UnlerstützungS-Comitö'S für Israeliten an der benachbarten russischen Grenze. Die Spenden nimmt unser Schatzmeister Julius limd sch von dem Hause I. Hirsch u. Co. entgegen; und daß sie mit größter Gewissenhaftigkeit, Umsicht Hir Lokalkenntniß zur Vertheilung gelangen, dessen könnt ihr Euch versichert halten. Spenden- und Vertheilungs-Verzeichnisie werden der Oeffcntlichkeit übergeben. Qesterreichischer Kaiserstaat. W>ten. Wie wir erfahren, ist - der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde eifrigst bemüht, einen paffenden Platz für die Errichtung des Rothschild- Spitals zu finden. Trotz der Fülle der ihm gemachten Offerten hat er sich jedoch bis jetzt noch zu keiner definitiven Wahl entschließen können, hier fehlt es an gutem Wasser in ausreichender Menge; dort stehen wieder industrielle, lästige Dünste verbreitende, oder durch Getöse die Ruhe der Kranken störende in der Nähe befindliche Etablissements hindernd im Wege und ein dritter Platz ist wieder nicht umfangreich genug, um Raum für die unerläßliche Anlage eines Gartens zu bieten. In Beachtung dieser Verhältnisse hat sich der Vorstand entschlossen, noch weitere Offerten entgegenzunehmen. Wie weiter mitgetheilt wird, gedenkt der Vorstand der ihm gewordenen ernsten Ausgabe sowohl bezüglich der bereits vorliegenden, als der in allernächster Heit noch eingehenden Offerten nach wie vor die angestrengteste Thätigkcit derart zu widmen, daß die Wahl mit dem Eintritt der besseren Jahreszeit getroffen sei und alsdann mit dem Bau sofort begonnen werden könne. §Wien. Der Kaiser hat den Bankier Joseph Lippmann, als Ritter des Ordens der eisernen Krone dritter Klasse, den Qrdensstatuten gemäß, in den Ritterstand mit dem Prädikate „von Lissingen" zu erheben geruht. Lcmberg. Wie dem „Osten" aus Lemberg geschrieben wird, ist zu dem Lemberger Rabbiner Dr. Löwenstein ein Greis gekommen, ein Christ, der vor 41 Jahren sich hat taufen lassen und nun den Entschluß gefaßt hat, zum Judenihume zurückzukehren. „Ich stehe mit einem Fuße im Grabe," sagte der alte Mann zum Rabbiner, „und muß daran denken, mich für den Tod vorzubereiten." Derselbe wohnt in einer größer» (Stadt der Bukowina und überläßt seinem Weibe und seinen Kindern, welche natürlich alle Christen sind, sein ganzes Vermögen und will sich in ein kleines Städtchen zurückziehen, um dort als Jude sein letztes Stündlein abzuwarteu. Italien. t Rom. Dem „Univ. isr." wird von hier geschrieben: Ein israelitischer Wechsler, Vater von zwei Kindern, von welchen der Sohn 19 und das Mädchen 12 Jahre alt ist, ist znm katholischen Glauben übergegangen und hat sich, trotzdem seine israelitische Frau noch lebt, mit einer Wittwe in der Nachbarschaft verheirathet. Ich könnte Ihnen die Namen bezeichnen, das der Wittwe gehörige Geschäft angeben; wozu aber dies? Die Thatsache ist aller Welt bekannt. Die Mutter