Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1869)
- Date
- 1869-03-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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200 zu verlassen; Eduard ging gleich nach dem Bahnhofe; dort war Alleziemlich still. Er wickelte sich in seinen Mantel und setzte sich unbeachtet in eine Ecke, bis der. Billetschalter geöffnet wurde. An diesem saß gähnend der Kasstrer; derselbe war ein guter Bekannter Eduards, welcher fürchtete, von ihm erkannt zu werden; er stellt^ sich daher zur Seite und rief mit tiefer Stimme „Paris, zweiter!" Gähnend nannte der Kassier d« Preis und reichte das Billet. Nach zehn Minuten saß Eduard unter lauter wildfremden Männern, die großentheilS schliefen. Mit Windeseile trug ihn der Courierzug nach der französischen Hauptstadt; an der Grenze war sein Paß nicht beanstandet worden. In Paris hielt sich Eduard nicht lange auf, sondern reiste eilig nach Havre. Von hier aus wollte er nach einem Lande reisen, daS mit Europa nicht in so regem Verkehre steht, wie die vereinigten Staaten von Nordamerica; denn mit diesen hatte sein Heimathland eine Convention abgeschlossen, nach welcher Betrüger gegenseitig ausgeliefert werden sollten. Als er in Havre ankam, fand er ein Segelschiff, bereit nach dem Cap der gutm Hoffnung abzugehen. Eduard besann sich nicht lange, nahm einen Platz und war nach einigen Stunden auf hoher See. Als Liefmann in seinen Gasthof zurückgekehrt war und sich zur Ruhe gelegt hatte, floh der Schlaf seine Augen. Die Rettung war zu plötzlich, zu unerwartet gekommen. „DaS Geschick," sagte er vor sich hin, „muß noch Großes mit mir Vorhaben, daß es mich so dem Verderben entzogen hat. Nun kehre ich nach Hause zurück und liefere daS Geld ab, wie wenn Nichts passirt wäre. „Ach," fügte er seufzend hinzu, „um mich aufs Neue ins Joch spannen zu lassen, um wiederum das alte Sclavenleben zu beginnen! Wie glücklich sind doch die reichen Leute, die, unabhängig, nur ihrem Vergnügen leben können! wie schön hatte ich mir's auögemalt, wenn ich in E. hunderttausend Franken gewonnen hätte! Warum bin ich ßuch dem Plane meines Holländers nicht treu geblieben? Wie wär's, wenn ich es noch einmal probirte? Diesmal würde ich nicht davon abweichen; denn durch Schaden wird man klug! Aber nein, Elias, sei nicht ein solcher Thor! Wer wird sich zum zweiten Male an den Rand des Abgrundes begeben, in den er das erste Mal beinahe gestürzt wäre? Und doch , was wär'S denn weiter? Ein Hundeleben voll Mühsal und Abhängigkeit Winkt mir aufS Neue, wenn ich weißer Sclave zu meinem Alten zurückkehre. Und wenn mir in E. der glückliche Wurf gelingen würde? Reichthum, Ehre, Ansehen, Freude, Vergnügen in unbeschränktem Maaß! Nur zu, ftisch gewagt ist halb gewonnen!" Mit diesem Gedanken schlief er ein; liebliche Traumbilder umgaukelten ihn; er hatte, so täuschte ihn der Traum, die Bank gesprengt, war ein reicher Mann geworden, ein Matador an der Berliner Börse, hielt sich Pferde, Wagen und Hunde, eroberte ein Mädchen mit hunderttausend Thalern, aß nur Trüffeln und Gänseleberpasteten, trank nur Cliquot und Rüdesheimer Berg, kam in den Vcrwaltungsrath eines großen industriellen Unternehmens, wurde Commissionsrath, Stadtverordneter, Millionär — da raubte ihm der Hausknecht, der ihn weckte, all das erträumte Glück — aber er wollte es erjagen, er reiste nach E. Diesmal blieb er unverbrüchlich dem Plane des Holländers treu und gewann Thaler auf Thaler; aber sehr, sehr langsam; nachdem er fast zwölf Stunden am Spieltische zugebracht hatte, belief sich sein Gewinn auf 45 Thaler. „Hätte ich nur FriedrichSd'or gesetzt/ sagte er sich, so hätte ich doch jetzt mehr als daS Fünffache gewonnen!" Am nächsten Tage setzte er Gold; aber dafür war der Plan nicht berechnet; um ihn mit Gold auszuführen, hätte er auch eine größere Summe haben müssen. Er merkte das bald, ließ dann den Plan fahren und spielte auf gutes Glück; als er an diesem Abend seinen Kassenbestand zählte, fehlten ihm bereits 200 Thaler. Nur diese wollte er wiedergewinnen, und dann das Spiel auf immer verschwören. Er spielte am dritten Tage wieder nach dem alten Plane; aber diesmal bewährte sich auch dieser nicht, er verlor; da ließ er ihn wieder fahren, spielte, wie es ihm in den Sinn kam und hatte nach wenigen Stunden all sein Geld verloren. — Was nun beginnnen? Zum zweiten Male machte er sich auf dm Weg, um den Onkel in K. aufzusuchen. Als er nach N. kam — es war spät am Abend — reizte es ihn anSzusteigen. Wieder begab er sich auf die Brücke und starrte in die Fluth; aber diesmal kam Niemand, um ihm tausend Thaler zu schenken. Die finsterstm Gedanken bemächtigten sich seiner — ein kühner Sprung und Alles war aus. Elias LiefmannS Leiche, mit Eduards Rock angethan und dessen Portemonnaie in der Hosentasche, war es, die man mehrere Meilen stromabwärts einige Wochen später ländete, die man fälschlich für Eduard Lindenstein'S Leiche hielt, die ebenfalls das jüdische Bundeszeichen an sich trug und am Hemde daS Zeichen E. L. Als Elias Liefmann nicht nach Berlin zurückkehrte, da vermuthete sein Principal, er habe mit den eincassirten tausend Thalern das Weite gesucht und ließ ihn steckbrieflich verfolgen, natürlich, ganz ohne Resultat. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpreffmdruck von I. Gottsleben in Mainz.