Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1869)
- Date
- 1869-03-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ISS Eduard befand sich in der furchtbarsten Aufregung. Die Nachricht von dem Ausbruche d«S italienischen Kriegeshatte die Effecten so gedrückt, daß deren gänzliche Entwertung wahrscheinlich geworden war. Und Eduard war so über alle Maaßen stark mgagirt! Was sollte er beginnen? sollte er den Dingen ihren Lauf lassen, sollte eS ertragen, nicht allein als armer Mann, sondern auch als ein seiner Ehre verlustiger Kaufmann im Kreise derer weiterzuleben, unter denen er bisher eine bevorzugte Stellung eingenommen? Mit welcher Verachtung hatte gerade er immer auf Diejenigen berniedergeschaut, die ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen waren! Und jetzt sollte er zu diesen gehören, und zwar nicht ohne sein Verschulden, sollte als Schwindler, als Spieler gebrandmarkt sein? Nimmermehr! „Fort!" tönte es in ihm, „fort, nur fort!" Noch lagen in seinem Kassenschranke die *15,000 Thaler, die er letzthin gewonnen hatte, in guten Kaffenscheiuen. Er raffte sie zusammen und ging in den kaufmännischen Club. Um 12 Uhr Nachts passtrte der Kurirzug N.; ihn wollte er benutzen, und die Zeit bis dahin mußte ausgefüllt werden. Eduard suchte sich im Club zu unterhalten, er suchte ruhig zu erscheinen; das gelang ihm auch mit übermenschlicher Anstrengung; allein lange litt eS ihn nicht in Gesellschaft von Menschen, in ruhiger Besprechung der gewichtigen Tagesereignisse; seine Stirn glühte; er eilte ins Freie, auf die Brücke, um sich durch die kalte, feuchte Nachtluft Kühlung. zufächeln zu lasten. Es war ungefähr 10 Uhr Abends , als er die Brücke betrat; am reinen Nachthimmel funkelten unzählige Sterne, und kein Laut unterbrach die feierliche Sttlle; kein Mensch war weit und breitzu sehen. Eduard ging mit starken Schritten auf der Brücke auf und ab; plötzlich gewahrte er eine in einen Mantel gehüllte Gestalt, die starr in die Fluthen hinabschaute. Eduard blieb stehen; die Gestalt drehte sich nach ihm um. „Den sollte ich kennen!" dachte Eduard, und plötzlich belebte sich seine Erinnerung. War das nicht der lustige Kumpan, den er voriges Jahr in Berlin im Kroll'schen Etabliffement kennen gelernt hatte? Gewiß, er töoüPS. „Liefmann!" rief er auf ihn zutretend, „wie kommen Sie hierher auf die Brücke von N.? „Ach, Sie sind's, Herr Lindenstein," entgegnrte der Andere, „eben habe ich rnir's überlegt, ob ich nicht einmal zu Ihnen gehen, mir von Ihnen Hilfe erbitten sollte."" „Von mir Hilfe?" lachte Eduard bitter. „Wie so bedürfen Sie denn der Hilfe?" „„Das ist eine traurige Geschichte. Sehen Sie, im vorigen Jahre kam ich mit einem Holländer zusammen, der lehrte mich einen Plan, mit Hilfe dessen man jede Spielbank sprengen kann, wenn man im Besitze von 1000 Thalern ist. Vorige Woche nun habe ich tausend Dhecker für meine» Principal eivcasfirt; da kömmt mir der unselige Gedanke nach & zu gehen und die Bank zu sprengen; ich fange an genau nach dem vorgeschriebenen, etwas complicirten Plana z» spielen und gewinne auch; da macht mich das-Glück übermüthig; ich spiele frisch darauf los, verliere, werde hitzig, und die tausend Thaler find fort, ehe ich michÄ versehe."" „ Was gedenken Sie nun zu thun?" „»Ich habe hier in der Nähe einen wohlhabenden Onkel; dem will ich mich zu Füßen werfen; vielleicht erbarmt er sich meiner und rettet mich vom Zuchthaus. Ich bin bis hierher mit der Eisenbahn gefahren. Da fiel mir ein, daß heute da« jüdische Osterfest ist, und daß ich am Feiertage nicht in K. ankommen darf, ohne meinen Onkel auf« Tiefste zu kränken. So stieg ich hier aus und ging planlos umher. Als ich auf die Brücke kam, dachte ich, es wäre vielleicht einfacher, mich hier gleich ins Wasser zu stürzen, da hätte alle Qual gleich ein Ende. Aber soeben siel mir ein, daß Sie hier wohnen; da dachte ich, Sie morgen zu besuchen und Ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen."" Während der Erzählung LiefmannS war Eduard ein Gedanke gekommen. ES hatte ihn schon den ganzen Abend beunruhigt, so ohne Legitimattonspapiere zu reisen, und doch hatte er nicht den Muth, sich solche zu verschaffen; auch hätte ihm ein Paß auf den eigenen Namen wenig genützt, da er befürchtete, daß seine Gläubiger ihn telegraphisch verfemen würden. „Ich kann Ihnen'vielleicht helfen," sagte er, als Liefmann schwieg. „Haben Sie Ihre Legitimationspapiere bei sich?" „„Gewiß!"" „Geben Sie mir dieselben! Ich möchte gern unerkannt verreisen. Ich gebe ihnen die tausend Thaler; dann bedürfen Sie keiner Legitimation. „„Sie wollten mich retten! O, Sie Engel. Hier ist mein Paß, mein Patent!"" „Haben Sie etwas kleines Geld?" „„In meinem Portemonnaie sind circa 25 Thaler in Gold und kleinen Scheinen!"" „Gut, geben Sie es her! Hier nehmen Sie das meinige; ich lege zwei Fünfhundertthalerscheine hinein. Gebm Sie mir auch Ihren Rock und Ihren Mantel; ich möchte mich soviel als möglich unkenntlich machen, und hier kennt mich jedes Kind." Der Tausch war bald verbracht Liefmann nahm Eduards Rock und Ueberzieher, während dieser LiefmannS Rock anzog und sich in besten Mantel hüllte; da Beide von ziemlich gleicher Statur waren, so paßten die Kleider gegenseitig ganz vortrefflich. LMmarm ging unter tausend Danksagungen in seinen Gasthof zurück, um am andern Morgen mit dein Frühzuge N.