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Der Israelit · 1869-03-10 · Heft 10 (10.3.1869) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 10 (10.3.1869)
Date
1869-03-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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184 brachte die besorgte Mutter ihn zu Bette und sandte nach dem Arzte. Dieser kam und fand daS Kind schon in heftigem Fieber. Es war ein Nervenfieber im Anzuge. Alfred schwebte lange zwischen Tod und Leben. WaS seine Mutter in dieser Zeit gelitten, das vermag feine Feder zu schildern, daS vermag nur ein Mutterherz nachzuempfinden. Endlich siegte die Lebenskraft über die Krankheit; der Knabe genas. Jetzt machte Grunert wiederum einen Versuch, Louise zu bestimmen, sein Weib zu werden. Er stellte ihr vor, wie sehr vereinsamt sie war während der Krankheit deS Kindes; er aber wolle sich bemühen, das schwere Werk der Erziehung mit ihr zu theilen, er wolle dem Kinde ein liebender, sorgsamer Vater werden. Louise wurde schwankend; sie erbat sich Zeit, um den Rath ihres Vaters einzuholen. Der alte AhrenS kam selbst nach N. Er konnte seiner Tochter nur zureden. Grunert war nicht allein reich, er war auch wegen seiner Rechtschaffenheit uud Wohlthätigkeit in der ganzen Stadt hochgeachtet, und wegen seines fteundlichen Wesens überall beliebt. Eö wurde denn auch bald das Verlobungsfest gefeiert. Auf die Kunde davon eilte der Rabbiner von B. nach N. „So wollen Sie dennoch wieder heirathen!" rief er Louisen entgegen. „„Und warum sollte sie nicht?"" fragte der alte Ahrens. „„Beharren Sie noch immer bei ihrer Schrulle von damals? Wer sollte denn jene Leiche gewesen und wo sollte denn Eduard Lindenstein hingekommen sein, wenn er nicht in denFluthen seinen Tod gefunden hat?"" „Ich kann Ihnen das nicht sagen, Herr Ahrens, ich weiß nur, daß dem jüdischen Religionsgesetze damals nicht Genüge geschehen, daß die Identität der Leiche mit dem Vermißten nicht constatirt, und daß daher Frau Lindenstein sich nicht wieder verheirathen darf!"" „„Aber,"" entgegnete der anwesende Grunert, „„die Behörde hat doch Alles constatirt!"" „Herr Rabbiner," fragte Louise ernst, „glauben Sie, daß Eduard noch lebt?" „„Ich kann das nicht behaupten!"" „Würde, wenn damals nach jüdischem Gesetze verfahren worden wäre, mir die Erlaubnih zur Wiederverheirathung verweigert worden sein?" „„ Auch das kann ich nicht mit Bestimmtheit angeben; man hätte eben die Sache genau untersuchen und sich mit andern Rabbinen darüber in Verbindung setzen müssen. Es hätten dann vielleicht die vorhandenen Beweise: Kleider, Wäsche, Portemonnaie, ausgereicht!"" „Könnte man nicht jetzt noch daS Versäumte nachholen?" fragte Louisens Vater. „Nein," entgegnete diese, „Bernhard Holzinger, der eine der Zeugen, ist voriges Jahr nach Brasilien gereist, und Wilhelm Graf, der andere, ist vor zwei Monaten gestorben. Nur das Portemonnaie ist noch da. Kleider und Wäsche sind nitt der Leiche begraben." „Wozu auch?" nahm der alte AhrenS wieder das Wort, „es ist ja auch nicht nöthig; es ist ja rein unmöglich, daß Eduard noch lebt. Gesetzt, er wäre damals heimlich entwichen, so hätte er doch wohl seinem Vater Nachricht gegeben, hätte sich nach Weib und Kind erkundigt! Nein, er ist todt, und sein Tod wäre gewiß, wenn seine Leiche auch nicht gefunden worden wäre." , „Sie können Recht haben, Herr Ahrens," entgegnete der Rabbiner, „ ich selbst kann nicht behaupten, daß Eduard Linden stein noch lebt. Aber unmöglich ist es nicht. Schon oft und längst Todtgeglaubte wieder zurückgekehrt, manchmal nach einer Abwesenheit von vielen Jahren!" „„Ja, das war früher."" wandte Louisens Vater ein, „„allein in unserer Zeit der Eisenbahnen Md Telegraphen ist das ganz undenkbar!"" „Frau Lindenstein," wandte sich der Rabbiner nunmehr zu dieser, „Sie haben stets ein religiöses Gemüth gehabt. Schrecken Sie nicht vor der Mög lichkeit zurück, eine so schwere Sünde, die Sünde des Ehebruchs, zu begehen?" Louise schauderte; aber rasch fiel ihr Vater ein. „Ich übernehme die Verantwortung," sagte er, ist ja ganz unmöglich, daß Eduard noch lebt!" „Gewiß," fügte Grunert hinzu. „Außerdem hat ja auch die Behörde seinen Tod constatirt — wer könnte uns für irgend Etwas verantwortlich machen?" „„Kein weltlicher Richter,"" entgegnete der Rabbiner. „Wenn Eduard wiederkehrt, so sind Sie vor. dem Landesgesetze straflos, vor dem Religionsgesehe aber Ehebrecher!"" „Das verhüte der allmächtige Gott!" rief Louise aus. „Rein, nein, ich will nicht heirathen." „„Nachdem die Verlobung bereits publicirt!"" warf ihr Vater ein. „„Du weißt, Louise, auch ich bin kein Religionsverächter, aber ich bin kein Fanattker, kein blinder Sclave des Buchstabens. Ich liebe das Judenthum mit Leib und Seele."" „Außer, wenn eö Ihrer Bequemlichkeit oder Ihrem Vortheile entgegentritt!" rief der Rabbiner erzürnt. „Wahrlich, Herr Ahrens, solche Fromme, wie Sie, sind schlimmer denn tausend Moderne!" Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er das Haus. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: I>r. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. von I. Gottsleben in Mainz. Dampf - Schnellprefsendrurk

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