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Der Israelit · 1869-03-03 · Heft 9 (3.3.1869) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 9 (3.3.1869)
Date
1869-03-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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160 Fröhlich zwitschern die Vögel in den von einem Blüthenmeere überschütteten Bäumen, die holden Kinder deS Lenzes, die lieblich duftenden Blumen erfreuen die Sinne, golden senkt sich der Sonnenstrahl herab vom blauen Firmament auf die grünmattige Flur — welch ein Gegensatz zwischen dieser Wonne, diesem Frieden in der Natur und dem schmerzvollen Sturme im Menschenherzen! Und der Redner schilderte den Schmerz des verwaisten Vaters, der trauernden Gattin, des vaterlosen Kindes! Und als nun der alte Lindenstein in lautes Schluchzen ausbrach, da blieb kein Auge thränenleer. Aber der Redner wußte auch wieder zu erheben und aufzurichten! Er sprach von dem edlen Character des Verstorbenen, von seiner Menschenliebe, seiner Wohlthätigkeit, seiner Gattentrene, seiner Vater-Zärtlichkeit, seiner Ehrerbietung gegen den alten^Vater, seiner Frömmigkeit. Der Redner schilderte diese Frömmigkeit, die sich zwar nicht an äußere Formen gebunden habe, die aber eine viel werthvollere, eine tiefinnige, im Herzen wurzelnde gewesen sei. — Wer durfte dem Redner widersprechen? Wie erglänzten doch freudig die Gesichter der Hörer! Za, dieser Eduard Lindenftein, der den Sabbat und die Speisegesetzc verletzt hatte, besten Richtschnur stets nur der sinnliche Genuß gewesen — toav dennoch ein frommer, edler Jude, ein nachahmungswürdiger Mensch! Run, der Rabbiner sagt's ja, und der Alte wirds gut bezahlen! Und welchen Tact entwickelt dieser Rabbiner! Kein Wort von dem gewaltsamen Tode! Nur die wehmuthsvoll rührenden, nicht die schrecklichen Seiten des Dramas werden hervvrgehoben. Welch* ein Prachtmann ist doch dieser vr. I.! Er steht so recht auf der Höhe der Zeit. Der Redner spricht noch von den schönen Gefilden des Jenseits, in welchen Eduard Lindenstein jetzt weilt, er tröstete den greisen Vater mit einem dereinstigen Wiedersehen. Jetzt hat er geendet, noch hallen seine Worte in jedem Herzen nach, da tritt der alte Ahrens auf den Rabbinen von B. zu und bittet ihn weinend, daß auch er einige Worte zum Andenken des geliebten Schwiegersohnes spreche. Der Rabbiner von B. ist anfangs verlegen, ob dieser Zumuthung; rasch aber faßt er sich, tritt vor die Leiche und spricht: „Es wird mir soeben der traurige Auftrag erlheilt, ebenfalls vor dieser Bahre einige Worte zu sprechen. Was könnte ich noch sagen, was nicht bereits so schön, so ergreifend gesagt ist worden? Herr Vr. I. hat Ihnen den Schmerz der Hinterbliebenen, die Tugend, den Edelmuth, die Charactergröße, die Frömmigkeit des Herrn Eduard Lindenstein geschildert; ich will dem Allem hier nicht widersprechen; aber Eins muß ich hervvrheben; es ist nach jüdischem Gesetze noch gar nicht erwiesen, daß die hier vor uns liegende Leiche die des Herrn Eduard Lindenstein ist.^ Ein Gemurmel ging durch die Versammlung. „Schweigen Sie!" rief der alte Lindenstein barsch. Mit lauter Stimme begann sofort Or. I. das Hazur Tamim zu sprechen, in das Viele der Anwesenden einstimmten. Was der Rabbiner von B. noch ferner sagte, wurde nicht mehr gehört. Am andern Tage erschien ein Bericht über das Begräbniß in dem Localblaite von N. Es wurde darin erzählt, wie feierlich nnd gehoben die Stimmung nach vr. J.'s schöner Predigt gewesen, wie aber das dem fanatischen Rabbinen von B., einem jüdischen Jesuiten, ein Gräuel gewesen, daß JL>r. I. nicht über den Selbstmord Andensteins Zeter geschrieen und den Unglücklichen bis in die tiefste Hölle verdammt habe; deßhalh habe der Fanatiker behauptet, es sei nicht ausgemachh daß die zur Erde bestattete Leiche die Eduards gewesen, um so auf den stattgehabten Selbstmord überzq^ gehen, woran ihn jedoch per Tact der Anwesenden»/ die ihm Schweigen geboten, gehindert habe; daran' knüpfte sich dann eine Parallele zwischen den erleuch» teten Rabbinen der modernen Richtung und dem fUj| stern Zelotismus der jüdischen Orthodoxie. Die pikante Geschichtz» machte die Runde durch die Zeitungen und brachte fern armen Rabbinen von B. viele Schmähungen ein. DiAr aber tröstete siöh' mit dem Bewußtsein gethaner Pflicht. Waren auch seine Absichten entstellt wüdergegeben, so lag doch gerade in der großen Verbreitung des von ibm beim Begräbnisse Gesagten eine Befriedigung für ihn; hatte er doch dadurch erreicht, daß viele Leute erfuhren, daß in dem vorliegenden Falle den» jüdischen Religionsgesetze nicht Genüge geschehen war. Aber man verlachte den Rabbinen. Hatte doch die Behörde die Jdentttät der Leich' mit Eduard Lindenstein constatirt, halte man doch Rock und Portemonnaie erkannt, trug doch die Leiche daö jüdische Bundeszerchen, war doch die Wäsche mit E. L. gezeichnet — Es war ja unmöglich, daß hier ein Jrrthum obwalten könne. Um dieselbe Zeit war in norddeutschen Blättern ein Steckbrief gegen einen GeschLftsreisenden auS Berlin, Namens Elias Liefmann, zu lesen. Derselbe hatte Gelder für seinen Principal im Betrage von 1000 Thalern eincassirt und war damit flüchtig geworden. In N. wurde von diesem Steckbriefe nichts bekannt; wer sollte auch da Interesse für den betrügerischen Reisenden EliaS Liefmann haben? (Fortsetzung folgt.) Hierzu^ drei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: I-r. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandluna. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. GottSleben in Mainz. '

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