Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1869)
- Date
- 1869-02-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447395-2447404--06933-2462513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
136 Telegraph brachte die Nachricht von der stattgehabten Ziehung, und eins der Loose Lindensteins war mit 250,000 Gulden gezogen! Als während der Krise im Jahre 56 Louise für Eduard betete, da hatte dieser freventlich gesprochen: „Kann der Gott, zu dem sie betet, mir hunderttausend Thaler vom Himmel herunterregnen lassen?" Wer erinnert sich nicht hierbei hes Obersten deS 'Königs Jehoram? Als der Feind Schomron belagerte und die Hungersnoth furchtbar wüthete, da verkündete der Prophet Elischa im Namen Gottes, daß am andern Tage in Schomron ein Maaß Waizenmehl für einen Schekel und zwei Maaß Gerstenmehl für einen Schekel verkauft werden würden. Und der Oberste, auf besten Arm der König lehnte, sprach zu dem Manne Gottes: „Wird denn Gott Schleusen am Himmel machen, daß Solches geschehe?" Und der Prophet sprach: „Du wirst es schauen mit Deinen Augen, aber Nichts davon genießen!" In der daraus folgenden Nacht ließ Gott das Lager von Aram die Stimme von Wagen und Rossen, von einem großen Heere vernehmen, und die Aramäer dachten, Israel habe die Heere der benachbarten Könige wider sie gemiethct und flohen eilig, ihr Lager und alle ihre Vorräthe zurücklassend; und vier aussätzige Männer machten die Entdeckung, daß Aram entflohen sei; und die Israeliten erbeuteten das Lager Aram's, und es wurden verkauft auf dem Markte von Schomron das Maaß Waizenmehl für einen Schekel und zwei Maaß Gerstenmehl für einen Schekel. Der König hatte den Obersten, welcher gestern den Propheten verhöhnt hatte, zum Aufseher des Marktes bestellt; da zertrat ihn das Volk, daö herbeiströmte, um seinen Hunger zu stillen. So ging in Erfüllung das Wort des Gottesmannes: der Oberste konnte noch sehen, wie so viel und reichlich die Vorräthe herbeigebracht, wie sie so billig verkauft wurden, er konnte aber nichts davon genießen. Fast so war es Eduard ergangen: Gott hatte ihm Mittel gegeben, seine Verlegenheiten zu überwinden, er aber sollte keinen Genuß davon haben. Der alte Lindenstein verfuhr mit großer Umsicht; er verschaffte sich auf das Gewinnloos eine bedeutende Summe an einem entfernten Börsenplätze. So gelang es ihm, allen Verbindlichkeiten nachzukommen — seine Ehre, sein Credit waren gerettet. Um so mehr blieb das Verschwinden Eduards ein Räthsel. Da der alte Lindenstein über Alles das tiefste Stillschweigen beobachtete, so konnte die Welt nicht ergründen, warum Eduard entflohen sein sollte, nnd bald gewann die Ansicht Raum, daß er sich in einem Anfall von Wahnsinn das Leben genommen. Man hatte an jenem verhängnißvollen Abende einen Mann auf der über den Fluß führenden Brücke stehen sehen, tief in einen Mantel gehüllt, unverwandt in den Fluß starrend. Sollte eö Eduard gewesen sein, sollte er in dem Schmerze über den drohenden Verlust ein vorzeitiges Ende gesucht und gefunden haben? Louise war untröstlich; auch sie hatte ihr Schwiegervater über den wahren Sachverhalt im Dunkeln gelassen; er hatte ihr nur mitgetheilt, daß die Vermögensverhälnisse günstig ständen, und in der That gestalteten sich dieselben immer günstiger; denn auch die verlorene Schlacht bei Magenta war nicht im Stande gewesen, die so tief gesunkenen österreichischen Papiere noch mehr zu drücken; dieselben waren vielmehr trotz der ungünstigen Aussichten auf Seiten Oesterreichs nicht unbedeutend gestiegen. Es war das sehr natürlich; man hatte aufgehört, die Effecten zu verschleudern, und die großen Capitalisten kauften bedeutende Posten zu dem billigen Preise. Unterdeß hatte man Alles aufgeboten, um von Eduards Verbleiben Kunde zu erlangen. Louisens Kummer war grenzenlos; jetzt erst fühlte sie, daß sie ihren Gatten trotz so mancher Mißhelligkeiten wahr und innig geliebt hatte; ihre in der jüngsten Zeit wieder gekräftigte Gesundheit schwand dahin, ihre Gestalt verfiel, die Augen waren getrübt vom Weinens O/ diese qualvolle Ungewißheit — das Schlimmste' war eher zu ertragen. Nur der Gedanke an ihren Sohn und die Sorge für denselben hielten die unglückliche Frau noch aufrecht. ... Nach drei Wochen wurde einige Meilen stromabwärts eine Leiche gelandet. Schiffer hatten sie am Ufer gefunden, und herzugekommene Leute glaubten in ihr die Leiche Eduards zu erkennen. Man telegraphirte nach N. Zwei Freunde des Vermißten^Mren nach dem Fundorte. Die Leiche war nicht mehr zu erkennen; sie war furchtbar aufgeschwollen; aber ste war mit Eduard's Rock bekleidet und in der Tas^ des Beinkleids steckte das Porte-Monnaie destÄbM m« wenigem Gelde; auch war die Wäsche E. L. gezeichnet. Die herbeigerufene Behörde nahm ein Protocoll auf, und da die Freunde Eduards aussagten, daß die Leiche die Statur des Vermißten habe und mit dessen Rock und Leibwäsche bekleidet sei, daß ferner das Vorgefundene Portemonnaie, das die Zeugen hundertmal gesehen hatten und genau kannten, ehedem im Besitze Eduard Lindenstein's aus N. gewesen, so constatirte die Behörde die geländete Leiche als diejenige des Vermißten. Ueberdies überzeugte man sich noch, daß die geländete Leiche das Bundeszeichen Israels an sich trage. Die Leiche wurde alsbald in einen rasch verfertigten Sarg gethan; dieser wurde dann vernagelt und so nach N. transportirt. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.