Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1869)
- Date
- 1869-02-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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X. Jahrgang. Erste Beilage zu Rr. 7 des Israelit. Leitender Artikel. Der israel. Congreß ju Pesth. ix. Pesth, den 8. Februar. Schon die Eröffnung der Sitzung vom 28. Januar zeigte die ganz veränderte Situation. Während bisher auch das Mienenspiel der Deputirten auf jeden Beobachter den Eindruck niachte, wie bei Personen, die sich eben mit gewichtigerer oder geringern Lückenbüßerei die Zeit ausfüllen, herrschte jetzt der größte Ernst auf allen Gesichtern. Deputirte und uhörer fühlten eben, daß es sich um den größten Ernst, ja um einen gewaltigen historischen Act, um einen Wendepunkt in der ungarisch-jüdischen Geschichte handelt. Lautlose Stille herrschte daher als der Präsident nach Erledigung untergeordneter Einläufe, sagte: Wirschreiten zur Tagesordnung der Generaldebatte über die Elaborate der Gemeindecommission, und die Berichterstatter der Majorität sowie der Minorität aufsorderte, ihre Berichte zu verlesen. Nachdem die beiden Berichterstatter der Commission ihre von den Betreffenden mit großem Beifalle aufgenommenen Mvtivenberichte gehalten hatten, betheiligten sich einige hervorragende Mitglieder beider Seiten an der Generaldebatte. Zm Verlaufe der ganzen Discussion wurden zwischen den beiden Elaboraten vorzüglich zwei Unterschiede hervorgehoben: erstens die Aufnahme des „Schulchanaruch" als Grundlage einer israel. Gemeinde, was im Elaborate der Minorität, aber nicht in dem der Majorität stattfindet; zweitens waltet, während das Majoritätselaborat eine durchaus centralistische Gemeindeverwaltung vertritt, in dem der Minorität der Geist der unbeschränkten autonomen Verfassung einer jeden einzelnen Gemeinde vor. Und wahrlich „Schulchanaruch" und Autonomie sind Begriffe, die der Majorität des Congresses heilig find, so daß sich eine überwiegende Majorität für das Minoritätselaborat als Grundlage zur ^Specialdebatte entschieden hätte, wenn dieß nicht durch eine plötzlich eingerissene unheilvolle Kluft, die die Parteien auseinanderriß, unmöglich gemacht worden wäre. Den Reigen dieser Kluftgräber eröffnete Rabbi Steinhardt, indem er sich einiger Ausdrücke gegen und den Geist der 'm bediente, dies aber in einem solchen Tone sagte, daß er dadurch einen Theil der orthodoxen Partei veranlaßte. den Saal zu verlaffen und zur nächsten Sitzung nicht zu erscheinen. Doch waren in der Donnerstagsitzung viele der Conservativen ani wesend und Herr Dr. Hildesheimer hielt eine Rede, mit der er die Redner der Gegenpartei meisterhaft widerlegte und seine Gesinnungsgenossen mit neuem Muthe erfüllte, belebte und begeisterte. Die Füdrer der Rechten bekamen Furcht; sie begonnen ihren Sieg in Zweifel zu ziehen; denn der Rede Or. Hildesheimers folgte auch ein ziemlich starker Beifallsruf von der rechten Seite, und kommt die Linke vollzählig zur Abstimmung, dann schreibt die Wahrscheinlichkeit ja dieser den Sieg zu. Man sann nach Hilfe und fand den in solchen Diensten ergrauten Holländer als bereitwilliges Werkzeug, den „ Streich" zu vollziehen. Er schalt die Orthodoxie: „arrogant" u. s. w., schleuderte gegen sie politische Verdächtigungen, damit er den „Tigerclub" in seine Hohle zurückdränge und dann seine Partei den Schauplatz behaupten könne. Die Absicht wurde leider nicht erkannt und das Mittel wirkte. Während die Verständigen zur nächsten Sitzung kamen und Holländer zur Zurücknahme seiner anmaßenden Ausdrücke zwangen, blieb ein großer Theil der Conservativen zu Hause und begnügte sich damit, dem Präsidenten eine Schrift überreichen zu lassen, in welcher 38 Mitglieder ihren vorläufigen Austritt anzeigen und gegen etwaige gefaßte Beschlüsse im voraus Protest erheben. Das Präsidium hat dieses Schriftstück, in leichtsinniger Weise besprochen und aä avts. gelegt, bedachte aber nicht, daß hinter diesen achtunddreißig wenigstens hunderttausendSeelen stehen, die für die Religion das Leben hinzugeben bereit sind. Und so kam es dann, daß diejenigen der rechten Seite, die für das Minorirätselaborat gewonnen waren, durch die Tactlosigkeit jener achtunddreißig und noch anderer der conservativen Partei (denn von 94 Mitgliedern der Linken waren ungefähr fünfzehn anwesend) zurückgewiesen wurden und das Majoritätselaborat als Grundlage zur Specialdebatte angenommen wurde. Das Bestreben der Conservativen ist nun, das nunmehr angenommene Elaborat in der Specialdebatte dahin zu formen und zu verbessern, daß das, was im gefallenen Elaborate mit vollen, hier wenigstens mit schwachen, einzelnen Zügen ausgedrückt werde. Und fallen die von dm Conservativm eingebrachten Amendements, so sind hierfür die ca. 70 confervattven Deputirtm verantwortlich, die sich mit dem Gedanken schmeicheln, daß die Beschlüsse des Congreffes für ihre Wahlbezirke nicht bindend sein werden, weil sie den Sitzungm nicht beiwohnen und gegen die Beschlüsse protestiren. Gebe '"vri, daß sich die konservative Partei wiedervereinige; denn dann wird noch Vielem, sehr Bielem abzuhelfen sein. — 1