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Der Israelit · 1869-02-17 · Heft 7 (17.2.1869) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 7 (17.2.1869)
Date
1869-02-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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116 Die Staatspapiere des überschuldeten Oesterreichs ^cminirten an allen Börsen: namentlich war es damals dos sogen Nationalanlehen — man nannte es gemeiniglich „National" — welches den Ton angab. Da Oesterreich gerade auf den Punkt gestanden hatte, seine Banknoten der Silbervalute gleichzustellen, so waren die österreichischen Papiere sehr hoch gestiegen; „National" standen 84, aber schon am 2. Januar sieden sie auf 73. Eduard Lindenstem glaubte nicht an einen Krieg zwischen Frankreich und Oesterreich; er glaubte, Oesterreich würde entweder nachgeben oder Frankreich würde eö niät zum Aeußersten kommen lasten; trotzdem der orientalische Krieg ihn eines Western hätte belehren sollen, h'elt er sich an die Phrase „L’empire c’e&t la paix,“ das Kaiserreich ist der Friede. Daher glaubte Lindenstein, daß jetzt der Zeitpunkt da sei, die anuv 57 verlorenen Capitalien wieder zu gewinnen. Er schloß sich mit Energie der Hausse an und kaufte nicht unbedeutende Posten auf Zeit; und siehe, er hatte Erfolg; die Börse erholte sich nach dem ersten Schrecken, die Papiere stiegen um zwei Procent, und Eduard hatte ein schönes Sümmchen gewonnen. Dadurch ermuthigt, kaufte er viel größere Posten. Um diese Zeit erschien eine von Napoleon inspirirte Brochüre, welche den Senator I^gAueronniere zum Verfasser hatte; in dieser waren die Piäne des französischen Kaisers ziemlich deutlich ausgesprochen; eine furchtbare Panique bemächtigte sich der Börse und National fielen aus 58 Procent. So blieben sie lange stehen. — Lindenstein war derart engagirt, daß, wenn die Papiere nicht stiegen, ihm nur wenig übrig blieb. Schon war er entschlossen, „völlig abz,.wickeln," um den Rest seines Vermögens zu retten, als er aus Paris von wohlunterrichteter Seite die Nachricht erhielt, daß Aussicht vorhanden wäre, die schwebende Frage auf friedlichem Wege zu ordnen; England habe die Rolle eines Vermittlers übernommen, und Lord John Rüssel sei bereits unterwegs nach Wien. Sofort kaufte Lindenstein noch ungeheure Summen, und in der That, als die Reise Lord John Rüssels bekannt wurde, stiegen National auf 65. Jetzt verkaufte Eduard und deckte nicht allein seinen bisherigen Schaden, sondern erzielte noch einen ansehnlichen Gewinn. Als nun die Reise Lord Rüssels resultatlos geblieben war. sanken die „National" wieder auf 58. Jetzt kaufte Eduard wieder große Posten, und dar Glück schien ihm zu lächeln. Man sprach von Conferenzen, die zusammentreten und Alles friedlich lösen sollten, ja, man bezeichnete schon Mannheim, wo der österreichische Minister Graf Vuol-Schauenstein begütert war, als den Ort für die bevorstehenden Verhandlungen. National stiegen um 3 Proc., und Eduard verkaufte mit einer Avance, die sich auf 15,000 Thaler belief. „Hätte ich," dachte er, „nur noch größere Summen fixirt!" —Er sollte bald die Gelegenheit dazu haben. Das ist der Fluch des Börsenspiels wie jedes andern Glückspiels: der Verlierende will durchaus das Verlorene wiedergewinnen und der Gewinnende macht sich Vorwürfe darob, nicht noch mehr gewonnen zu haben. Als sich die projectirten Conferenzen zerschlugen, sanken National bald wieder auf 58, und Eduard kaufte diesmal ganz enorme Summen. Wie sticht konnte eine neue Eventualität die Effecten in die Höhe treiben und zu vorteilhaftem LoSschlagen Gelegenheit bieten! allein diese Eventualität kam nicht. Oesterreich und Frankreich rüsteten, unö die Papier fielen immer mehr. So kam der Frühling heran. Oesterreich richtete an Sardinien ein Ultimatum — National sanken auf 45. Eduard hatte einen ungeheuren Verlust; aber noch konnte er ihn decken. Da kam die Nachricht, Cavour habe das Ultimatum mit einer Kriegserklärung beantwortet und 200,000 französischen Soldaten seien sofort eingeschifft worden, um nach Italien befördert zu werden. Ein unnennbarer Schrecken erfaßte die Börse — National fielen auf 37. Es war am ersten Seder-Abend, als Louise betrübt zu Hause mit ihrem Söhnchen am Seder-Tische saß. Eduard war in den kaufmännischen Club gegangen. Was kümmerte ihn der Auszug aus Egypten, da National 37 standen? So gut als möglich suchte Louise ihrem Kinde die Hagadah zu erklären. Unwillkürlich mußte sie jener feierlich-schönen Peßachfeier im elterlichen Hause gedenken, und ihre Tbränen benetzten das Brod des Elends, wie ähnliches unsere Väter in Egypten gegessen. Daö Kind meinte, man müsse über die Leiden der geplagten Söhne Jakobs weinen und weinte mit ihr. Als der Knabe endlich müde wurde, ließ die un-! glückliche Mutter ihn zu Bette bringen und sang allein die schönen Lieder und Psalmen, welche nach dem Tischgebete gesungen werden. Wie munter und fröhlich war man beim Gesänge dieser Lieder im elterlichen Hause gewesen — und jetzt? So wurde eS Mitternacht. Eduard war noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Er war in jüngster! Zeit sehr solide geworden und blieb selten länger als! bis 10 Uhr aus. Wo blieb er nur heute Abend? Louise! schickte in den Gasthof, in welchem Eduards Club sein | Local batte; dort war schon Alles finster. Louise! blieb die ganze Nacht auf, bis zum andern Morgen I — allein Eduard kam nicht. Wohin war er gerathen?! (Fortsetzung folgt.) I Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: I>r. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf -Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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