Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1869)
- Date
- 1869-02-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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103 Rabbinatscandidaten sei nothwendig. Ja, meine Freunde dieß war aber nicht die Frage. Herr Rabbiner Hvchmuth sagte, Religion ist nur durch die Wissenschaft zu retten, wie dies in Deutschland Rappoport und Hirsch gethan; jeder Rabbinatscandidat, der eine ebenbürtige Stellung einnehmen wolle, müsse wissenschaftlich gebildet sein und es sei besser, dieses unter llufsicht und systematisch zu thun, als die Jünglinge ihrer eigenen, oft sehr gefährlichen Autodidaktie zu überlassen. Herr Rabbiner Zipfer hat in langer Rede auseinandergesetzt, daß :n „ hervorragender" bedeute (was ich nach dem Sprachgebrauchs in.-i^v und ha, ja selbst I im N. T., wo das Wort Qvßßi schon vorkommt, nickt zugeben kann, aber darüber hier nicht streiten mag) er müsse besonders durch Wissenschaftlichkeit hervorragen: (was ich auch nicht zugeben kann, vielmehr ist Charactergröße der erste Factor seiner Hervorragung) ein Beweis dafür sei so wenig nothwendig, wie vom Lichte, daß es leuchte. Hauptsache ist ihm Talmud und Theologie, das heißt kritische Bibelsorschung. (Die kritische Bibelsorschung ist, beiläufig gesagt, wenn über die Grenzen der Massora hinaus, ein sehr gefährliches Spiel, zu dem selbst ein Luzzato, der aus ,d.t 1 Drv^n machen wollte, sich verflieg. Herr Elsaß meint, wir brauchen ein Seminar, um einen gebildeten Laienstand zu haben, Herr Kohn, um das rabbinische Judenthum zu heben, auf dessen Boden wir alle stehen (in parintkeso bin ich an dieses ,Alle" durch die eigentbümliche Töne, die zu unö aus der Gemeindesitzung herübergetönt in den letzten acht Tagen etwas irre geworden;) die Jeschiwoth blühen Gottlob in Ungarn noch, seien aber, jemehr Ungarn in die Culturstaalen eintrete, nicht mehr zu halten, es herrsche im Lande große Animosität durch gewisse Rabbinerversammlungen, dadurch Furcht vor klerikalen Bestrebungen, der Rabbinerstand leide an einer socialen Unbeholfenheit, der abgeholfen werden müsse, in Deutschland sei das Breslauer Seminar die einzige Zuflucht (ich kann dies übrigens, auf Thatsachen begründet, nicht zugestehen, und Preußen selbst bildet ein Minimum vom Contingent daselbst, dürfte auch kaum eine Hebung des jüdischen Geistes dadurch Nachweisen) Rappoport rc. wären nicht durch,, sondern trotz nu’K” das geworden, was sie waren, Herr Deutsch weist auf die Resultate der Pesther nun nnbn hin, deren Zöglinge von fünf aus mehr als sechszig gestiegen. Nun was beweist dies alles? Die Nothwendigkeit und Nützlichkeit des wissenschaftlichen Unterrichtes, nichts, gar nichts weiter. Meine Herren, Sie haben uns wohl bona fide doch immer das allgemeine wissenschaftliche Bedürsniß in die specielle Seminarfrage interpolirt; man kann aber sehr wohl für das Erstere sein und diese Prämisse zugeben, ohne etwas anderes als die eigene Consequenz ziehen und nicht die ftemde. Und zu diesen Personen gehöre ich selbst mit meinem öffentlichen Leben von mehr als einem viertel Jahrhundert. Bevor ich weiter gehe bin ich der Wahrheit die Ehre schuldig, die gestern Abend so oft gefallenen Worte zu wiederlegen, daß sich die überlebt hätten, daß sie nur wie Trümmer und Ruinen der Vergangenheit in einem Sckeinleben vegetiren rc. Es ist dieses nicht wahr, es gibt sehr viele Jesckiboth ältesten Schlages, in denen edle Lehrer m-'t höchster Selbstverleugnung die Schüler zu echtem jüdischen Wissen, zu religiösem Pflichtgefühle und zu ausgezeichneter Characterbildung führen; die Majorität des Landes will meiner Erfahrung nach vorläufig nur Schüler solcher Anstalten. Gehen wir nun weiter; fragen wir uns nun strikt und präcise: muß dieses Bedürsniß nach wissenschaftlicher Bildung gerade in einem Seminare seine Befriedigung finden? Hierzu erlaube ich mir Ihnen ein Citat vorzulesen, das für unsere geehrten Herren Collegen Di. Cohn, Kcbut und Sidon in erster Linie, aber auch für uns alle von größter Gewichtigkeit ist, es ist dies aus der Jahresschau des Herrn Dr. Zacharias Frankel, Director deö Breölauer Seminars in seiner Monatsschrift für das Jahr 1853 (Seite 14 bis Ende.) Was also Herr Dr. Z. Frankel selbst für ausreichend erklärte, finden viele Cnlturfreunde in Ungarn für ausführbar; oie bisherige Argumentation hat mich und Herrn Dr. Z. Frankel noch nicht widerlegt. Herr Dr. Cohn hat nun aber die Furcht ausgesprochen, daß wenn das Seminar nicht jetzt gegründet wird, eS später k tout prix und mit ganz andern Tendenzen gegründet werde. Nun, meine Herrn, was wollen Sie denn jetzt anders, als ein Seminar ä tont prix gründen, wenn Sie dasselbe absolut votiren und die Ausführung möglicher Weife aus Händen geben? Und da sage ich denn mit unseren Weisen prv p« wi nns Meine Herren! Es ist eines offenes Geheimniß, daß ich in dieser Frage persönlich auf einem „liberaleren" Standpunkte stehe, die Tagesordnung verbietet mir denselben auseinander zu setzen, und ich glaube, daß Sie nach dieser meiner langen Auseinandersetzung sich mit dieser strengen Geschäftsordnung mehr denn jene freuen werden; ich fühle mich aber auch mit dem angedeuteten Aushilfsmittel Vieler meiner engeren Gesinnungsgenossen, wozu unser gewichtiger Bundesgenosse, Herr Dr. Z. Frankel kommt, vorläufig vollständig befriedigt. Aus allen obigen Gründen erachte ich die Kreirung eines absolut ausgesprochenen Seminars für eine Competenzüberschreitung; ich erachte dasselbe nicht für nothwendig und nicht nur nicht entschieden nützlich, sondern auch möglicher Weise sehr gefährlich.*) * » - % *) Wegen Mangel an Raum in dieser Nummer wird die zweite Rede des Herrn Dr. Hildesheimer in der nächsten Nummer erscheinen. — Red.