Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1869)
- Date
- 1869-02-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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„Die bist ein Engel," sagte er, „und ich, ich Habe Deine Theilnahme nicht verdient. Ach, es geht schlecht, sehr schlecht im Geschäft! Ohne mein Verschulden ist nicht allein mein Vermögen, ist auch meine Ehre gefährdet!" Und er erzählte ihr von der Handelskrisis, von seinen Verlusten, von seinen Verbindlichkeiten, von der Gefahr der Insolvenzerklärung, die ihn in jedem Augenblicke bedrohe. Louise tröstete ihn, soviel sie vermochte. „Ist unser Vermögen dahin," sagte sie, „so müssen wir uns einschränken und mit Kleinem auszukommen suchen." ,,„O,"" entgegnete Eduard, „„das ertrüge ich nicht! Lieber sterben! Und wenn ich's auch ertragen könnte, daß ich, der ich so stolz war auf meinen Besitz, künftig zu den Kleinen und Unbedeutenden gehören müßte — wie könnte ich den Verlust der Ehre verschmerzen?"" „Deine Ehre wird durch unverschuldetes Unglück nicht verletzt." „„Ach, Du kennst die Welt nicht! Bei ihr ist Unglück und Schuld gleichbedeutend."" „Aber Du brauchst doch noch nicht zu verzagen. Villleicht wendet Gott in Seiner Gnade das Unglück noch ab; vertraue aus Ihn!" Eduard lächelte schmerzlich. „„Wie kann ich auf Gott vertrauen, da ich ihn immer geleugnet habe? O, wer mir sagte, daß cs einen gütigen, gnädigen, rettenden Gott gibt und daß nicht Alles ein blindes Walten von Ursache und Folge ist!"" „Nun, Eduard, ich sage es Dir; ich will für Dich, für uns beten. Sei getrost, Gott wird Helsen!" Und Louise ging und schloß sich in ihr Zimmer ein und betete dort heißinnig, nicht für sich, denn was lag ihr an Reichthum und äußerer Ehre, sondern für ihren Gatten, der dieser Dinge nicht entrathen konnte; sie betete unter heißen Thränen für den Mann, der ihr so wenig Liebe und Treue bewiesen, der sie vielmehr so oft verletzt, so tief gekränkt hatte. Eduard sah ihr nach und sprach vor sich hin: „ Es ist doch etwas Schönes um ein so liebevolles, mildes, verzeihendes, gläubiges Frauengemüth! Aber kann der Gott, zu dem sie betet, mir hunderttausend Thaler vom Himmel herunter regnen lassen?" Thörichter Mensch! Gott kann Alles, allein er wählt natürliche Mittel, die ebenso wie Wunder zum Ziele führen. Täglich, stündlich thut der Allmächtige Wunder, aber der Sinn der Sterblichen ist verschlossen, und sie erkennen die Wunder nicht. In Hamburg herrschte um diese Zeit die größte Trostlosigkeit. Der Credit der großm und reichen Handelsstadt war auf- Aeußerste gesunken, und bedeutende Häuser, unter denen sich die Schuldner Lindensteins befanden, warm dem Sturze nahe. Fünfzehn Jahre zuvor hatte sich Hamburg in einer ähnlichen Calamität befunden; es war ini Mai 1842, gleich nach dcm großen Brande, als der Credit dieser Stadt aufs Tiefste erschüttert war. Damals hatte der alte, biedere Salomon Heine, der sich von einem armen Laufburschen zu einem siebenzehnsachen Millionär emporgeschwungen hatte, Hamburg gerettet. Er war an die Börse gegangen und hatte erklärt, jeden Wechsel auf Hamburg discontiren zu wollen. Sofort war das entschwundene Verttauen zurückgekehrt, und die Panique war glücklich überwunden wordm. Salomon Heine lebte nicht mehr, aber sein Sohn Karl war nicht allein der Erbe seines Vermögens, sondern auch seines Edelmuthes. Er that jetzt, wie fein Vater gethan, und was noch nicht gefallen war, blieb aufrecht stehen. Rasch brachte der Telegraph die Freudenbotschaft nach allen Börsenplätzen. Die Krisis war überwunden; auch Eduard Lindenstein war gerettet. Zwar hatte er den größten Theil dessen verloren, was er seit 56 gewonnen hatte; allein er konnte es verschmerzen; er blieb immer noch ein reicher Mann; bald kehrte der alte Leichtsinn, wenn auch nicht der alte Uebermuth wieder. Zu Louisen sagte er: „Glaubst Du, daß Dein Gebet mir geholfen hat? Glaubst Du, daß ohne dasselbe Carl Heine nicht jene rettende Erklärung abgegeben hätte?" „„Versündige Dich nicht, Eduard,"" entgegnete Louise sanft, „„Gott möge Dich vor weiteren Gefahren behüten. Mögest Du nie dahin gelangen, daß Du Gottes rettende Hand vergeblich anrufest."" Mit Louisen war seit dieser Zeit eine großEeränderung vorgegangen. Sie hatte sich in jener bittern Stunde, da ihr Gatte schier verzweifelte, Vorwürfe darüber gemacht, daß sie sich von ihm abgewandt und ihn sich selbst überlassen hatte. Sie beschloß, aufs Neue sich ihm anzuschließen, seine Launen, seine Fehler, seine Laster, seine Gottlosigkeit zu ertragen, um ihn, wo möglich, zu erheben. Und in der That, ihr nunmehriges Benehmen, ihre liebevolle Hingebung, ihr schweigsames Dulden blieb nicht ohne Einfluß auf Eduard; er lernte Louisen achten, er fühlte, daß sie besser sei als er. Hätte Louise vielleicht gleich diesen Weg eingeschlagen, wer weiß, ob es ihr nicht gelungen wäre, Eduard zu einem andern Menschen zu machen. Jetzt aber war es zu spät; ein fürchterliches Geschick sollte die Ehegatten auseinander reißen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhazdlung. — Dampf-Schnellprefsendruck von I. Äottsleben in Mainz. I i