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Der Israelit · 1869-02-10 · Heft 6 (10.2.1869) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 6 (10.2.1869)
Date
1869-02-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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„Scherz bei Seite — (mit Gewalt bei Seite, denn näher liegt er) — wie spurlos ist das Jubiläum eines Instituts vorübergegangea, an dessen Wiege ein Theil de» jüdischen Deutschlands jammerte und der andere Theil die Triumphe anticipirte, von dessen Begründung man eine neue Aera für das Iudenthum datiren zu können glaubte! Es ist trivial, aber es paßt durchaus: „Die Berge kreißten — und es kam eine Maus heraus!" Aber der Wahrheit die Ehre! Die Maus lebt noch, sie kriecht seitdem in allen Gemeinden Deutschlands herum, springt über die Kanzeln von Rabbinern und Predigern, wie über den grünen Tisch von Gemeindevorständen und — o, des ergötzlichen Schauspiels — hier suchen Vorsteher und Rabbiner sie mit lautem Geschrei zu erhaschen und wie die Philister einst sie zu vergolden, während dort andere, wie hysterische Frauenzimmer, aus Furcht vor ihr auf Stühle und Bänke springen! „Aitrapez!“ rufen einige biedere Journalisten, welche die Einen auf die Reformmaus, die Andern mit der Reformmaus Hetzen. Sie haben schon Recht; sie sitzen am Eingänge zu dem lustigen Kampsspiel und cassiren das Eintrittsgeld ein. „Immer heran, meine Herrschaften, das Abonnement kostet so und so viel, Kinder zahlen die Hälfte, zum Schluß der Vorstellung bengalisches Feuerwerk mir Tableau: der Talmud geht in Flammen auf, und es erscheint — ein neues Gebetbuch!" „ Sie scherzen doch wieder," fallen Sie mir in's Wort. Beileibe nicht. Lassen Sie mich mit den Worten Hanna's antworten: „Aus der Fülle meines Kummers und meines Unmuthes Hab' ich bisher geredet." Denn tiefen Kummer muß jeder ehrliche Mann in Israel empfinden, wenn er den Unfug überschaut, der nunmehr ein halbes Jahrhundert hindurch für religiöse Reform sich ausgibt und — nur unter dem Einsprüche Weniger — dafür anerkannt wird." Der Verfasser setzt dann auseinander, was er unter religiöser Reform versteht; er weist an Beispielen aus der Geschichte nach, daß ein Reformator vom heiligsten Beruf durchdrungen, von innerster und innigster Frömmigkeit getrieben werden muß. Ein Reformator vermeint, von einer niedrigeren Stufe der Erkenntniß zu einer höheren, von einer schlaffen und lauen Art der Bethätigung zu einer lebendigen, warmen zu erheben. Ob der Reformator im Rechte, das ist eine andere Frage, aber ihn muß wenigstens der feste Glaube an die eigene religiöse Mission durchdringen. „Niemand," fährt der Verfasser fort, „wird die Voltaire, Diderot, de la Mettrie religiöse Reformatoren nennen. Denn es fehlte ihnen Alles, was diesen Begriff constituirt: Absicht und Ziel ihres Strebenö lagen außerhalb der Grenzen eines religiösen Gemüthes, sie waren Bekämpfer der Religion, nicht religiöse Reformatoren." „Und nun — grandia si parvis assimilare licet! — nun vergleichen Sie die großen Reformatoren, welche seit fünfzig Jahren bis heute das Iudenthum verarbeiten, mit den kleinen Huß und Luther! Waren oder sind sie fromm? Haben sie neben den vielfachen Bekämpfungen des Bestehenden auch für die Frömmigkeit je ein entschiedenes und begeistertes Wort geäußert? Nicht allerdings für die alte, aber wenigstens für eine? Ich fühle, wie mich in diesem Augenblicke Jemand (wahrscheinlich ein stiller Parteigänger jener Quasi-Reformatoren) am Aermel zupft: „Um Gotteswillen! Wo denken Sie hin!? Verdächtigen Sie mir die Leute nicht! Fromm! Religiöses Gemüth! Gläubige Inbrunst! — welche Blasphemien! Sie bringen ja unsere ganze schöne, frische und fröhliche Reformation in Verruf, wenn Sie ihren Begründern und Fortsetzern den Besitz von Eigenschaften zutrauen, welche aus der jüdischen Welt fortgeschaffl zu haben ihr eigentliches Verdienst ist. — Fragen Sie noch einmal von einem unserer Reformatoren, ob er fromm ist, ein religiöses Gemüth hat, — und Sie machen ihn durch die bloße Frage unmöglich! Unsere religiöse Reform hat mit der Frömmigkeit gar nichts zu thun; wer noch ein religiöses Gemüth zu haben behauptet, wer noch von religiösem Ernst umnebelt ist, den betrachtet unsere Reformation als Inhaber eines „überwundenen Standpunktes"! In der Thal! Die letzten fünfzig Jahre bieten einen Beitrag zur jüdischen Religionsgeschichte, der ergötzlich sein könnte, wenn erdicht vielmehr betrübend wäre! Ich leugne nicht, daß unter Denen, die mit der Begründung des Hamburger Tempels und in den nächsten Jahren darauf auflraten, einige Wenige waren, bei welchen das reformatorische Gelüste noch von dem Hintergründe einer religiösen Wärme und eines frommen Dranges sich abhob. Aber wie bald wurden sie von den Haupthähnen der Reform, der Reform saus phrase desavouirt, als „Fromme" desavouirt! Ja diese Haupt-Hähne und Hähnchen der Reform, sie verstanden das Ding besser! Eine religiöse Reform, die das Wort Frömmigkeit noch kennt, wie lächerlich! Eine religiöse Reform, die noch von religiöser Innigkeit und religiösem Ernste spricht — wie engbrüstig! Fort mit diesen Begriffen und an ihre Stelle die bewegende Idee einer neuen Religion — den Witz gesetzt! Diesen deliziösen Hebel, diese religiöse Macht habt Ihr freilich noch nicht gekannt, Ihr geschichtlichen Reformatoren! Wie nüchtern seid Ihr! Wie albern fromm seid Ihr! Wie erbaulich-ernst seid Ihr! Wie wenig Witze reißt Ihr! Ja, was seid Ihr auch gegen unsere Reformatoren! Die haben die Frömmigkeit und den Ernst stigmatistrt und dafür den Witz glorificirt. Seit fünfzig Jahren lachen sie, die braven Männer, lachen über Nettestes und Altes, die Voltairiunculi, lachen über Frömmig-

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