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Der Israelit · 1869-02-03 · Heft 5 (3.2.1869) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 5 (3.2.1869)
Date
1869-02-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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80 „Aber," entgegnete der Kleine, „Papa thut das doch auch und hat's erst gethan, ehe er fortgegangen." „„Du darfst es doch nicht thun!"" „Papa sagt, was er thut, dürfe auch ich thun, Papa thut nichts Unrechtes." „„Wollte Gott, das wäre wahr!"" sagte Louise mehr vor sich hin als zu dem Knaben. Zn diesem Augenblick stürzte Eduard inS Zimmer. „Was!" ries er, „Du willst mir mein Kind entfremden! Komm her, Alfred, schüre nur recht im Feuer umher, nur recht nach Herzenslust! Was ich thue, darfst auch Du thun!" Der Kleine ließ sich das nicht zweimal sagen und schürte, daß die Funken stoben. Louise'n traten die Thränen in die Augen. „Und warum willst Du mein Kind mir entfremden?" fragte sie. „Jedenfalls würde Alfred besser thun, sick nach mir zu richten als nach Dir. Ich feiere keine Orgien, ich." Höre auf,"" unterbrach sie Eduard heftig, „„mein Sohn soll ein Mann und keine Betschwester werden! Aergert's Dich, daß ich mich amüsire? Ich soll wohl meine Tage bei Dir vergrämen? Wozu quäle ich mich, wozu verdiene ich viel Geld, wenn ich mein Leben nicht genießen soll?"" „Freilich," entgegnete Louise bitter, „ für Dich und Deinesgleichen gibt eS keinen andern Genuß als den ordinärsten Sinnestaumel!"" „„ Und für Dich und Deinesgleichen gibt es gar keinen Genuß; Du kannst nur Dir und Andern das Leben verbittern!"" Louise schwieg. Ach, solche Scenen gab es häufig in diesem Hause, und der kleine Alfred war oft genug Zeuge derselben. Wie sollte das arme Kind sich sittlich und kernhaft entwickeln, wenn Vater und Mutter vor ihm sich gegenseitig herabsetzten? Die Eltern sollen den Kindern die Stellvertreter Gottes sein aus Erden; kein Makel darf das scharfe KindeSauge an ihnen entdecken; Muster und Vorbilder seien sie, zu denen das Kind aufschaue wie zu höheren Wesen; dann werden die zarten Gemüther sich kräftigen, und edle Menschen werden heranwachsen. Wehe aber den Kindern, deren Eltern in Unfrieden leben, deren Mutter den Vater verachtet, deren Vater die Mutter nicht ehrt! WaS Wunder, wenn solche Kinder mißrathen! Da saß Louise in der schwellenden Ottomane; der Tisch war gedeckt mit dem feinsten Damast; das köstlichste Porzellan stand darauf, das schönste Silber. Die ganze Einrichtung des Speisezimmers war höchst luxuriös; an den Wänden hingen kostbare Oelgemälde, große, prachtvolle Spiegel mit vergoldeten Rahmen, der Kamin, aus cararischem Marmor, spendete eine wohlthuende Wärme, und die Flamme in ihm warf einen behaglichen Schimmer in das schöne Gemach, während draußen trübe Schneewolken den Tag verfinsterten. Louise hatte Alles, was so vielen Menschen begebrenswerth erscheint! Ein großes, schönes Haus mit angrenzendem wohlgepfiegten Garten, eine Villa vor dem Thor, Kleider und Schmuck wie eine Fürstin, eine glänzende Equipage m>t zwei feurigen Rappen, goldbetreßte Diener, sie hatte einen Mann, der Hunderttausende verdiente und ein schönes, engelgleiches Kind — und doch saß sie am Tische und aß nicht, und tiefer Kummer hatte ihr Herz zusammengeschnürt' Der Frühling verging, auch der Sommer zog dahin. Eduard verdiente immer mehr Geld und ward immer übermüthiger. Selbst Dr. I., der sich doch so gut in die Zeitströmungen zu finden wußte, hatte unter dem Uebermuthe der Börsenfürsten zu leiden. Der arme Mann mußte doch Etwas predigen! Vom spezifischen Judenthume wollten die Herren nichts wissen; so beschränkte sich denn Dr. I. auf bloße Moralpredigten, und die wurden so langweilig. Da fiel es ihm ein, während der hoher: Festtage im Herbst gegen den Unglauben loszudonncrn; er polemisirte gegen Büchner und Vogt, gegen Molleschott und Darwin. Da war er aber an die Unrechten gekommen. Die Herren wollten eben ein „freies Judenthum," in welchem auch der Unglaube seine Berechtigung haben sollte. Da sie die Majorität im Vorstande und im Repräsentantencollegium hatten und der arme Dr. I. nur „auf Zeit engagirt" war, so ließen sie ihm sagen, man würde ihm kündigen, wenn er wieder gegen den Unglauben predigen würde. Herr Dr. I. nahm geziemend Notiz von dieser Mittheilung und predigte während des Hüttenfestes nur noch von dm Fortschritten der Neuzeit, von der Erleuchtung des gegenwärtigen Zeitalters, von dem Glücke, in der Zeit der Eisenbahnen und Telegraphen zu leben. Je größer der sich immer steigende Gewinn der Speculanten war, desto raffinirter wurde ihre Genußsucht. Sie verabredeten auf Eduards Betreiben ein Mahl, das Alles übertreffen sollte, was es je Gutes und Leckeres für Zunge und Gaumen gegeben. Das Couvert sollte zehn Friedrichöd'or kosten! War das ein faunisches Lächeln, das den Mund der Theilnehmer umspielte, wenn sie von den bevorstehenden Genüssen sprachen! Dies beabsichtigte Gelage lieferte für mehrere Tage den Hauptgesprächstoff an der Börse. Da fuhr plötzlich ein Blitz aus heiterem Himmel hernieder, der all Das zu Nichte machte. (Fortsetzung folgt.) Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.

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