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Der Israelit · 1869-01-27 · Heft 4 (27.1.1869) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 4 (27.1.1869)
Date
1869-01-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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64 in unserer aufgeklärten Zeit noch den veralteten, jüdischen Gebräuchen anhangen?" „„Zhre Frage,"" entgegnete Louise, „„setzt mich um so mehr in Erstaunen, als ein solcher Gebrauch UNS ja hier festlich versammelt."" „Za, wenn man sie so modernisirt, wie unser trefflicher Dr. I. das versteht! Aber z. D. nicht zu essen, was Einem schmeckt, das kann doch Gott nicht verlangen!" „„Liebe Frau van Geldern, ich kümmere mich ja nicht darum, was Sie thun oder lassen — ich bitte Sie, gewähren Sie mir dieselbe Nachsicht. „Geben Sie Gedankenfreiheit!" sagt Marquis Posa."" „Ach ja, der Marquis von Prosa, kömmt der nicht in Shakespeares Faust vor?" Louise konnte sich kaum enthalten, laut aufzulachen. „„Meine liebe Frau van Geldern,"" sagte sie, „„der Mann hieß Posa, nicht Prosa, er kömmt in Schillers Don Carlos und nicht in Faust vor, der übrigens nicht von Shakespeare, sondern von Göthe ist. Es ist doch etwas Köstliches um unsere aufgeklärte Zeit!"" „Was Sie so gelehrt sind!" entgegnete Frau van Geldern kleinlaut. „„Aber trotzdem Sie so gut in der Literatur Bescheid wissen,"" mischte sich der reiche Tabaksfabrikant Grunert ins Gespräch, „„so muß ich doch der Frau van Geldern Recht geben. Sehen Sie, Frau Lindenstein, die Bibel und der Alkoran, das neue Testament und die Zendavesta... „„Aber Herr Grunert"", unterbrach ihn Louise, „„was ist das: der Alkoran?"" „Wissen Sie das nicht?" fragte der Tabaksfabrikant triumphirend. „Das ist ja die Bibel der Muhamedaner!" „„Ach, Sie meinen den Koran!"" „Za, aber richtig heißt es und vollständig im Arabischen: der Alkoran!" „„Sie sind im Zrrthume, lieber Herr! „Al" ist der arabische Artikel; sie können also nicht sagen: der Alkoran; das würde soviel bedeuten wie: der der Koran."" „ Sie wissen aber auch Alles!" „„Und bin doch noch so wenig aufgeklärt, daß ich noch an den veralteten Gebräuchen des Zuden- Ihums hange!"" „Za, das ist mir wirklich ein Räthsel!" „„Ich will Zhnen das Räthsel lösen. Nicht über mich müssen Sie Sich verwundern, sondern über Sich selbst, daß Sie es wagen, über das Höchste und Heiligste zu urtheilen ohne die Befähigung dazu zu besitzen, daß Sie Sich im Besitze einer Bildung glauben, die in der That keine ist."" Unbemerkt war Eduard zu der Gruppe getreten und hatte den letzten Theil des Gespräches gehört. „ Und ich, Frauchen?" fragte er. „„Auch Du, Eduard, auch Du hast viel zu wenig vom Zudenthume erfahren, um es begreifen, um es würdigen zu können! Und gerade weil Du in anderer Beziehung viel gelernt hast, so war Dir der Confirmanden Unterricht des Dr. I. nur ein armseliges Gegengewicht gegen die Zdeen von Vogt und Molleschött."" Hier wurde das Gespräch unterbrochen, da die Gesellschaft eingeladen wurde, sich zu Tische zu begeben. Herr Grunert bot Frau Lindenstein seinen Arm und sprach ihr unverholen seine Bewunderung aus, während er bei Tische neben ihr saß. „O," sagte er, „wie ist doch Freund Lindenstein so glücklich, eine solche Frau zu besitzen! Wenn ich ein solches Weib erringen könnte, ich würde nicht allein meine vierzig Jahre vergessen und noch heirathen, ich würde ihr gehorsamer Sclave werden und nur für sie leben." Es herrschte ein heiterer Geist bei Tafel; namentlich fühlte sich Louise durch die Unterhaltung sehr angeregt. Da schrie ste Plötzlich laut auf; Alles blickte nach ihr, sie aber deutete mit Entsetzen auf die eben aufgetragenen — Hasenbraten. Ein furchtbarer Gedanke ergriff sie; sie hatte seit einer halben Stunde Terephot gegessen, und Eduard hatte sie ver- : anlaßt, die Einladung anzunehmen!! Zhr schwindelte, sie fiel bewußtlos auf ihren Stuhl zurück, von dem sie sich erhoben hatte. Viele Hände bemühten sich um die Ohnmächtige; als sie endlich wieder zu sich kam, rief sie mit dem Ausdrucke unverkennbaren Entsetzens: „Fort, fort!" Eduard fuhr mit seiner Frau nach Hause; als sie im Wagen saßen, sagte er leichthin: „So, mein Liebchen, der erste Schritt wäre glücklich gethan! Du sollst sehen, wenn Du zum zweiten Male Terephot essen wirst, so wird es Dir gar keine Schwierigkeiten mehr machen!" Louise seufzte nur, antwortete aber nicht. Als sie nach Hause kam, begab sie sich in ihr Zimmer und schrieb ihrem Vater, er solle kommen und sie holen, wenn ihm ihr Leben lieb sei. Der Brief erfüllte den alten Ahrens mit Trauer; er eilte nach N., um Frieden zu stiften. Es gelang ihm auch; Eduard versprach, nun auch seinerseits die Bekehrungsversuche aufzugeben; Mann und Frau gelobten, sich gegenseitig nicht um Zhr Thun und Lassen zu kümmern. So lebten sie denn ruhig nebeneinander -das Zdeal einer modernen Ehe. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: I>r. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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