Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1869)
- Date
- 1869-01-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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63 Ke« * JJLe * ° 04 Unmöglich Fünftes Capitel. Aie Oinkadung. Wochen waren vergangen; Louise hatte sich, wenn auch mit schwerem Herzen, in das Unabänderliche gefügt. Eduard genirte sich nicht mehr vor seiner jungen Frau und lebte in religiöser Beziehung wie vor seiner Hochzeit. Freilich waren die Engel des Friedens, des Glückes, der innigen Zuneigung aus diesem Hause geschwunden, und so kam es, daß sich Eduard häufig unbehaglich in der Nähe seiner Gattin fühlte. Sie klagte zwar nicht, sie machte ihm zwar keine Vorwürfe, allein die stille Trauer, die ihr ganzes Wesen seit jenem Tage umhüllte, an welchem vr. I. das ihm übertragene Schiedsrichteramt so schmählich geübt hatte, war für Eduard ein immerwährender stiller Vorwurf, der ihm bald unerträglich wurde. Er beschloß daher, sein Weib zu seinen Anschauungen zu bekehren und traf seine Maßregeln; er brachte ihr Bücher und Zeitschriften, die ihre Denkungsart beeinflussen sollten, und als er sie genügend vorbereitet glaubte, da führte er einen entscheidenden Schlag. In der Stadt N. hatten bis zur französischen Invasion keine Juden wohnen dürfen; seit einigen Jahrzehnten waren viele reiche Juden vom Lande und aus kleineren Städten in die große Stadt gezogen. Diese reichgewordenen Landleute und Kleinstädter vermeinten vor Allem ihre großstädtische Bildung dadurch bekunden zu müssen, daß sie dem jüdischen Religionsgesetz den Rücken wandten. Daher kam es, daß es in N. namentlich unter den reicheren jüdischen Familien sehr wenig religiöse gab; man hatte zwar durch den Aufbau einer prachtvollen Synagoge den Christen gegenüber seine religiöse Gesinnung documentirt, allein das war auch Alles. In welcher Weife der Rabbiner Or. I. wirkte, um die Religiosität zu heben, wie er der Jugend den Religionsunterricht ertheilte, das werden die Leser aus dem in Bezug auf ihn bereits Erzählten leicht ermessen können. ES ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß immerhin unsere modernen Glaubensgenossen noch einige Gottesgebote halten. Da gibt es Juden, die den Sabbat öffentlich entweihen, aber bei Leibe keine verbotene Speisen genießen; Andere wieder lassen sich's im christlichen Gasthof gut schmecken, aber zu Hause muß Alles nach jüdischem Religionsgesetze eingerichtet sein; Andere verlassen am Sabbat regelmäßig ihr Comptoir, um die Synagoge zu besuchen; dauert aber der Gottesdienst etwas länger, so eilen sie früher nach Haus —. es muß ja vor 12 Uhr die Post noch erledigt werden; Andere wieder feiern das Neujahrsfest und den Dersöhnungstag und öffnen, wenn das Neujahrsfest auf Donnerstag und Freitag fällt, zum Eintrtte des Sabbats ihre Läden; wieder Andere essen das ganze Jahr hindurch verbotene Speisen, nur am Peßachfeste nicht. Das Eigenthümlichste aber ist, daß sobald diese Leute mit „eigenem Schulchan Aruch" mit orthodoxen Juden Zusammentreffen, sie nicht aufhören, sich dessen zu rühmen, was sie noch vom jüdischen Religionsgesetz halten. Da wird erzählt, wie fromm der Vater oder die Mutter, der Onkel oder die Tante, der Großvater oder die Großmutter gewesen; da wird mit Ostentation erzählt, wie schwer es falle, Jom Kippur einen ganzen Tag zu fasten, oder acht volle Tage die Peßachkost zu genießen. Von ähnlicher Leidenschaft waren auch die vornehmen Damen von N. befallen, sobald sie sich in Louisens Nähe befanden, und unter ihnen war es besonders die Frau Commerzienräthin Reichmayer, die Louisen immerfort von ihrer Frömmigkeit unterhielt, wiewohl sie eine „trephene Haushaltung" hatte. Eines Tages kam Eduard zu seiner Frau und sagte: „Die israelitische Gemeinde zu N. ist doch nicht so schlimm in religiöser Beziehung wie ihr Ruf. Da hat unser reichster Mann, der Commerzrenrath Reichmayer, sich eine prachtvolle Villa bauen lassen, und wird sie nach altjüdischer Sitte dadurch einweihen, daß er zuerst darin „lernen" läßt. Nachher wird Souper und Ball stattsinden; auch wir sind eingeladen; Du wirst doch acceptiren?" Louise hatte keinen Grund, die Einladung abzulehnen; sollte sie auch denken, daß man bei Frau Reichmayer, die sich immer so fromm äußerte, daß man überdies bei einer religiösen Feier ihr verbotene Speisen vorsetzen würde? Sie war schön, die Reichmayersche Villa vor dem Thore in der Nähe des zoologischen Gartens, und auch die Feier der Einweihung entsprach dem Glanze des Reichmayerfchen Hauses. Zuerst wurde der religiöse Act vollzogen. Zehn arme, mehr oder minder „gelehrte" Männer waren bestellt, um zu „lernen;" sie „lernten" dann auch mit oder ohne Verständniß den Abschnitt „CheSkath Habattim" aus dem Tractat Baba Bathra. Dann hielt Dr. I. eine glänzende Rede; darauf wurde vom Vorsänger und dem Synagogenchore der eigens zu diesem Zwecke vom Chordirigenten componirte 30. Psalm vorgetragen. Alles war in gehobener Stimmung. Ungezwungen bewegte sich die Gesellschaft in den geschmackvoll ausgestatteten und wundervoll erleuchteten Sälen, während reichgallvnirte Diener den Gästen Gefrorenes und andere Erfrischungen brachten. Es war noch eine halbe Stunde bis zum Souper, und man unterhielt sich so angenehm man nur konnte. „Sagen Sie, Frau Lindenstein," redete Frau van Geldern, eine Dame in reicher, aber ziemlich geschmackloser Toilette, Louisen an, „ich höre, Sie seien noch so fromm; sagen Sie mir, wie kann eine gebildete Frau