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Der Israelit · 1869-01-27 · Heft 4 (27.1.1869) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 4 (27.1.1869)
Date
1869-01-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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61 wenig bei. Unsere Körper, unser Erdreich, unsere Verhältnisse und Beziehungen sind den strengen Winter j gewöhnt, unsere Geschäftsbeziehungen Lasiren ganz und gar darauf. Die Eisbahn ist, wie schon oft erwähnt, (unsere Eisenbahn. Bei solchem. Wetter, wie daS gegenwärtige, sind die Wege in Rußland, wo man überhaupt Chausseen nicht kennt, unpassirbar. Wenn aber draußen Alles nur so knistert und knittert, da erwacht plötzlich eine Thätigkeit und Regsamkeit ohne Gleichen. Dann sieht man die Israeliten zu Tausenden, oft aus einer Ferne von 30—40 Meilen herkommend, in ihre langen und weiten Schafpelze gehüllt, auf ihren Schlitj ten dem hiesigen sehr starken Exportgeschäfte die rus- Ü fischen Handelsproducte — Lumpen, Felle, Getreide, | vorzüglich aber Flachs — zuführend; da ist kaum ein? freies Plätzchen der hiesigen sehr weitläufigen Stadt, I welches sie nicht mit ihren Fuhren in Beschlag genommen hätten. Die Wenigen, welche sich durch die im buchstäblichen Sinne grundlosen Sandwege hindurchgearbeitet, geben entsetzliche Schilderungen von Noth und Tod, welche bei ihnen walten und wüthen. Da ist kein Haus, worin nicht Kranke sich befinden, zu deren Wartung und Psiege die gänzlich verarmte Stadt nicht einmal das Nothdürftigste aufbringen kann. Zwei Stände trifft das Unglück am unmittelbarsten und schwersten. Den Handwerkerstand, der keine Ar- I beit und wenn Arbeit, kein Bezahlung hat, und den Lehr- und Lernstand, besonders aber den letzteren, der von der öffentlichen, gänzlich erschöpften und versiegten Woblthätigkeit lebt. So ein Lehrhaus, temon no, deren die größere Stadt mehrere hat, bietet einen überaus erschütternden Eindruck. Sie werden jetzt reichlicher als sonst frequentirt, wie immer in Zeiten der Noth. Doch von denen, welche dort Trost und Erleichterung suchen, rede ich nicht, sondern von den Lehrenden und Lernenden von Profession. Zwischen den einzelnen Städten besteht gleichsam rückstchtlich dessen eine stillschweigende Cartelconveniion. Denn da es als verdienstlicher und auch für fördernder und fruchtbringender gilt, nicht das heimathliche, sondern ein fremdes Lehrhaus amen rra zu besuchen, so besieht das stillschweigende Uebereinkommen, daß eine Stadt der andern Thorabeflisseuen, omrp mnt”, welche ihr Lehrhaus frequentirt, ernähret. Nun sitzen da die armen Thorajünger hohläugig, matt, abgezehrt, den Tag und den größten Theil der Nacht über bei uns, mit ihnen ihre Lehrer, und lernen und theilen mit dem Allerärmsten — denn einen Bachur nimmt ein Jeder an seinen Tisch — die vertrocknete, spärlich zugemessene Brodrindc. Was sollen diese nun thun? Nach Hause gehen? Dort wartet ihrer kein besseres Schicksal, auch wolle» sie den Eltern nicht zur Last fallen; darum bleiben sie, wo sie sind, und sehen mit dumpfer Verzweiflung der Zukunft entgegen. Schon im vergangenen Jahre hatte Schreiber dieses die Absicht, mit Hilfe der geehrten Redaction dieses geschätzten Blattes zur Begründung eines nach allen Weltgegenden sich verzweigenden Vereines aufzurufen, welcher die Unterstützung, vielleicht auch Reorganisirung der Lehrhäuser und ihrer Insassen zum Zwecke hätte, die eigentlich nur noch hier in Westrußland die richtige Pflege finden, und auch da von der allgemeinen Verarmung mit dem Untergange bedroht sind. Mag man, von welcher Seite her man wolle, ein solches Unternehmen bekämpfen, ich halte einen solchen Verein für eben so verdienstlich und dem jetzigen Stande und Bestände des Iudenthums angemessen, wie die „Alliance Israelite Universelle", ja ich halte diese nur dann für vollkommen zweckentsprechend, wenn sie durch einen Verein von genannter Tendenz ergänzt würde und mit diesem Hand in Hand ginge. Doch davon später. Mein Brief hat langst die gesteckten Grenzen überschritten; ich schließe mit der Bitte, ihm ein Plätzchen in Ihrem geschätzten Blatte zu geben. Der, so Gott will, recht, recht bald eintretende Anlaß einer Empfangsbestätigung von noch größeren Sendungen wird mir Gelegenheit geben, da fortzufahren, wo ich heute stehen geblieben. vr. Rüls. Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 42. Januar. In einer der jüngsten Nummern Ihrer geschätzten Wochenschrift wird das Benehmen der hiesigen Universitätsprofefforen, die sich angeblich nicht am Leichenbegängnisse ihres Kollegen, Herrn Dr. Jacob Goldenthal, betheiligt hätten, mit Unrecht getadelt, denn wie Augenzeugen bestätigen und auch Tagesblätter berichteten, kamen Herr Prof. I)r. Robert Zimmermann und als Vertreter der Academie der Wissenschaften, deren Mitglied der Verstorbene war, Herr vr. v. Karajan, um ihrem Collegen die letzte Ehre zu erweisen, aber etwas zu spät und zwar nicht durch ihr Verschulden, da der Leichcnzug sich früher in Bewegung setzte, als angegeben war; oder bewegt sich vielleicht die Uhr der hiesigen israel. Cultusgemernde schneller und huldigt dem Fortschritte? Nun, so hätte auch die Gemeinde als fortschrittsfreundlich der Wissenschaft mehr Ehre erweisen und einem um jüdische, wie überhaupt um orientalische Literatur sehr verdienstvollen Manne ein würdigeres Leichenbegängnis; veranstalten sollen auf die Gefahr hin, von der Wittwe des Verblichenen keine Bezahlung erster Elaste zu erhalten. Soll denn immer und bei jeder Sache nur das Geld und der Neichthum maßgebend sein? Oder rechnete man darauf, daß keine Honorationen fremder Confessionen anwesend sein würden, daß die Chebra-Kadischa einen so ordinären Leichenwagen nahm und daö sonst gewohnte

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