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Der Israelit · 1869-01-20 · Heft 3 (20.1.1869) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 3 (20.1.1869)
Date
1869-01-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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44 „„Also ist gar keine Hoffnung für mich da?"" „Aber, lieber Freund, glauben Sie, daß i ch Sie veranlassen dürste, am Sabbat zu raucken?" „„Nein, nein, Herr Doctor, das nicht! Wir wollen ja nur Ihre gelehrte Ansicht hören, ob ich den Schwur zu halten verpflichtet sei oder nicht!"" „Ja, wenn Sie mich so fragen, da muß ich Ihnen eine ganz andere Antwort geben. Nein, Sie sind nicht verpflichtet, den Schwur zu halten!" „Was sagen Sie, Herr Rabbiner?" fragte Louise außer sich vor Erstaunen, während Eduard mit Mühe ein Lackeln unterdrückte. „Hören Sie mir genau zu, gnädige Frau," fuhr Dr. I. zu reden fort, „fern sei es von mir, Ihrem Herrn Gemahl Anlast zu geben, am Sabbat zu rauchen; aber da es sich, hier gleichsam um die Erörterung einer wissenschaftlichen Frage bandelt, so muß ich sachgemäßen Bescheid geben. Sehen Sie, im Tractat Schebuoth erörtern die Weisen die Frage, welche Schwüre bindend seien oder nickt; es mußte nämlich derjenige, welcher einen bindenden Schwur nicht erfüllte, zur Sühne seines Vergehens ein Opfer bringen. Rabbi Iehudah ben Berbera wollte nun auch das darauf ausgedehnt wissen, so Jemand schwört, ein göttliches Gebet zu erfüllen; seine Ansicht drang aber nicht durch; die anderen Weisen erklären einen solchen frei von dem erwähnten Sühnopfer. Das paßt nun genau auf unfern Fall. Da wir Juden schon vom Sinai her verpflichtet sind, am Sabbat kein Feuer anzuzünden, so kann ein neuer Sckwur diese Verpflichtung nicht erhöhen; da aber Herr Lindenstein den Schwur vom Sinai her nickt als bindend anerkennt, so ist er durch den andern auch nicht gebunden!" Solange hatte Louise ruhig zugehört; jetzt aber sprach sie mit Bitterkeit: „Herr Rabbiner, ich hätte solche Redeweise nicht von Ihnen erwartet; aber uack Ihren eigenen Worten sind Sie im Unrechte. Die Weisen lehren ja nicht, dag der Schwur nicht bindend sei, sondern daß der Verletzer eines solchen Schwures kein Sühnopfer zu bringen brauche." „„Wie gelehrt meinFrau'cken reden kann!"" siel Eduard ein; „„man meint, Du habest den Talmud studirt! Doch lassen wir das unerquickliche Thema bis nach dem Essen!"" Das Mittagsmahl verlief von nun an und weiter sehr eintönig; Louise war verstimmt; der Doctor ebenfalls; er merkte wohl, daß er das Wohlwollen der jungen Frau verscherzt habe. Vergebens bemühte sich Eduard, wieder Leben in die Unterhaltung zu bringen. Nachdem man die Mahlzeit beendet hatte, fragte Eduard: „„Nun, Herr Doctor, Ihr endgiltiges Urtheil: Bin ich durch meinen meiner Braut geleisteten Schwur gebunden?"" „Nein, Herr Lindenstein, Sie sind durch diesen Sckwur nickt gebunden; aber trotzdem dürfen Sie am Sabbat nicht rauchen!" „Herr Doctor," entgegnete Louise, „Sie wissen reckt gut, daß mein Mann sich um das religiöse Verbot nicht kümmert." „„Sie haben ganz Recht, gnädige Frau, aber dann hat ja auch sein Nichtrauchen am Sabbat keinen religiösen Werth!"" „Ick weiß das; allein ick habe mir mit der Hoffnung geschmeichelt, ihn allmählich an die Befolgung der Rkligionsgesctze zu gewöhnen. Sie haben meine Hoffnung vereitelt." „„Es schmerzt mich das ungemein, gnädige Frau; jedoch, konnte ich anders sprechen? Der Talmud.... „O, schweigen Sie doch vom Talmud! Ich hatte schon zu Hause von Ihrer . . . Vielseitigkeit gehört. Nach Ihren Predigten glaubte ich, daß man Ihnen Unrecht gethan habe; aber ich sehe, Sie gehören zu den modernen jüdischen Geistlichen, die sich nur dann des Talmuds erinnern, wenn sie ihn mißbrauchen wollen." „Sie thun mir sehr Unrecht, Madame. Die Verleumdung heftet sich an die ehrlichsten und aufrichtigsten Männer, und ich ... ." Er konnte nickt weiter reden; sein Blick war auf Eduard gefallen, der so ironisch lächelte, daß eö ihm unmöglich wurde, feine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit noch ferner zu betheuern. Cr nahm seinen Hut und empfahl sich. . „Du hast dem Pfaffen gut beimgeleucktet!" rief Eduard, als Dr. I. sich entfernt hatte. „„Und Du, Eduard,"" entgegnete Louise, „„Du wirst Dick doch nach dieses Mannes falschem Ausspruch nicht richten wollen?"" „Du vergissest unfern Vergleich, liebes Kind!" „Sieh', nimm doch Vernunft an," fuhr er begütigend zu reden fort, als eine Thräne im Auge Louifen'S blinkte, „im Grunde hat der Pfaffe doch Recht. Was soll das für einen Zweck haben, wenn ich Dir zu Liebe und nur Dir zu Liebe Sonnabends nicht raucke? „„Das Wissen habe ich wohl, mir fehlt der Glaube!"" Ein religiöses Thun oder Lassen kann doch nur Werth haben, wenn es von der religiösen Ueberzeugung getragen wird, nnd diese fehlt mir gänzlich." Louise bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und sprach, bitterlich weinend: „Ich bin das unglücklichste Weib auf Gottes Erdboden!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: I>r. Lehmann. — Verlag der Le Nvrix'schen Hosbuchhandlung. — Dampf-Schneliprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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