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Der Israelit · 1869-01-20 · Heft 3 (20.1.1869) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 3 (20.1.1869)
Date
1869-01-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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43 Eduard und Louise sind nunmehr fast drei Monate verheiratet; sie haben eine schöne Hochzeitsreise gemacht, sind in Paris und London gewesen und leben jetzt seit sechs Wochen in ihrer eleganten Häuslichkeit zu N. — Eduard hat sein Thun und Lassen ganz nach den Wünschen seiner jungen Frau eingerichtet, und glückathmende Briefe verkünden im elterlichen Hause zu H. der Tochter Wohlergehen. Es war am Vorabend des Sabbats im schonen Chanukafeste; noch brannten die Lichter, die Eduard zur Erinnerung an die Mackabäerzeit angezündet hatte. Das Sabbatmahl war beendet, und Louise schlug ihrem Gatten eine Lectüre vor. Gern ging Eduard auf den Vorschlagein. Doch bat er vorher um die Erlaubniß, sich eine Cigarre anzünden zu dürfen. „Du scherzest," entgegnete Louise, „Du hast mir doch geschworen, am Sonnabend nicht zu rauchen!" „„Und heute ist erst Freitag!"" erwiderte Eduard. „Aber, Eduard, Du weißt recht gut, daß der Sabbat schon am Freitag-Abend beginnt." „„Wohl weiß ich das; aber ich habe ja nicht geschworen, am Sabbat nicht zu rauchen, sondern am Sonnabend. „Das ist Sophisterei, Eduard." „„Nun wohl, Du sollst Recht haben. Allein ich will Dir aufrichtig gestehen, daß es mir ein zu großes Opfer ist, am Samstag nicht zu rauchen; ich werde mich von meinem Schwure dispenstren lassen." „Du scherzest wiederum, das geht ja nicht!" „„Nun, wir wollen uns vergleichen! Dispensirt mich unser vr. I., so gibst Du mir nach; thut er es nicht, so folge ich Dir."" „Diesen Vergleich kann ich leicht eingehen; es ist ja ganz unmöglich, daß Dir auch ohne Deinen Schwur der Rabbiner erlaube, am Sabbat zu rauchen." Am folgenden Tage nach dem Gottesdienste begab sich Eduard zum Rabbinen. „„Doctor!"" rief er ihm entgegen, „„Sie haben ganz ausgezeichnet gepredigt! Und so fromm! Sie sind ja seit jüngster Zeit ein ganzer Chaßid geworden!"" „Ich folge Ihrem Beispiele, Herr Lindenstein?" „„Nein, Scherz bei Seite! Wie kömmt'-, daß Sie seit einiger Zeit so fromm predigen? Das war doch sonst Ihre Gewohnheit nicht! Ich glaube gar, es geschieht meiner Frau zu Liebe!"" „Sie haben nicht so ganz Unrecht, Herr Lindenstein; eine so aufmerksame und regelmäßige Synagogenbesucherin muß man sich zu gewinnen und zu erhalten suchen." „„Wahrhaftig, viel Ehre für meine Frau! Aber Herr Doctor, Sie haben meine Häuslichkeit noch gar nicht kennen gelernt. Speisen Sie morgen Mittag mit uns!"" „Ich werde Ihrer freundlichen Einladung Folge leisten." „„So, das wäre abgemacht. Nun aber hätte ich Sie noch um Etwas zu bitten. Sehen Sie, Herr Rabbiner, ich habe als Bräutigam geschworen, am Sonnabend nicht zu rauchen; nun habe ich das allerdings schon zweimal vorher beschworen; das erste Mal — wie Sie mich es lehrten — am Berge Sinai; ich erinnere mich zwar dessen nicht mehr, wir wollen es aber einmal gelten lassen. Das zweite Mal beim feierlichen Acte der Consirmation. Die beiden ersten Schwüre, die ich nur mit dem lieben Gott auszumachen habe, geniren mich nicht; aber bei dem dritten habe ich es mit meiner Frau zu thun. Könnten Sie mich nicht davon dispenstren?"" „Herr Lindenstein, was muthen Sie mir zu?" „„Ich werde mich Ihnen erkenntlich zeigen. Verkünden Sie uns morgen Mittag bei Tisch Ihr neues Dogma! O, Sie sind ein gescheidter Mann, Sie können Alles, was Sie wollen. Adieu, Doctor!"" Am andern Tage fand sich Dr. I. pünktlich im Lindenstein'schen Hause zum Essen ein. Louise war sehr erfreut über diesen Gast; er wußte so schön, so fromm, so salbungsreich zu sprechen. ,,„A propos, Doctor,"" sagte Eduard während des Essens, „„ich habe da einen kleinen Streit mit meiner Frau, den Sie entscheiden sollen. Ich habe als Bräutigam meiner Braut geschworen, am Sonnabend nicht zu rauchen. Louise behauptet nun, der Schwur beziehe sich auch auf Freitag-Abend."" „Ihre Frau Gemahlin ist vollkommen im Rechte; der Freitag-Abend gehört zum Sabbat." „„Wohl zum Sabbat, aber nicht zum Sonnabend. Uebrigens will ich darüber nicht streiten. Aber ich möchte mich gern ganz davon dispensiren lassen!"" Der Doctor lächelte. „Wie kann man," sagte er, „von solch einem Schwure dispensiren?" Louise blickte triumphirend auf ihren Gemahl. „Wir jüdische Geistliche," fuhr vr. I. zu reden fort, „haben gar nicht das Recht zu lösen und zu binden. Man kann wohl einen Schwur aufheben, wenn unvorhergesehene Fälle eintreten, die der Schwörende zur Zeit des Schwures nicht wissen konnte und die ihn dann seinen Schwur bereuen lassen. Es hat z. B. Jemand geschworen, eine Reihe von Tagen zu fasten; aber da tritt ein Unwohlsein ein, das ihn hindert, seinen Schwur auszuführen; in diesem und in ähnlichen Fällen kann man dem Bereuenden den Schwur oder das Gelübde auflösen. Niemals aber kann man ein Gelübde lösen, das man einem andern Menschen gethan oder einen Schwur, den man einem andern Menschen geleistet hat — und Sie, lieber Lindenstein, Sie haben ja Ihrer Braut geschworen." j.

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