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Der Israelit · 1869-01-06 · Heft 1 (6.1.1869) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 1 (6.1.1869)
Date
1869-01-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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10 I. Da die Geschäftsordnung des Congresses eine octroyirte, so solle der constitutionellen Weise gemäß dieselbe vor Allem in Berathung gezogen, respectwe revidirt werden. II. Da die Tendenz des Congresses eine Verständigung und Versöhnung der Parteien sein solle, so soll in demselben nicht das Majoritätsprincip statthaben, sondern Parität zwischen den offenbar sich im Congresse befindlichen Parteien herrschen. Der Präsident erwidert, daß er diesen Antrag zurückweisen und sogar dessen Aufnahme ins Protokoll verweigern müsse, weil nach seinen Anschauungen die vom Minister vorgelegte Hausordnung für die gegenwärtige Sitzungsperiode endgiltige Kraft besitze, und nur für einen demnächstigen Congreß eine solche Autonomie zu vereinbaren sei; der zweite Theil des Antrags aber sei gegen § 68 der Hausordnung, nach welchem Proteste gegen Beschlüsse des Congresses unzulässig seien. Der Präsident betont, daß der Congreß über religiöse und rituelle Fragen absolut keinen Beschluß fassen werde; das Präsidium werde dafür Sorge tragen, daß der Congreß seine Grenzen strenge einhalten werde. Letztere Worte wurden, wie ich glaube vom ganzen Congresse. jedenfalls aber von Seilen der Conservariven mit großer Befriedigung ausgenommen. Zwar haben, wie ich höre, zwei derselben sich gegen die Interprenrung des § 68 zum Worte gemeldet, verzichteten jedoch darauf, auf die vom Präses privatim gegebene Versicherung, daß durch dieses Schweigen kein Präjudiz geschahen sei und man sich dadurch nicht des Rechtes begeben habe, über die Interpretation des C gelegentlich zu sprechen. Zur Beurtheilung dieses prineipiell so hochwichtigen Vorganges ist es norhwendig, sich der Schilderung der Situation zu erinnern, die ich in meinem vorigen Berichte angedeutet. Die sogenannte Majorität machte noch bis dahin und leider auch bis heute einen ebenso ungerechten als unklugen Gebrauch von ihrer Position. Ach sage sogenannte Majorität, weil dieselbe rücksichtlich essentieller und meritorischer Fragen nicht im Entferntesten constatirr ist. Bei der vor und während der Wahl der Deputaten stattgehabten unbeschreiblichen Aufregung, wurde auf viele Deputirte eine solche moralische Pression geübt und findet bei so Vielen eine Rücksicht auf Popularität statt, daß sie sich auf die jenseitige Seite setzen mußten, um sich ihren Wählern gegenüber nicht zu compromitiren; von denen sogar aus nicht wenigen Wahlbezirken eigends Leute hergeschickt wurden, um zu constatiren, daß ihre Deputirten unter den s. g. Fortschrittsmännern ihren Platz genommen. Alle culturfreundliche Deputirten, die auf der conservativen Seite sitzen, thun dies mit mehr oder weniger pan rr.’DQ, was eben ihre wirkliche Gesinnungsgenossen auf der andern Seite nicht für opportun hielten. So ist's auch im Club der Letztern gar kein Geheimniß, daß dem Wesen nach ein sehr großes Contingent derselben eigentlich in den „Tigercl-ub" gehöre, was sich auch schon bisher durch einige von Mitgliedern jener Seite gestellte Anträge, wie auch durch heftige Zwistigkeit bei Club-Berathungen daselbst gezeigt har. Nun wurde schon Donnerstag zwischen den beiden Clubs über die Wahl der Veristcations-Cornmission parlamentirt. Vom „ Tigerclub “ wurde die gerechte Forderung gestellt, sich über diese wichtigste aller Commissionen, injoferne dieselben beschließende Kraft hat, ja mehr noch, mit neun Mitglieder nach Majorität beschlußfähig ist, so daß fünf Mitglieder das Urtheil über alle zu verisicirenden Mitglieder des Congresses in Hände haben, über eine Parität, allenfalls über ein den bisherigen Resultaten entsprechendes Verhältniß zu verständigen. Jene aber stießen Alle diese Anträge in ungebundener Vergewaltigung zurück, und warfen nur wie Brosamen die Gnade hin, zwei entschieden dem „Tigerclub" angehvrigeDeputirte aufzunehmen. Dies alles war schon Donnerstag Abends bekannt. Daß nun dieser Mißbrauch mit der Personalmajorität zu der größten Besorgniß Veranlassung gibt, braucht nicht erst gesagt zu werden. Dieser Mißbrauch ist aber eben so unklug wie ungerecht, da hierdurch selbst diejenigen, welche so gern eine vernünftige, gewisfensberuhigende und irgendmögliche Brücke schlagen wollen, in die Unmöglichkeit versetzt werden, Selbstvertrauen zu gewinnen, oder gar dafür bei Andern sich zu bemühen. Es interpretirt dieses sehr eigenthümlich die Syrenengesänge von Verständigung, Annäherung und möglichst befriedigender Aussöhnung, welche so weit eS nur der Worte bedarf, wie Honigseim aus dem Munde der Quasi-Majoritat fließen. Die unbilliger Weise mit Besorgniß erfüllte Seite muß daher alle möglichen, gesetzlichen Mittel ergreifen, um dem Umsichgreifen der Vergewaltigung, die nur zu viel Anknüpfungspunkte mit der Gefährdung der Gewissensfreiheit hat, Schranken zu setzen. Dies die Ursprungsgeschichte des erwähnten Antrages und ähnlicher in folgenden Sitzungen gestellter, die zwar in den vorliegenden Formulirungen nur von Einzelnen und nicht vom ganzen Club ausgingen, dem Principe nach aber die Sympathien nicht nur der übrigen Mitglieder, sondern auch aller Redlichdenkenden haben müssen. Auch ist mit der Abweisung des Präsidenten hierüber durchaus noch nicht das letzte Wort gesprochen, worüber die „Reue freie Presse" in Wien, der man bekanntlich am allerwenigsten Sympathien für die jüdische Orthodoxie vorwerfen kann, sehr beherzigenswerthe, gerechte Correspondenzen bringt. Es wurde nur noch die Fünfzehner - Commission, nebst 4 Ersatzmännern und die Fünfer-Commission zur vorläufigen Prüfung der etwa unter ersteren befindlichen Nichtverificirten gewählt, wobei die conservative Partei in Voraussicht der bei erwähnter Vergewalti-

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