Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1869)
- Date
- 1869-01-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Poststempel N. tragt; rasch öffnet und liest er ihn; in freudigem Lächeln erglänzt sein Gesicht. „Louise," redet er die schöne, achtzehnjährige Tochter an, „ick habe erfreuliche Nachrichten für Dich!" „„Für mich, Papa!"" „Za! Du bist vor einigen Monaten achtzehn Jahre alt geworden; es wird Zeit, Dich zu versorgen." Louise erröthete. „„Aber Papa,"" sagte sie, „„hätte das nickt noch Zeit?"" „Nein, mein Kind, Deine Mutter und ich, wir muffen das besser versieben. Hast Du schon von dem reichen Lindenstein in N., meinem alten Geschäftsfreunde, gehört?" „„Gewiß, Papa, Tu hast seiner schon häufig rühmend erwähnt."" „Er hat einen einzigen Sohn. Der junge Mann soll ein seiner, liebenswürdiger, gebildeter Herr sein." „„Ist er auch religiös?"" „Das ist er leider nicht; aber ich denke, Du wirst ihn schon ändern. Wie so die jungen Leute jetzt sind! Wird er erst ein gesetzter Ehemann, so wird er auck gewiß die Jugendthorbeiten lassen. Sehr bald wird Herr Eduard Lindenstein und mit seinem Besuche erfr um. Empfange ihn freundlich." „„Wenn Du ee befiehlst, Papa!"" „Ja, ick befeble es. Diese Partie ist seit einer Reihe von Jahren einer meiner Lieblingswünsche; eine solche innige Bereinigung zweier bedeutender Häuser ist auck voribeilhaft sür's Geschäft. Uebrigens wird es Dir nicht schwer werden, freundlich gegen einen schönen, liebenswürdigen, jungen Mann zu sein." Als Herr Abrens einige Stunden später im Privatcabinet seines Comptoirs faß, wurde ihm der junge Lindenstein gemeldet. Der Banquier eilte ihm entgegen und reickte ihm beide Hände. „Seien Sie mir herzlich willkommen!" rief er, „was macht Ihr Herr Vater, mein alter Freund?" „„Ich danke Ihnen; er freut sich auf den Augenblick, in welchem er das Glück haben wird, seinen Freund wiederznsehen."" „Nun, dazu wird sich hoffentlich wohl bald die Gelegenheit bieten. Setzen ^ie Sich zu mir und erzählen Sie mir von Ihrem Vater, von Ihrer Heimath, von Ihrer Reise!" Bald waren die Beiden in ein eifriges Gespräch vertieft. Herr AbrenS betrachtete feinen künftigen Schwiegersohn mit Wohlgefallen. Eduard Lindenstein war ein schöner, junger Mann von 25 Jahren; zwar etwas blaß, aber das machte ihn nur „interessant". Er war ein vollendeter Weltmann; aber auch im „Geschäft" wußte er Bescheid; das merkte der alte Ahrens bald." „Mein lieber junger Freund," sagte er, nachdem die Beiden ein Stündchen verplaudert hatten, „darf ich Sie jetzt meinen Damen zusühren?" „„Ick habe keinen sehnlicheren Wunsch,"" entgegnete Eduard. Als die Beiden bei den Damen eintraten, war Louise sehr verlegen; aber das freie und ungezwungene Benehmen Eduard's half ihr bald über alle Ver- > legenheit hinweg. Wie war dock der junge Mann! hier so etr ganz anderer als vorhin im Privatcabinet des AhrenS'scken Comptoirs! Dort ein ernster Geschäftsmann, converstrte er hier, wie wenn es keine höhern Interessen für ihn gäbe als Theater und Promenade, sprach eingebei'd über die neuesten Erscheinungen in der Literatur, wußte so hübsche Anecdoten von berühmten Schriftstellern, Staatsmännern. Schauspielern, Virtuosen, die er znm Theil persönlick kannte, zu erzählen! Louise und ihre Mutter waren ganz entzückt von der liebenswürdigen, einnehmenden Persönlichkeit des jungen Lindenstein. Als dieser fick empfohlen hatte, warf fick Louise ihrer Mutter um den Hals und bekannte, j daß sie sich glücklich schätzen würde, den Mann zu erhalten, den die Liebe ihrer Eltern ihr ausgesucht batte. Frau Ahrens hatte nichts Eiligeres zu thun, als ihrem Gatten davon Mittheilung zu macken. Auch aus Eduard hatte das junge Mädchen einen vortheilhaften Eindruck gemacht. Frau Ahrens Hatto ihn auf den Abend zum Souper geladen; ehe er bei diesem erschien, suchte er Herrn Ahrens aus und warb bei ihm um die Hand seiner Tochter. „Mein lieber junger Freund," tagte der Banguier, „ehe ick meine Zustimmung gebe, müssen wir noch einen wichtigen Punkt erörtern. Sie wissen, mein Haus ist ein strengreligiöses und so ist auch meine Tochter erzogen." „„Ich weiß das, Herr Ahrenö! Ich hätte auch nie um ein Mädchen geworben, das anders erzogen wäre. Für Frauen ist die Religion etwas unerläßlich Notwendiges. Es wird mir selbst lieb sein, wenn meine künftige Frau die Haushaltung nach jüdischem Religionsgesetz einrichtst."" „Gut, gut! Sie werden also Ihrer Frau kein Hinderniß in den Weg legen, wenn diese religiös leben will. Aber Sie selbst? Sie haben dock auch eine jüdische Erziehung genossen?" „„Freilich! Nun, ick werde mich bemühen, den Wünschen meiner Gattin entgegen zu kommen. Die Liebe vermag viel!"" „Das war's, was ich hören wollte. Kommen Sie, ich führe Sie zu Louistn!" Nock an demselben Abend wurde das Verlobungsfest gefeiert. (Forts. folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Lr. L ehmann. — Verlag der Le Sloux'schen Hofbuchhandluna. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.