Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1869)
- Date
- 1869-01-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7 Feuilleton. Unmöglich. Erstes Capitel. Nur keinen Fanatismus! „Sie wollen also nicht darauf eingehen, Herr Rabbiner?" „„Ich kann nicht! So gern ich Ihrem Herrn Vater dienen möchte, allein _ „Sie irren, nicht meinem Vater sollen <5>ie^dienen, Sie sollen Sich selbst dienen, ein großes Stück Geld ohne Mühe, ohne Auslagen erwerben!" „„Nicht für alle Schatze Indiens sind mir meine Grundsätze feil."" „Jbr? Grundsätze? Sagen Sie lieber: Ihr Fanatismus! Mein Vater, der Ihre gedrückte Lage kennt, der weiß, wie schwer es Ihnen wird, bei geringem Einkommen eine zahlreiche Familie zu ernähren, schickt mich zu Ihnen, Sie zu bitten, die Herrath. meiner Schwester mit dem jungen Eduard Lmdenstein aus dem benachbarten N. zu vermitteln, nur um Sie dabei ein Sümmchen verdienen zu lassen, und Sie verweigern es! Glauben Sie, ich werde keinen andern Vermittler finden!" „„Aber lieber Herr Ahrens, ich babe Ihnen bereits gefügt, daß der junge Herr Lindenstein durchaus keine Partie für Ihr Fräulein Schwester ist. Der junge Mann ist ein tznn vivant, den Sabbat entweiht, verbotene Speisen genießt und auch nicht sittlich lebt."" „Sind ^>ie davon überzeugt, Herr Rabbiner?" „„Sicherlich; es sind hundert glaubwürdige Zeugen dafür da, und der junge Mann selbst macht kein Hehl daraus. Ich kann mir nicht denken, daß Ihr frommer Vater einem solchen Manne seine religiös erzogene Tochter zum Weibe geben will!"" „Mein VAer ist wohl ein frommer Mann, aber er ist kein Fanatiker; er ist tolerant, er weiß die Zeit- Verhältnisse zu berücksichtigen. Der junge Lindenstein ist der einzige Sobn und Erbe seines reichen Vaters. Was die Religiosität und die Moral anbetrisst, so wird meine Schwester einen wohlthatigen Einfluß auf iyn üben." „„Wie können Sie so reden? Heißt daS nickt das ewigeHeil seines Kindes freventlich auf's Spiel setzen?"" „Verzeihen Sie, Herr Rabbiner, wie können S i e so reden? Wissen Sie nicht daß Jakob bestraft wurde, weil er seine Tochter dem Esaw entzogen, die ibn hätte bessern können?" „„Ach, Herr Ahrens. Sie dürfen unsere Verhältnisse nicht mit denen von damals vergleichen! Es ist wahr, es gelingt manchmal, daß ein edles Weib einen leichtsinnigen Mann bessert — aber unter hundert Malen ist das Gegentheil der Fall. O, Herr Ahrens, Ihr Herr Vater ist ein reicher Mann; die Mitgift, die er gibt, ist bedeutend — warum sucht er sich nicht einen weniger reichen, aber gottesfürchtigen Schwiegersohn?"" „Weil meine im Reichthume erzogene Schwester standesgemäß versorgt werden muß; weil sie nicht daran gewöhnt ist, sich Entbehrungen aufzulegen!" „„Und wer bürgt Ihnen für die Dauer des Reichthums?"" „Herr Rabbiner, ich bin nicht gekommen, mit Ihnen zu rechten, sondern Ihnen einen Gefallen zu thun. Weisen Sie unsere Güte zurück, so haben Sie das Ihrem eigenen Fanatismus zuzuschreiben. Unser Entschluß steht fest!" „„Mögen Sie ihn nickt bereuen! Auch mein Entschluß steht fest, und ich werde ihn nie bereuen. Gott, der Allgütige, har mir noch immer geholten; Er wird mich nicht verlassen. Ich bin auch im Vertrauen aus Gott „Fanatiker". Und nun, leben Sie wohl, ich habe bereits zu lange in Geduld Ihre ungeziemende Ausdrucksweise mitangehört."" „Verzeihen Sie. ick wollte Sie nicht kränken; aber es schmerzt mich zu iefyeit, wie der Fanatismus vernünftige Leute verblendet." „„Schon wieder der „Fanatismus"! Herr, glauben Sie, Sie dürften mich beleidigen, weil Sie ein reicher Mann und? Ist das Fanatismus, wenn ich zu einem schmählichen Handelsgeschäft meine Hand nicht bieten, wenn ich nickt mithelfen will. Rerchthum zu Reichthum zu kuppeln, gleichviel ob die Emunah darunter leidet oder nicht? Nicht ich, Sie und die Ibrigen find Fanatiker der schlimmsten Sorte, Fanatiker des Geldbeutels, götzendienerische Verehrer des «Goldes!"" „Ha. ha, unser Fanatismus bringt uns wenigstens Geld ein, der Ihrige laßt Sie heute mindestens 500 Thaler wegwersen!" Lachend ging der junge Ahrens von dannen, den Rabbinen in der größten Aufregung zurücklassend. Der Letztere schrieb sofort einen eindringlichen Brief an den Vater — umsonst. wenige Wochen nachher wurde der junge Lindenstein durch einen andern Vermittler aufgefordert, nach.H. zu kommen, um die Hand des Fräulein Louise Ahrens zu erringen. Zweites C a p i t e l. Die Verlobung. Der Banqnier Ahrens saß mit den Seinigen am Frühstückstische. Ein Bedienter in reicher Livree brachte aus silbernem Teller die mir der Morgenpost eingelausenen Briefe herein. Einen nach den andern betrachtet der Banquier und legt ibn bei Seite, obne ihn zu öffnen; es sind Geschäftsbriefe. die erst später im Comptoir geöffnet werden; da aber findet er einen Brief, dessen Adresse von bekannter Hand und der den