Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 53 (30.12.1868)
- Date
- 1868-12-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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988 „ Dein Sohn hat zu kommen, Jude," schrie ihn "der Schach an, „und nicht Du! Dein grauer Bart hat Dich gar geschwätzig gemacht." Wag war zu thun? Jecheökiel eilte heim, rief Jakob zu sich und sprach zu ihm: „Theurer Jakob, auch unsere Ahnen wurden in harte Versuchungen gebracht, auch ihr Leben stand auf dem Spiele und für Nichts achteten sie es, als es galt, den großen Namen Gottes zu heiligen. Stärke Dich und werde zum Manne; geh' hin, ich will beten für Dich, und der, welcher unfern Stammvater Abraham und die weisen Jünglinge Chananja, Mischael und Asariah vom Kalkofen rettete, er wird Dich dem doppelten Verderben entrinnen lassen. Groß wird sein der Lohn Deiner Seele, so Du dem verzehrenden Feuer dieser Versuchung widerstehen kannst!" Wie von einem heiligen Gefühle gehoben, schritt Jakob dem Harem zu. Roxana war wieder allein. Wiederum und ungestümer spielte sie die Rolle der Frau des Potiphar. Doch Jakob wußte während einiger Tage ihre Leidenschaft gleichsam auszuhalten. Die 'Vorsehung stand ihm sichtlich bei, denn Roxana sollte erst dann zum Aeußersten schreiten, wann Jakob's Standhaftigkeit und Unschuld Zeugen finden konnten. Acht Tage hindurch mußte er täglich in den Harem; noch hatte die Leidenschaft der Favoritin des Schach ihren Höhepunkt nicht erreicht. Jndeß hatten die anderen Bewohnerinnen des Harems Verdacht geschöpft gegen Roxana; einige ihrer ästigsten Rivalinnen wußten sich in ein angrenzendes geheimes Gemach, von dessen Vorhandensein Roxana keine Ahnung hatte, einzuschleichen und sich so die Gewißheit der Treulosigkeit der Beneideten zu verschaffen. Hocherfreut über diese Entdeckung, hatten sie nichts Eiligeres zu thun, als dem schach die Kunde davon hinterbringen zu lassen; Anfangs wollte er nicht daran glauben und erst als sie ihm Alles erzählten, was sie erlauscht hatten, da willigte er ein, sich in dem Nebengemache zu verstecken, sobald Chakim Jakob zu Roxana gerufen würde. Am achten Tage kam Chakim Jakob zu Roxana, welche nicht ahnen konnte, daß in einem anstoßenden Zimmer der König selbst Zeuge ihrer verbrecherischen Absichten werden sollte. Mohammet konnte von seinem Verstecke aus nicht nur Alles mitanhören, sondern auch die leiseste Bewegung der beiden Anwesenden beobachten. Wie immer so auch diesmal trat Chakim Jacob gesenkten Blickes ein; er wagte es nicht, seine Augen zu erheben. „Höre," redete Roxana Jakob an, „heute wirst Du meinem Willen folgen, oder Du sollst meinen Zorn erfahren, Dich sammt Deiner Familie werde ich in?S Verderben stürzen, so Du noch widerstrebst. Gehorche mir oder Du bist verloren!" Und Jakob wollte beginnen, ihr das Scheußliche einer solchen Thal nochmals mit eindringlichen Worten vorzustellen: „Willst Du," sprach er, „Dich und mich um eines sündhaften Triebes willen vernichten, willst Du beflecken die Ehre des großen Schach"? — Doch sie ließ ihn nicht ausreden; sie erhob sich drohend von ihrem Lager mit den Worten: „Du wirst Deinen Starrsinn bereuen, denn so Du Dich ferner weigerst, werde ich meine Diener rufen und Dich anklagen! Du weißt, welches alsdann Dein Loos sein wird." Mit diesen Worten fuhr sie wie wüthend auf Jakob zu und wellte ihn gewaltsam zu sich ziehen. Da erfaßte Jacob ein heiliger Muth, mit einem Sprunge war er am Fenster, zerbrach mit starker Hand das Gitter und warf sich durch dasselbe in den tief unten liegenden Garten. Da schrie Roxana hell auf, aber Niemand kam. Der Schach, welcher dieser Scene genau gefolgt war, stellte einige Sclavcn vor das Gemach seiner Favoritin; er selbst aber eilte in den Garten, um sich nach Jakob umzusehen. Er fand ihn bewußtlos daliegend, gebadet in Blut, das aus einer Kopjwunde reichlich floß. Sanft erfaßte der König des Verwundeten Haupt und legte es auf seine Knie; der große König war hingerissen von Bewunderung ob der mächtigen Willenskraft Jakobs. Geschäftige Diener brachten stärkende Mittel, deren Wirkung bald bemerkbar wurden. Jakob schlug die Augen auf und siehe da, sein Haupt ruhte auf den Knieen seines Königs. Er erzitterte. „Fürchte nichts, mein Sohn," sprach der König, „ich war Augenzeuge Deiner tugendhaften Thot, Du hast den Tod vorgezogen der Sünde, Du hast Dich erwiesen als getreuer Sohn der Lehre, welche Euch der große Prophet Moses vom Himmel gebracht hat. Fortan ernenne ich Dich zum Arzte meines Harems; in Deinen Händen weiß ich die Tugend meiner Frauen gesichert. Gelebt sei der Weltenbeherrscher, dessen wachendes Auge seine Getreuen beschützt!" Jakob hatte sich bald erholt von seinen Wunden, sein Ruf ward immer größer, aber auch seine Gottesfurcht. Noch heute lebt er glücklich und geehrt und hoch angesehen bei der persischen Negierung. Und Roxana? Sie erlitt die Strafe, zu welchen die Sultane ihre untreuen Frauen verurtheilen. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Irr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.