Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1868)
- Date
- 1868-12-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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968 1er zurückkehrte, wurde auch er verhaftet, rettete aber sein Leben durch ein sofortiges Geständniß. Er mußte das 8»uto dsvito*) anlegen, und mußte in diesem schmachvollen Kleide der Hinrichtung seiner Eltern und Geschwister beiwohnen. Man hat ihn nie wieder lächeln sehen. Ich war meines Vaters ältester Sohn; als ich dreizehn Jahre zählte, weihte mich mein Vater in die Lehren des Judenthums ein und in die Unglücksgeschichte unseres Hauses. „Diego", sprach er, „hast Du Kraft und Muth, Dir eine schwere Lebensaufgabe zu stellen?" Als ich es bejahte, fuhr er fort: „So «erde Deinen unglücklichen Brüdern ein schützender Engel!" „„Und wie kann ich das vollbringenfragte ich. — „Höre mein geliebter Sohn," antwortete mein Vater, „ich will Dich zum Geistlichen erziehen lassen; suche dann in das Jnquisitionstribunal zu gelangen, so wirst Du Deine Brüder schützen können. Gelingt eS Dir, auch nur ein Leben zu retten, so hast Du Dich nicht vergebens gemühet." — Ich willigte ein; ich zeichnete mich durch Lern- und Glaubenseifer aus, meine Vorgesetzten ehrten und liebten mich; ich stieg von Stufe zu Stufe auf der Leiter der Hierachie. Ich hätte bereits Bischof werden können; allein ich zog eS vor, Oberrichter beim Jnquisitionstribunal zu werden, um den Zweck meines Lebens zu erreichen; gestern Abend und heute habe ich ihn erreicht!" „„O, Ihr edler Mann," rief Don Antonio begeistert aus, „wie bewundere ich Euch! Welche einen schweren Beruf habt Ihr erwählt! Euer Großvater ist für den heiligen Glauben der Väter gestorben, Ihr aber lebt dafür unter tausend Opfern und Entbehrung n! Ihr seid schon im Leben ein heiliger Märtyrer, ein Retter Eures Volkes!"" „Ich thue nur meine Pflicht; aber jetzt laßt uns die Feier beginnen! Ich habe schon seit vielen Jahren keinem Seder mehr beigewohnt." In gehobener Stimmung begann man das Seder und vollendete es in heißem Dankgefühl gegen Gott, dm Retter aus der Roth. Auch Don Diego del Medigo zeigte sich als ein erfahrener Kenner des jüdischen Schrifttums; die drei Männer konnten nicht ferttg werden, sich gegenseitig die Worte der heiligen Schrift und der Weisen zu erklären. Dann aber ertönten auch die Jubellieder zum Preise des Allmächtigen. Namentlich wurde das „Nischmath" in heißer Andacht gebetet: Der Odem alles Lebmdigen möge preisen Deinen Namen, Ewiger, unser Gott; außer Dir haben wir keinen König, Erlöser und Helfer, — Befreier, Erretter, Ernährer, Erbarmer zu jeder Zeit der Noth und des Drangsalbist Du, unser König, nur allein!" Um Mitternacht trennte sich Diego von seinen neuen Freunden, damit sein längeres Ausbleiben keinm Verdacht errege. Don Antonio benutzte die erste, sich darbietende Gelegenheit, seinen Grundbesitz zu verkaufen; durch die Vermittelung des Oberrichters der Inquisition erhielt er die Erlaubniß auszuwandern; Perez Morteirabegleitete ihn; sie wandten sich nach Salonichi, woselbst Don Antonio del Banco seinem ihm liebgewordenen Freunde Perez Morteira seine Tochter Speranza zur Gattin gab. Perez fügte seinem Namen den seines Schwiegervaters bei; das Geschlecht der Morteira del Banco blüht noch heute in Salonichi. Immer noch wird in diesen Familim am Peßachfeste von jener Sedernacht zu Madrid erzählt. Dann wird auch des edlen Diego del Medigo gedacht, der als Oberrichter des JnquisitionStribunalS noch vielen verfolgten Marannen das Leben rettete, bis er selbst seinen Vorgesetzten verdächtig und von seinem Amte entfernt wurde. Er wurde zur Sttase in ein Kloster gesperrt, wußte aber die Flucht zu ergreifen und begab sich nach dem heiligen Lande. Obgleich schon hochbetagt, ließ er doch die Beschneidung noch an sich vornehmen; dann verheirathete er sich und ward der Stammvater eines blühenden Geschlechtes. Die Inquisition wüthete in Spanien bis zum Jahre 1808, in welchem Jahre sie König Joseph Bonaparte durch Decret vom 4. December aufhob. König Ferdinand VII., der Vater der nunmehr^verjagten Jsabella II., versuchte zwar wiederholt, sie wiederherzustellen; sie fand jedoch in der neuen Zeit keinen Boden mehr. Allein in den ersten Jahren ihres Bestehens hat die Inquisition 13,000 Menschen verbrennen lassen, von denen die Meisten Marannen waren; während ihrer ganzen mehr als 300jährigen Existenz hat sie circa 350,000 Opfer gefordert. Sie ist G. s. D. todt und begraben für immer. Aber Juden und Judenthum leben noch, und hoffentlich werden bald wieder die Sedernächte in Madrid nicht mit Bangen und Zagen, sondern in Freude und Jubel — nicht in Kellern und unterirdischen Gewölben, sondern in unverschlossenen Wohnungen gefeiert werden. Ihr Helden der vorstehenden Erzählung: Diego, Antonio, Perez, Alonzo, Maria, Speranza, könntet Ihr aus Euren Gräbern erstehen und erfahren, daß die Freiheit herrscht in Madrid, daß Wahn und Vorurtheil und Glaubenshaß jetzt endlich auch aus Spanien geschwunden sind! — *) Einen Rock ohne Aermel — an welchen das Andreas» kreuz geheftet war — auf einem schwarzen Untertteide. Hier-» zwei »rila-eu. Verantwortliche Redaction: br. Lehmann. — Verlag der L« Rour'fchrn Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Sottsleben in Mainz.