Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1868-12-16 · Heft 51 (16.12.1868) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 51 (16.12.1868)
Date
1868-12-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447343-2447392--06728-2462298
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

948 des Gottesdienstes zum Aerger und Verdruß aller Religiösgesinnten verübt wird. Aber was ist nicht alles ad majorem dei gloriam erlaubt, wenn man nur auf den Boden des Fortschritts steht! Schweiz. In der freien Schweiz kommen mitunter seltsame Dinge vor. Ein Bauer von Cerlatez (Bern) ladet in St. Inner bei einem Steinhauer einen Grabstein auf seinen Wagen, den er dem Andenken seines Vaters setzen will. Während er im Wirthshaus mit dem Steinhauer ein Glas Wein trinkt, kommen zwei Juden heran, besehen den Stein und prodiren mit den Fingern die Glätte seiner Politur. Der Bauer sieht'-, hält die Seele seines Vaters für gefährdet und weigert sich den Stein zu nehmen, obwohl er ihn bezahlt hat. Zum Glück findet dcr Steinhauer einen Ausweg, er holt den Pfarrer, der den Teufel aus dem Steine treibt. Run ist der Bauer beruhigt. Zürich, 6. Dec. Der Kirchenartikel (Art. 69) lautet in der angenommenen Fassung: „Die Cultus- und Lehrfreiheit ist gewährleistet. Die bürgerlichen Rechte und Pflichten sind unabhängig vom Glaubensbekenntnisse. Die kirchlichen Gemeinschaften ordnen ihre Cultusverhältnisse selbstständig unter Oberaufsicht des Staates. Jeder Zwang gegen Gemeinden, Genossenschaften und Einzelne ist ausgeschlossen. Der Staat übernimmt im Allgemeinen die bisherigen Leistungen für kirchlichen Bedürfnisse. Für die rein kirchlichen Bedürfnisse dcr Kirchengemeinden sind nur diejenigen Gemeindebürger steuerpflichtig, welche der betreffenden kirchlichen Gemeinschaft angehören." Oestcrreichrscher Kaiserstaat. Wien, 9. Dec. Die Hauptstraße von Hernals war gestern mit einbrechender Dunkelheit der Schaul platz einer argen Scene. Der Eisenhändler, Herr Neumann, war eben im Begriffe, sein Geschäftslocal zu schließen, als drei stämmische Burschen mit dem Ruse „Heut muß' a Hetz geben", ihn daran verhindern wollten. Neumann suchte dem provocirten Streite auszuweichen und schlug den Gewölbladen hinter sich zu. Nunmehr stürzten sich die Burschen auf den Laden und versuchten denselben zu erbrechen, und als dies ihnen nicht gelingen wollte, begannen sie das Fenster zu zer-! trümmern, die Rahmen herauszureißen, um auf diesem Wege in den Laden zugelangen. Bald hatte sich eine unabsehbare Menschenmenge in den Straßen angesammelt, welche dem Spektakel zusah. Die Kerle, durch den Beifall, der ihnen für ihre Heldenthaten von den versammelten Gesinnungsgenossen zu Theil wurde, ermuthigt, begannen nun mit Eisenstangen sich zu bewaffnen- und den Kampf gegen die Dienstleute Neumann'S zu führen. Da dieselben jedoch zu hitzig irr das Gefecht vordrangen, bluteten bald ihre Köpfe und nunmehr begann ein wüster Lärm mit dem Rufe: „Das IudenhauS muß heut' in Flammen aufgehen, brennen muß's, wer sich außi wagt, wird erschlagen In dem belagerten Hause schwebten sechs kleine Kinder, ein 80jähriger Gleis und eine steinalte Frau in Todesangst. Mittlerweile begann d?r Kampf in Verteidigung der Eisenburg größere Dimensionen anzunehmen, da erschien endlich ein Vertrauter und postirte sich am Tbore, und auch ein Nachbar, ebenfalls Eisenhändler, schickte seine Dienstleute dem bedrohten Hause zu Hille. Um Mitternacht endlich war Ruhe und Frieden in Hernals. Die Polizei von Hernals hatte Ruhe gefunden, denn sie hatte sich auf den Schauplatz gar nicht bemüht. Wien, 9. Dec. Anfangs 1865 begann der frühere Buchhalter Arnold Hilberg, aus Biala Gecken in Rußland gebürtig 23 Jahre alt, zuletzt Verlagsbuchhändler, hier mit einem angeblichen Fond von mehr als 20,000 st, die er von seiner Mutter dar.ebensweise erhalten haben wollte, eine Verlagsbuchhandlung. Schon sein e stes Unternehmen, die Herausgabe der (jüdischen) „Illustrirten Monatshefte" scheiterte an dem Mangel an Absatz u id Hilberg erlitt bei diesem Geschäfte einen Verlust von 7000 fl. Ein zweites Unternehmen, die „Internationale Revue" ging in Folge des österreichisch-preußischen Krieges zu Grunde. Auch hiebei erlitt er einen Vertust von 600 > fl. Ein drittes ähnliches Unternehmen, die „Zeitschrift für die gesamulten Interessen des Iuoeuthums" endete mit einem Defizit von 7000 fl. In Fotge dieser Unternehmungen war der angebliche Fond Hilberts schon zur Ostermesse 1867 ganz erschöpft. Ein Inserat in der „AugSb. Allg. Ztg." bot ihm einen Ausweg, nach welch an Hilberg sofort griff. E'r wendete sich nämlich in Folge dieses Inserates an einen gewissen Martin Seligmann in Berlin, der den Verkauf von Kellerwechseln (?) im Großen betrieb und gegenwärtig wegen W'chselfälichung in Berlin in Untersuchung sich befindet Dieser lieferte ihm eine große Menge von Kellerwechseln zu billigen Preisen, mit 2 p. Et. d r Valuta nämlich, mit Hille deren Hilberg sich noch einige Zeit weiter half, während er gleichze'tig mit seinen Gläubigern Ausgleichsunterhandlnugen einleitete, die jedoch zu keinem Resultate führten, so daß Hilbe-g endlich am 2. December 1867 Konkurs eröffnen mußte. Die Passiva betrugen angeblich 60,207 fl. 85 kr. die Activa 44,>>82 fl. 34 kr., d >s Deficit daher 15,325 fl. 51 kr., die Inventur ergab jedoch nur 18,«>23 fl. 936'> kr. Activen; doch auch dieie Summe konnte nicht realinrt worden, so daß den Glächigern nur ungefähr 5 p. Ct. ihrer Forderungen verbleiben. Hilberg churde daher wegen Betrug in Untersuchung gezogen.! l

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.